Jahrgang 
1 (1858)
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Unter dieſen Umſtänden ging's nicht, und als ſie vollends erfuhr, daß Carl oft bei der alten, treuen Cathrine, der liebevollen Pflegerin ſeiner Kindheit geweſen war, da loderte die Flamme ihres Zornes lichterlohe auf und Carl ſchied mit dem Vor⸗ ſatze, wo möglich das unglückliche Vaterhaus zu meiden, wie unausſprechlich wehe es auch ſeinem guten Vater, dem unglücklichen Kreuzträger, thun mußte.

Carl eilte, die Ufer des Rheines zu erreichen, wo liebende Herzen ſeiner harr⸗ (ten, wo er in ihrem Umgange ſich ſchadlos halten konnte für die Qualen, die er im Vaterhauſe erduldet. Nur Eins laſtete ſchwer auf ſeinem Herzen das Un⸗ lück des geliebten Vaters, das in vollen Wellen über ſeinem grauen Haupte zu⸗ Rummenſchlug⸗

Voll von dieſen Gedanken, die nicht geeignet waren, die Seele heiter und froh zu ſtimmen, nahte er ſich der Stelle am rechten Rheinufer, wo die Fähre anzulegen pflegte. Er ſah einen Trupp Menſchen hinter den Uferweiden und Krippen heraus⸗ kommen, und eilte, daß er den Kahn noch am Ufer träfe, und nahm den Weg mitten durch die Weiden, weil er ſo die Ecke, wo der Weg die Uferweiden durch⸗ ſchnitt, vermeiden und ſchneller zur Landeſtelle gelangen konnte. Es war ihm heiß geworden, und als er bei einer kleinen Lichtung der Weiden die Spitze des Kahnes ruhig auf dem Sande liegen ſah, blieb er, nun ſo nahe, daß er keiner Eile mehr bedurfte, ſtehen, um ſeine Stirne zu trocknen.

Wer mag den Kahn lenken? dachte er und bog die Weiden auseinander. Es durchzuckte ihn eigenthümlich und ſeine Seele trat in das Auge, als er Guſtel vor ſich ſitzen ſah. Das Maͤdchen ſaß an der Stelle, wo die Riemen angelegt werden in die ſogenannten Dollen. Beide Riemen ruhten noch zwiſchen den Dollen und mit ihrem ſchaufelartigen Ende im Waſſer und die beiden andern Enden kreuzten ſich noch in des Mädchens Händen, die nachläſſig auf dem Schooße ruheten. Ihre großen, ſchönen Augen ruhten im Waſſer, wo die Fiſchlein zwiſchen den Wurzeln der Weiden ſpielten. Sie war vom Riehen, wie die Bewegung der Riemen genannt wird, erhitzt. Die Wangen glhten in höherem Rothe, die Bruſt hob ſich in raſcheren Athemzügen, aber Ermüdung war's nicht, warum ſie ſo ſtille ſaß; es mußten beſondere Gedanken ſein, die die Seele beſchäftigten. Ein grober, breitrandiger Strohhut deckte den Kopf, aber unter dem Hute war eine ungehorſame Ringellocke hervorgequollen und ringelte ſich über die Schultern bis herab auf das Mieder. Das Geſicht war der Stelle zugewendet, wo Carl ſtand. Sie bewegte ſich nicht und er ſtand da, als ob ihn eine unſichtbare Gewalt an die Stelle bannte.

Iſt das meine kleine, liebe Guſtel? rief er in ſich hinein und ſeine Blicke ruhten auf dem entzückend ſchönen Bilde, deſſen Rahmen die hellgrünen Weiden dieſſeits und jenſeits, deſſen Hintergrund das grünliche Waſſer des Stromes bildete; aber er ſah nicht dieſe Rahmen, nicht dieſen Hintergrund, von dem das ſchöne Bild der Schifferin im Kahne ſich abhob, er ſah nur dieſe Schifferin, deren Schönheit ihn wahrhaft bannte. Lange ſaß das Mädchen ſo da, nicht ahnend, wie ſie belauſcht und betrachtet werde; lange ſtand Carl, in bewunderndes Erſtaunen verſenkt, zu welcher ſchönen Blüthe die ſchöne Knospe ſich im Zeitraum von kaum dritthalb Jahren entwickelt hatte, und dieß Bild, das ſchon lange auf dem Grunde ſeiner Seele geruht, nahm ſie jetzt voll und ganz ein, und dieſer Augenblick gab ihm eine Dauer, die kaum verwiſchbar ſein konnte. Jetzt hob ſie das wun⸗ derbar glänzende Auge und blickte auf den Weg, den ſie in einer ziemlich weiten Ausdehnung überſchauen konnte und als ſie Niemanden nahen ſah, wollte ſie die Riemen Anzenken in die Fluth; doch richtete ſie ſich noch zuvor von ihrem Sitze auf und Carl erblickte die edle, ſchöne Geſtalt des Mädchens, über die ein wunder⸗ barer, ehrfurchtgebietender Schmelz und Zauber frommer, reiner Jungfräulichkeit ausgegoſſen war. Sie erhob ſich, blickte, wie geſagt, auf den Weg, ſetzte ſich dann raſch und hob die Riemen.

Da ſtürzte in einer heftigen Crregung Carl hervor und ſagte: Liebe Guſtel, willſt du mich den nicht mitnehmen? Das Maͤdchen ſtieß unwillkührlich einen