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Ein Stücklein aus einer trüben Zeit von W. O. von Horn.
J.
Wo auf dem rechten Ufer des ſchönen Rheines der Odenwald ſeine dunkeln Linien am fernen Geſichtskreiſe zieht— es iſt ein ſchönes, reich geſegnetes Land— liegt manch' hübſches Dorf und Städtlein im Walde prächtiger Obſtbäume. In Eins derſelben muß ich meine Leſer blicken laſſen und da in das Innere eines Hauſes. Es iſt ein großes, ſtattliches Gebäude und ſcheint ein Herrſchaftliches zu ſein, oder was daſſelbe ſagen will, ein Amthaus, darinnen der weltliche Macht⸗ haber des Städtleins wohnt. Es iſt Abend. Der ganze zweite Stock des Hauſes iſt wahrhaft ſtrahlend erleuchtet. Viele Menſchen bewegen ſich umher, die an den Tiſchen Sitzenden mit köſtlichen Speiſen zu bedienen. Auf allen Geſichtern iſt Freude zu leſen und das Geſpräche ſummt hin und her, als wären Bienenſchwärme in den weiten Gemächern. Es iſt Hochzeit im Hauſe und oben an ſitzt das Braut⸗ paar, neben dem ein Stuhl leer geworden iſt.—
Dieß Brautpaar zieht unſere Blicke auf ſich.
Im höchſten Putze ſitzt die Braut da, ein blühendes, ſchönes Mädchen. Wenn auch der erſte Schmelz der Jugend nicht mehr auf ihrem Angeſichte ruht, ſo iſt dieß doch noch in vollem Rechte, jene Bezeichnungen zu erhalten, die ich ihm ge⸗ geben. Schwarze, ſtrahlende, große Augen leuchten; die Wangen ſind geröthet. Die rabenſchwarzen Locken wallen unter dem koſtbaren Brautkranze hervor. Die Geſtalt iſt hoch, ebenmäßig und voll. Der Ausdruck des Angeſichts iſt heute un⸗ gemein lieblich und freundlich. Ob er immer ſo iſt?— Dann und wann liegt zwiſchen den dunkeln Augenbraunen, da wo ſie ſchier unter der Stirne zuſammen⸗ treten, ein eigenthümlich finſterer Zug; es zuckt bisweilen ein leidenſchaſtlicher Aus⸗ druck über das Geſicht und läßt auf Heftigkeit ſchließen, und ein genauer Beobach⸗ ter konnte zu glauben verſucht werden, dieß ſtrahlende Auge könne auch Zornes⸗ blitze ſchießen laſſen.— Neben ihr ſitzt der glückliche Bräutigam, der ihre Rechte in der Seinen, nur Augen und Ohren hat für ſie. Es iſt ein ſchöner Mann, groß, ſtattlich— aber längſt über die Mittagshöhe hinaus. Sein braunes Haar iſt dünn und ſpärlich und der Perückenmacher zu Mannheim hat ihm ein Meiſter⸗ ſtück ſeiner Kunſt auf das kahle Haupt geliefert, aber das hat er nicht wehren können, daß durch die braunen Haare hier und da ein ſchneeweißes hindurchſieht, und das hat er auch in der„Atzel“ kunſtreich nachgemacht, nur weniger in die Augen fallend, als es im natürlichen Beſtande des Haares der Fall iſt.
Der Herr Amtmann iſt ſeit zwei Jahren Witwer und führt die Zweite zum Altar und ſein Herr Schwiegervater, der Kaufmann Leupold, iſt zehn Jahre jünger, als der Herr Schwiegerſohn, der heute ſeine im Inſtitute zu Straßburg erzogene Aelteſte heimführt, die Engliſch und Franzöſiſch parlirt, wie Waſſer.
Ich ſagte oben, der Stuhl zur Seite des Brautpaars ſei leer. Wer kann für unruhige Buben? Da ſaß Carl, des Amtmanns einziges, zehnjähriges Kind, ein bleicher, ſchöner Knabe. Die junge Mutter hatte ihn, ſo lange er da ſaß, mit Süßigkeiten gefüttert, ihn geliebkoſt mit einer Freundlichkeit, die eine recht liebevolle Srrefmaden in Ausſicht ſtellte. Seit er ſich wegſtahl, denkt weder Vater noch Mutter mehr an den ſtillen Knaben, der heute ſein wildes, heitres Weſen ganz abgelegt zu haben ſchien und dageſeſſen hatte, mit einer Miene, als habe ihn ſchweres Leid getroffen. Wenn Jemand nach ihm zu ſehen Beruf gehabt, der hätte ihn gewiß nur ſchwer aufgefunden.
An das Haus, in dem heute ein ſo fröhliches Leben herrſchte, grenzte ein großer, ſchöner Garten, und in dieſem war in einer der entfernteſten Winkel eine dunkle Laube gebildet aus mächtigen Haſelnußſträuchern, die oben zuſammengezogen waren. Dort ſaß der Knabe mutterſeelenallein und es rannen Thränen uber ſeine
heute noch bleicheren Wangen.
Die Maje. 1. Jahrg. 4 8


