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Da war denn Alles anders geworden. Guſtel war raſch zur Jungfrau er⸗ blüht, zur züchtigen, frommen Jungfrau, die wohl den ſchönen Jüngling herzlich lieb hatte, ſich aber, des Abſtands zwiſchen ihr und ihm wohl bewußt, ſich vor ihm zurückzog, wo ſie es vermochte.
Ihr erſtes Zuſammentreffen nach faſt dritthalb Jahren geſchah im Frühlinge des Jahres 1848, als Carl die Univerſität verlaſſen hatte und ſich bei dem Pfarrer zu ſeinem Examen vorbereitete, das er im Herbſte machen ſollte, und zwar in der Stadt, wo das Obergericht war, und wo er auf der Schule geweſen. Noch immer war das Vaterhaus ihm verſchloſſen, und er ein„Ausgebiſſener“. Zweimal war er doch dort geweſen, hatte ſich ſelbſt überwunden und bot Alles auf, die Stiefmutter zu gewinnen; aber kalt und abſtoßend war ſie geweſen, und wenn ſie auch nichts aͤußerte, ſo war doch ihr Benehmen entſetzlich hart und ſchroff. Seit ihr Kind geſtorben war, hatte ſich in ihrem Herzen noch mehr Bitterkeit gebildet. Das Unglück hatte dieß liebloſe Herz nicht zu Gott geführt; ſie hatte nicht nach des Heilandes Wort ihr Kreuz demüthig auf ſich genommen und war ihm nach⸗ gefolgt, ſondern nur haͤrter, erbarmungsloſer, abſtoßender war ſie geworden; miß⸗ vergnuͤgt und unzufrieden mit Allem, machte ſie ſich und Andern das Leben zur Laſt. Ihr Ausſehen ließ auf einen tiefwurzelnden Krankheitskeim ſchließen. Groß, hager, gelblichbleich und hüſtelnd ging ſie umher und kein freundlicher Blick, kein liebevolles Wort ging über ihre Lippe. Der Amtmann war froh, daß ihn ſein Beruf von Morgens bis Abends in der Amtsſtube feſſelte. Wie konnte es Carl
da wohl werden?
Was ſie gegen Carl noch mehr erbitterte, beſtand in zwei Punkten. Einmal war ihr der Gedanke nahe gelegt, daß das Vermögen, deſſen ſich der Amtmann erfreute, eigentlich Carl's Erbe von ſeiner Mutter her war, und daß, da der Amt⸗ mann von ſich her nichts hatte, und ſie völlig mittellos war, und daß nun der Zeit⸗
punkt mit ſchnellen Schritten herannahete, wo er, bei ſeiner eintretenden Volljährig⸗ keit, Herr dieſes Vermögens, wenigſtens zu einem großen Theile, werden mußte. Dann waren ſie auf die Beſoldung angewieſen und— das fühlte ſie heraus— ſie mußte ſich alsdann beſchränken. Das wurmte ihr mächtig, das konnte ſie nicht vergeſſen, wenn ſie ihn anſah, oder an ihn dachte.
Ein zweites war, Carls freie Geſinnung und ſein rückhaltloſes hartes Urtheil
über alle Verhältniſſe. Das lag damals in der Luft, möchte man ſagen, und die Jugend griff ſchonungslos in unreifem Urtheile Alles an, was irgend tadelnswerth erſchien. Anfangs hatte das dem Amtmann viel Kummer gemacht und er verſuchte es, den Mohren weiß zu waſchen. Als er es einmal dem Pfarrer ſagte und klagte, lachte der und meinte: Wer mit Neunzehn Jahren und einem kerngeſunden Leibe und Herzen die Welt nicht mit Einem Ruck umgeſtalten und Alles beſſer in den bürgerlichen und ſittlichen Zuſtänden machen will, der wird bald eine Schlafhaube. Laß ihn gehen. Der junge Moſt will braußen und gähren, aber er klärt ſich bald, wenn man ihm die Hefen genommen, ab, wird rein und golden, ſtärkend und er⸗ quickend. Die Hefen aber ſind eben hier noch unverſtandene Dinge. Laß ihn ge⸗ hen; einige Jahre ſpäter tritt er in's Amt und wird ein tüchtiger Menſch und Be⸗ amter und lacht uͤber ſeine Thorheiten, wie wir jetzt darüber lachen. Er ſoll ja nach ſeinem Examen noch bei mir weilen. Ich will ſchon ſorgen, daß die Hefen ſchnell verſchwinden.— Das hatte den Amtmann völlig beruhigt und er that, was ſein Freund ihm gerathen. Er ließ Carl ſchwatzen, lachte darüber und goß mit⸗ unter einen Strom geſunden Spottes drüber aus, was allerdings nicht ohne Wir⸗ kung blieb. Anders jedoch war es bei Carl's gallſüchtiger Stiefmutter. Die är⸗ gerte ſich fürchterlich darüber, machte ihrem Manne die bitterſten Vorwürfe, daß er dem milchbärtigen Weltverbeſſerer nicht beſſer auftrumpfe. Sie ließ ſich mit Carl in Streit und Hader ein, weil ſie ihren Grimm nicht bewältigen konnte, und ſo ſchonend auch Carl gegen ſte war, ſie fühlte doch nur zu bald, wie überlegen der Jüngling mit ſeinem reichen Wiſſen ihr war und das wurmte ihr deſto nlſen


