Jahrgang 
1 (1858)
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Der Amtmann zog ſie an ſich und küßte ſie. Er mochte ſich glücklich preiſen, daß ſein Kind eine ſo treue Mutter gewonnen. Der Arzt kam endlich. Er unter⸗ ſuchte den Kranken und meinte, es ſei eine heftige Verkältung; verordnete das Nöthige und entfernte ſich.

Als er unten in den Flur kam, nahte ſich ihm die alte treue Magd und ver⸗ traute ihm, was ſie über die Urſache der Krankheit wußte.

Der Arzt ſchuͤttelte den Kopf, kehrte noch einmal zurück, fand das Kranken⸗ zimmer leer; änderte die Verordnung in einigen Stücken und ging dann wieder.

Die Krankheit entwickelte ſich ſchnell zu einer heftigen Bruſtentzündung, deren Verlauf übrigens ganz regelmäßig war. Die neue Mutter ſah ſehr ſelten nach dem Kranken und in der Regel nur, wenn der Vater von der Amtsſtube kam. Sie wußte es ſo einzurichten, daß er ſie dann ſtets am Krankenbette traf, was ihn rührte und entzückte,

Als Carl geneſen war, ging er wieder in ſeine Schule, ſprang wieder mit den Knaben ſeines Alters herum und ſuchte möglichſt aus dem Hauſe zu kommen, denn der Knabe fühlte es heraus, daß er der jungen Stiefmutter ein Dorn im Auge war.

Sie nörgelte aber Alles. Bald war er zu unhöflich; bald zu wild; zerriß zu viel Hoſen, Schuhe und Strümpfe; machte ſich zu ſchmutzig; war zu faul und unordentlich; ſtellte nichts an ſeine Stelle u. ſ. w. So ging's Tag aus, Tag ein. Der Knabe entfremdete dem Hauſe, dem Vater Allen. Nur die alte Kathrine

blieb ihm treuergeben und an ihr hing er mit aller Liebe, die in ſeinem Herzen

wohnte; aber dadurch, daß ſie ihn in Schutz nahm, ihn vertheidigte, verlor ſie vollends das Wohlwollen der Gebieterin, die nachgrade ein eiſernes Regiment im Hauſe einführte, dem ſich der Amtmann ſtille und geduldig unterwarf.

Die Abneigung der Stiefmutter gegen den Knaben trat immer unverkennbarer hervor, und erweckte im Herzen deſſelben die größte Abneigung gegen ſie. Selbſt der Amtmann, dem einſt die alte treue Magd die Augen öffnete, erkannte mit Seuf⸗ zen, es ſei Zeit, den Knaben zu entfernen.

Die junge Frau hatte ihn ſchon in dem Maße eingethan, daß er es nicht wagte, den wahren Grund auszuſprechen, warum er den Knaben zu entfernen denke. Der Amtmann ſagte eines Tages, es ſei doch gar ſchlimm, daß der Unter⸗ richt im Städtchen zu ungenügend ſei. Sein Carl wachſe wie ein Wildling auf.

Dem ſtimmte die Stiefmutter mit aller Heftigkeit und jenem beginnenden und dann nicht mehr zu dämmenden Strome von Klagen über des Knaben Rohheit, Ungehorſam und Unwiſſenheit bei. Er unterbrach ſie.

Weißt du was, Aiebe Louiſe, ich denke den Buben einem Freunde in den Un⸗ terricht zu geben?

Eine helle Freude blitzte aus den dunkeln Augen der jungen Frau. Sie ſah ihn fragend, aber erwartungsvoll ſchweigend, an.

Droben in der Pfalz, fuhr er fort, hab ich einen Jugendfreund, einen Geiſt⸗ lichen. Er ſſt ein ſehr tüchtiger Menſch; hat eine ſehr wackere Frau und iſt ein kinderloſer Mann. Dort allein wird Etwas aus Carl. Wie denkſt du?

Das wäre längſt mein Vorſchlag geweſen, wenn meine Worte und Wünſche Etwas gälten! ſagte ſie tiefaufſeufzend, als ob je der Amtmann es gewagt habe, irgend ihr entgegen zu ſein. Er ſuchte ſie zu beruhigen.

Thue, was du willſt, es iſt ja dein Kind, ſagte ſie; aber ſoll ich ganz zu⸗ frieden werden, ſo muß mir die alte Nachteule aus dem Hauſe, die Alles beſſer wiſſen will, als ich und ſich erfrecht, mir zu ſagen, deine erſte Frau habe es ſo und ſo gemacht, und das ſei viel zweckmäßiger geweſen. 2

der Amtmann ſeufzte noch einmal tief auf und ſagte denn: Auch das ſoll geſchehen!

Darauf ging er hinaus und in ſeine Stube, ſetzte ſich in ſeinen Lehnſtuhl, bedeckte beide Augen mit den Händen und ſaß lange, ſehr lange ſo da. Seine Bruſt hob ſich mächtig und als er endlich ſich erhob, waren ſeine Augen roth. 8*