Jahrgang 
1 (1858)
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korn gar ſehr— ſo ragen die Blüthenrispen weit über den Kopf des erwachſenen Menſchen, und obſchon die einzelnen Pflanzen nicht allzu nahe ſtehen, ſo iſt doch ihre Blattfülle groß genug, einen üppig grünenden Getreidewald vorzuſtellen. Die heißen Flächen der Theiß⸗ und Donauniederungen oder der großen Po⸗Ebene Ita⸗ liens genießen durch die Maisfelder gewiſſer Maaßen einen Erſatz für Wald und Hain. Die Kukurutzfelder bringen ein Stück Poeſie in die ungariſchen Pußten, und ſelbſt noch im Winter müſſen die großen dürren Garben des Strohes die Wohnungen von Außen und Innen erwärmen.

Der Weizen verlangt einen fetteren Boden; der Mais kommt noch in einem Boden fort, den der Weizen verſchmähet. So bauen die Anwohner des Bodenſee's, namentlich im Vorarlberg, wo an Weizenbau nicht zu denken iſt, mit Nutzen ihre „Türken“ wie ſie's nennen; freilich müſſen ſie, ſobald es an Regen mangelt, jede Pflanze einzeln begießen, und ſie düngen auch ſorgfältig das Loch, in das ſie die Maiskörner ausſäen. Der Bodenſee liegt 1200 Fuß über dem Meere; in Amerika aber ſteigt der Mais bis auf die Hochflächen der Anden, und gedeihet noch gut auf den 12000 Fuß über dem Meere erhabenen Inſeln des Titikaks⸗Sees.

Die großen mehlreichen Maiskörner ſind ein vortreffliches Futter für das Ge⸗ flügel, deſſen Fleiſch durch die Maisfütterung einen Wohlgeſchmack annimmt, wie das der Faſanen; ſogar die Eier ſind bei ſolcher Nahrung des Hühnervolkes wohl⸗ ſchmeckender und lebhafter gefärbt. In England werden Schinken von ſolchen Schweinen, die mit Mais gefüttert wurden, beſonders geſchätzt. Das Maismehl iſt außerordentlich nahrhaft, und wenn, da es ſchlecht zuſammenklebt, daſſelbe auch weniger zum Brodbacken ſich eignet, ſo bildet es doch in Griesform für Suppe, oder für Klöße in Schmalz gebacken, eine ſehr ſchätzbare Subſtanz. Bei den Italienern iſt die Polenta oder der Mais⸗Pudding ein Nationalgericht, und für die armen Land⸗ bauern der römiſchen Kampagna iſt das Maismehl ein ſehr willkommener Erſatz für den Weizen. Sie genießen ihren Polenta als Brei oder Kuchen— Pizza genannt — alltäglich, wie wir Deutſche unſer Roggen⸗ oder die Engländer ihr Weizenbrod. Fragt der Reiſende den ihm begegnenden Landmann:„Was haſt Du heute zum Frühſtück gegeſſen?“ ſo wird er antworten:„la pizza!“ was wirſt Du zu Abend eſſen?“ und die Antwort lautet abermals:„la pizza!”“ Oder wenn du über den atlantiſchen Ocean ſchiffteſt und bei einem amerikaniſchen Farmer oder in der Hütte eines Indianers einkehrteſt, ſo würdeſt du bald merken, daß der Mais dort noch viel mehr als in Europa genoſſen wird, ja das Hauptgetreide bildet. Wenn bei den armen Rothhäuten auch ſonſt kein Vorrath an Lebensmitteln vorhanden iſt, eine Reihe von Maiskolben hängt gewiß in ihrer Hütte, und die Frau, in die Ecke gekauert, beginnt ſogleich, die gelben Körner zu ſtoßen, um Maiskuchen zu backen. Der unfreie Neger, wie der freie weiße Arbeiter, finden ihr tägliches Brod in den großen Maiskolben, und der über die Anden kletternde Packträger nimmt für die Dauer ſeiner Reiſe vor Allem ein Säckchen von gedürrtem Mais mit ſich. Der neue Anſiedler aber wendet alle mögliche Sorgfalt an, um gutes Pflanzkorn zu rehalten und ſollte er es auch noch ſo weit herholen und noch ſo theuer bezahlen müſſen. 4

Wie unſere Getreidearten uns nicht nur Brod, ſondern auch Bier und Brannt⸗ wein liefern, ſo wiſſen die Amerikaner auch ihren Mais zu einem künſtlichen Weine zu benutzen. Freilich geht es bei deſſen Zubereitung nicht ganz ſo appetitlich zu, wie bei unſerer Bierbrauerei oder Branntweinbrennerei. Der beſonders bei den Indianern von Peru ſo beliebte„Chicha“ wird nämlich alſo bereitet: Die ganze Familie ſetzt ſich um ein Gefäß, und jeder kauet ſo viel Maiskörner, als ſein Mund faſſen kann; die Zähne und Kinnbacken dieſer Kau⸗Geſellſchaft haben voll⸗ auf zu thun. Von Zeit zu Zeit wird das Gekauete in das Gefäß ausgeſpieen und wieder friſcher Vorrath zwiſchen die Zähne genommen. Iſt der Kübel mit zerkaue⸗ ten Maiskörnern angefüllt, ſo wird der Inhalt mit Waſſer und einigen Zuthaten aufgekocht, dann in ein irdenes Gefäß gethan und der Gährung überlaſſen. Will man das Getränk recht gut haben, ſo gräbt man den Topf in die Erde und läßt