2
— 117—
Vater an und es rieſelte ihm kalt durch's Mark. Es kamen Thränen in ſeine Augen, aber die verbarg er und empfahl betend den Vater dem Herrn.
Der Wagen hielt und ein langer, hagerer Mann trat in die Thüre. Grüß' Gott, Herr Bruder und Freund, ſagte er und reichte dem Amtmann die Hand. Der fiel ihm um den Hals und grüßte ihn wie einen Bruder. Hinter ihm ſtand eine kurze, kegelrunde Frau mit freundlichem Geſichte, aus dem die Herzensgüte herausſchaute. Der lange, dürre Pfarrer wollte anfänglich Carl gar nicht zu Herzen gehen, denn er blickte durch ſeine Brille doch gar finſter; aber als er ihm die Hand reichte und herzlich ſagte: Nun, Patron, ich denke, wir werden noch gute Freunde werden, da fiel die runde Pfarrfrau ein: Lieber Carl, er iſt nicht ſo bös, wie er dreinſchaut, und das half über den erſten Schrecken hinaus. Der Amtmann blieb acht Tage; es ſchien, als wollte er einmal aufthauen im warmen Sonnenſchein der Freundſchaft und ſich wieder ſtählen und härten, ſein häusliches Glück mit Faſſung und Ausdauer zu ertragen. Während die Freunde im ſteten engen Verkehre waren, hielt ſich Carl meiſt bei der lieben Pfarrfrau in Küche und Garten und half, wo er konnte— Etwas, was er daheim der knörpelnden, nörgelnden Stiefmutter nie gethan, auch um kein Gut hätte thun können. Dadurch waren die Beiden recht ſchnell gute Freunde geworden. Ueberdieß war er im Städtchen herum gerannt, hatte, wie das uberall ſo iſt, mit den Buben ſchon Püffe gewechſelt und ſich durch deren Tüchtigkeit in den gehörigen Reſpect geſetzt, hatte die Netze und Fahrgeräthe des Nachbar Bender angeſehen, die ihn beſonders angezogen, denn ſie waren ihm neu, und der Bender ein freundlicher Mann. Er war Färge und hatte ſie und den Korbwagen über den Rhein geſetzt und dabei hatte ihm ſein neunjähriges Kind, ein Mädchen, wacker geholfen, das den Riemen zu führen verſtand, wie das Handruder. So waren ſie ſchon halbe Bekannte und die engere Bekanntſchaft folgte bald durch die Zuſage, daß Bender ihn mitnehmen wolle, wenn er fiſche; er hatte endlich alle Gaſſen des Städtchens durchwandert, dem Glöckner läuten geholfen und ſich an den Glockenſeilen gewippt, auch zu allerletzt die Um⸗ ebung des Städtchens in Augenſchein genommen, die vielen Obſtbäume und des Pfarrers großen Garten, der vor dem Thore lag, eine hohe Mauer zur Einfrie⸗ digung hatte, und Johannistrauben, Stachelbeeren und Obſt aller Art in Hüll' und Fülle enthielt. Mit Einem Worte: ihm war's wohler als daheim. Anheimelnd wehte ein Hauch der Liebe und des Friedens durch dieſes ſtille Haus, ein Hauch, den er ſeit der lieben Mutter Tod nicht mehr gefühlt hatte. Daß ich es kurz faſſe, dem Amtmann that's weher von dem„ausgebiſſenen“ Kinde zu ſcheiden, als dem Knaben von ihm, obgleich er ſeinen Vater recht warm im Herzen trug, und als er Abends ſein Gebet ſprach, da flehte er innig zu Gott, daß die„neue Mutter“ doch nicht auch den Vater ausbeißen möge, wie die gute Cathrine und ihn.
Gleich am andern Morgen ging's aber an's Lernen und vier Stunden waren ange⸗ ſetzt, dazu noch zwei Vorübungs⸗ und Arbeitsſtunden. Das machte aber dem Jungen keinen Kummer und kein Kopfbrechen, denn der gnädige Herr im Himmel hatte ihm die Gabe gegeben, mit großer Schnelligkeit und Klarheit Alles zu faſſen und zu verſtehen. Da blieben ihm denn noch freie Stunden in den langen Sommertagen für ſeine beſonderen Liebhabereien. Dazu gehörte inſonderheit das Angeln und Fiſchen, das hier ſo lockend war. Draußen am Rheine, wie ſchon geſagt, etwas mehr als eine Viertelſtunde vom Städtchen, ſtand das Färgenhaus oder Fährhaus, darin der alte Bender und Guſtel, ſein liebliches Mädchen abwechſelnd Wache halten mußten, ob nicht Jemand von Drüben herüber oder hinüber geſetzt ſein wolle. Der Rhein war flach und ſehr breit; die Ufer niedrig, aber dicht wie der dichteſte Schlag, mit Korbweiden an beiden Ufern bewachſen. Der Streifen der Weiden ging bis in den Rhein hinein und reichte auf dem Ufer ziemlich weit in's Land; durch das häufige Austreten des Stromes waren überall größere oder kleinere Lachen in den Weiden und ſelbſt noch in den Wieſen, die ſich hinter den Weiden bis nahe zu an das Städtchen zogen. In den Wieſen ſtanden, weil das Land holzarm iſt, eine Menge alter Weidenköpfe, geſtutzte Pappeln und Erlen, ſo daß es auch faſt wie ein ausgeſtaudeter Wald


