Jahrgang 
1 (1858)
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All das bunte, fröhliche Weſen hatte bei ihm eine entgegengeſetzte Wirkung hervorgebracht. Er war ernſt, wehmüthig ſogar, am ganzen Tag geſtimmt. Er mußte, wenn er die neue Mutter anſah, immer an die liebe Mutter denken, die vor zwei Jahren geſtorben war. Wie ſchön auch die neue Mutter war, ſeine liebe Mutter war doch ſchöner geweſen, und beſſer, ſanfter, ach ſo engelgut, und wie lieb hatte ſie ihn gehabt! Und wie lieb er ſie! Die neue Mutter gab ihm ſo ſüße Worte, aber es war ihm immer, als kämen die nicht aus dem Herzen, und es fröſtelte manchmal den Knaben, wenn er ihre harte, faſt männliche Stimme hörte. Wie wohl klang die Stimme ſeiner lieben Mutter, die ſie in's Grab gelegt hatten? So ſtand denn heute mehr als je der Mutter Bild vor ſeiner Peche und er meinte, er ſähe überall ihr herzigliebes Geſicht, das ihn wehmüthig be⸗ trachte. Das hätte einem Andern Angſt und Furcht eingejagt, ihm nicht, und um ſich dieſem Bilde ſeiner Seele ganz zu weihen, ſchlich er ſich ſort und ſaß nun hier träumend, weinend, und dieſe Thränen thaten ihm ſo wohl. So ſaß er noch da, als längſt die Lichter im Hochzeitſaale erloſchen und die Gäſte heimgegangen waren. Niemand fragte nach ihm, er ſchlief endlich auf der Bank ein, denn die Sommer⸗ nacht war lau und warm und als die Morgenſonne durch die dichtverſchlungenen Zweige drang, erwachte er und der Thau hatte ihn befeuchtet. Er fror heftig, aber er erſchrack auch. Darum eilte er nach dem Hauſe. Da war Alles noch ſtille; nur die alte Kathrine, die treue Hausmagd, die noch ſeiner lieben Mutter gedient, und ihn beſonders lieb hatte, war in der Küche und handirte da herum, den Kaffe vorzubereiten.

Sie ſchlug die Hände über dem Kopfe zuſammen, als ſie den Knaben kom⸗ men ſah.

Ei, Carlchen, wo warſt du denn ſchon ſo frühe? rief ſie, und biſt ganz naß, ſiehſt bleich, und haſt eine gluthheiße Stirne? Was werden die Aeltern hagen e⸗

Der Knabe, der nie log, erzählte ihr Alles.

Ach, das dürfen ſie nicht wiſſen! rief ſie aus; zog den Knaben fort; brachte ihn leiſe in ſein Stübchen, zog ihn aus, denn er war ſtarr und ſteif; legte ihn in's Bette und brachte ihm heiße Milch. Das wirkte Schweiß und dann ſchlief er ein; aber er glühte fort. Etwa zwei Stunden ſpäter ſtanden der Amtmann und ſeine junge Frau am Bette des Knaben, deſſen Pulſe in wilder Fiebergluth jagten. lag Laß doch den Arzt rufen, bat weich und zart die junge Frau. Mir wird's bange mit dem Knaben. Er hat ſich ſicherlich geſtern an den Süßigkeiten den Magen verdorben.*

Der Amtmann ſah ihr liebevoll in's Geſicht und ging, um den Arzt beſtellen zu laſſen.

Eine ſchöne Beſcherung, ſagte die junge Frau halblaut zu ſich. Ja eine ſau⸗ bere Geſchichte, Krankenpflegerin zu werden, am Tage nach der Hochzeit, wo Andre eine Hochzeitsreiſe antreten! Das iſt der Segen der Stiefmutterſchaft! Sie ging im Zimmer auf und nieder und des Knaben gläſerne Blicke begleiteten ſie. Er hatte Alles gehört und verſtanden. Sie fuhr, 5* ihn zu beachten, in ihrem Selbſtgeſpräche fort: Ich will mich aber hüten, an dem Krankenbette zu ſitzen. Das mag die alte Nachteule thun, die Kathrine, die hat ihn ja doch ſo lieb, wie Er ſagt.

Der Amtmann kam wieder.

Ich habe ihm den Puls gefühlt, ſagte ſie liebreich. Er jagt ſchrecklich. Ich werde nicht von dem Kinde gehen.

Opfre dich nicht auf, liebe Louiſe, ſagte liebevoll der Amtmann, die gute, alte Kathrine wird ſchon Alles beſorgen.

Sie ſchwieg, aber ſchüttelte voll mütterlichen Gefühls den Kopf, als wollte ſie ſagen: Rede du, was du willſt; ich weiß was meine Pflicht iſt, und was mir das Herz gebietet.. 3