Wem die vergoſſenen Thränen galten?— Wer könnte es ſagen, da kein Wort über ſeine Lippen kam.—
Anders war es bei ſeiner jungen Frau. Als er hinausgegangen war, hätte ſie aufjauchzen mögen. Sie ſchlug ein Schnippchen in die Leßt und ſagte: So!
Nun iſt mein Ziel erreicht— der Range fort, und die alte Nachteule aus dem Hauſe!— Dann bin ich allein Herr im Hauſe!— Ach, einen Witwer zu nehmen, iſt ein Hartes! Hätt' ich's noch einmal zu thun!— Er iſt zwar lenkſam, wie ein
Schaf, aber ich leſe doch manchmal in ſeinem Geſichte ſo Etwas, was mit dem frechen Worte der alten Nachteule nahe zuſammenfällt!— Nun will ich ſchnell dem Buben ſeine Sachen ordnen und keine drei Tage ſoll mich ſein Anblick mehr ärgern!
Sie ging an's Werk, ordnete, flickte, ſtopfte, und ließ die Heppiſach von An⸗ dern hinter dem Rücken ihres Mannes thun, ſagte ihm aber, ſie habe Alles ſelbſt gethan. Er glaubte Alles und am Morgen des dritten Tages rollte der alte Wagen mit Vater und Sohn vom Hofe. Vorhergegangen war die Entlaſſung der alten, treuen Magd, die die rechte Hand des Amtmanns erſter Frau geweſen war, eine jener ſeltenen Dienerinnen, die noch aus dem älterlichen Hauſe mit der Tochter in das eigene übergeſiedelt war und mit voller Liebe an ihrer Frau hing und an ihrem Kinde; die mit ſelbſtaufopfernder Treue ihr Leben in ihrem Dienſte hingebracht und nun wie ein altes Geräthe auf die Seite geſchoben wurde, weil ſie mißliebig geworden war.
Sie zu entlaſſen, ging dem Amtmann an die Seele— aber es galt dem nur mühſam erhaltenen Hausfrieden! Zum Glücke war die alte Catharine nicht arm. Sie hatte ein Häuschen, was ſie bisher vermiethet und einige Grundſtücke im Städtlein. Ihren Lohn hatte ſie ſich erſpart und ausgeliehen. So ſah ſie einer Zukunft entgegen, die wenigſtens den Mangel nicht als Schreckbild ſehen ließ.
Von der Mutter war Carl der Abſchied leicht geworden. Was ſie ihm ſagte, hatte er nicht einmal ordentlich gehört. Vom Vaterhauſe und den Erinnerungen an die liebe Mutter ſich zu trennen, war ihm ſchwer geworden; aber von der guten Alten, die mit ihm von der lieben Mutter geſprochen, ihm von ihr erzählt, ü mit treuer Liebe umfaßt— von ihr ſchied er unter heißen Thränen und ihre
ermahnungen blieben friſch in ſeiner Seele. Sie klangen ihm wie Worte ſeiner ſeligen Mutter.
II.
Stiefmutter— es iſt ein Name, der in der Regel ſchrecklich klingt. Aber es gibt Ausnahmen, edle, herrliche Ausnahmen, wo das Herz mit der Pflicht auch noch die Liebe vereinigt. Haltet ſie in Ehren, Ihr Kinder, die Ihr das harte Loos traget, die eigne Mutter mit dem treuen Mutterherzen zu verlieren! Haltet ſie in Ehren, Ihr Gatten, denen das harte Loos fiel, eine zweite Ehe ſchließen zu müſſen! Sie iſt doppelter Liebe werth, die, ohne Mutter zu ſein, doch ein Mutter⸗ herz hat!
Der arme Knabe, der mit ſeinem Vater jetzt in einem Städtchen, das etwa eine Viertelſtunde oder etwas mehr vom Rheine abliegt, an einem ſchlichten Hauſe anhielt, hatte dieß Glück nicht. Die, die ſeine Mutter zu ſein am Altare Gottes geſchworen, trieb ihn ſelbſt hinaus unter fremde Menſchen, die er nicht einmal kannte. Der Amtmann ſprach überhaupt wenig und auf dieſer Reiſe war er doppelt ſchweigſam, weil ihm das Herz zu ſehr gepreßt war. Auch Carl war ſtille, obwohl ſein Geiſt ungemein lebhaft genannt werden mußte. Auch auf ſeinem Herzen lag eine ſchwere Laſt. Hatte ja doch unter heißen Thränen die alte
athrine geſagt: Uns Zweie hat ſie ausgebiſſen, und könnte ſte, wer weiß, wen ſie noch ausbiſſe! Das war ein unbedachtes, unbeachtetes Wort, was ihr im herben Schmerze entfahren war. Das war, wie ein zündender Funke in des
Knaben Seele gefahren und er ſann, wer das noch ſein möchte? Er ſah ſeinen


