Jahrgang 
1857
Seite
672
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Wandſchrankes auf und ſieht den Herrn Pappelheim da ſtehen, geſtiefelt und geſpornt... Eine Pauſe entſteht; Herr N. ſtarrt eine Weile ſprachlos nach der Erſcheinung und fragt dann mit verſchleimter Stimme: Herr Pappel⸗

heim, beim Teufel, was machen denn Sie da? Worauf Herr Pappelheim, noch viel verſchleimter, erwiedert: Ich geh' ſpazieren!

(Schluß folgt.)

Die Mennoniten an der Molotſchna in Süd-Rußland.

Die Mennoniten an der Molotſchna bilden eine weſent⸗ lich Ackerbau und Viehzucht treibende, ſich auf über 17000 Seelen beiderlei Geſchlechts belaufende und in 50 Colonien vertheilte Bevölkerung, welche ſich hier ohnweit der Küſte des Aſow'ſchen Meeres in der Nogai'ſchen Steppe zwiſchen den Flüßchen Molotſchna, Tokmak und Juſchanlee ſeit dem Anfange dieſes Jahrhunderts angeſiedelt hat. Es bietet dieſes Völlchen dem Beobachter ein großes Intereſſe; ein⸗ mal, weil man ſieht, wie ſich deutſche Sitte, deutſcher Fleiß, deutſche Sparſamkeit mitten unter Ruſſen und Tataren in einer Weiſe erhalten hat, wie es wohl nicht ſo leicht ander⸗ wärts bei deutſchen Auswanderern gefunden wird; zweitens aber, weil man wahrnimmt, welchen ſegensreichen Einfluß dieſe Leute auf ihre Umgebung ausüben.

Die Geſchichte dieſer Colonie iſt in Kürze folgende: Menno Simonis war der Mann, welcher im Jahre 1530 einen großen Theil der bis dahin über verſchiedene Theile Europa's zerſtreuten Sekte der ſogenanntenTaufgeſinnten, nachdem ſie die mannigfachſten Verfolgungen erlitten hatten, in wohlgeordneten Gemeinden ſammelte, und im nördlichen Deutſchland und Holland diejenige beſondere Secte bildete, welche von ihrem Stifter den NamenMennoniten ent⸗ lehnte, zu deren Eigenthümlichkeiten es gehörte, daß ſie ſich bemühten, die älteſte apoſtoliſche Kirche in möglichſter Rein⸗ heit unter ſich wieder aufzurichten. Es läßt ſich nicht mit Gewißheit beſtimmen, in welchem Jahre des ſechszehnten

Jahrhunderts die erſten Mennoniten von den Niederlanden aus, um den gegen ſie gerichteten Verfolgungen zu entgehen, in die Danziger, Marienburger und Elbinger Niederungen in Preußen eingewandert ſind; genug, wir finden ſie um die Mitte des 16. Jahrhunderts hier vor. Unbewohnte Oerter wurden ihnen zur Urbarmachung in den ſumpfigſten Gegen⸗ den zum Erbeigenthum gegeben, welche ſie mit vieler Mühe und großen Koſten bebauten, Geſträuche ausrotteten, Waſſer⸗ abmahlmühlen erbauten, dadurch die Sümpfe austrockneten, den Ueberſchwemmungen der Weichſel, der Nogat und des friſchen Haffs durch Aufführung von Dämmen Einhalt thaten, und ſo ſich gleichſam ein neues Vaterland ſchufen, in welches ſie holländiſchen Fleiß und holländiſche Reinlichkeit überpflanzten. Ihr ausgezeichneter Fleiß und ihre Mäßig⸗

keit in allen Dingen machte ſie bald allgemein wohlhabend, manche ſogar reich.

Im Jahre 1730 und 1732 drohte zwar den Mennoniten eine neue Verfolgung und Austreibung aus Oſt⸗Preußen weil ſie den Kriegsdienſt, entſprechend ihren Religionsgrund⸗ ſätzen, für verboten hielten); allein das über ihrem Haupte ſchwebende Ungewitter verzog ſich wieder, und König Fried⸗ rich II. erließ ſogar 1740 eine Erklärung, daß diejenigen Mennsniten, welche ſich in Königsberg und anderen Orten Preußens niederlaſſen wollten, überall aufgenommen werden

*) Aus einem demnächſt im Verlage von Hugo Scheube in Gotha erſcheinenden Werke: Wiſſenſchaftliche Reiſe im ſüd⸗ weſtlichen Rußland. Vom Stnuaatsrath Dr. A. Petzholdt in Dorpat.

haben, Land angewieſen ward.

ſollten, welche Erklärung abermals eine Einwanderung von Mennoniten aus Holland in Preußen zur Folge hatte. Nichtsdeſtoweniger ſtellten ſich doch mit der Zeit mancherlei Beſchränkungen ein, unter denen namentlich die im Jahre 1789 ausgeſprochene, welcher zufolge den Mennoniten verbo⸗ ten ward, käuflich Grundeigenthum zu erwerben, ammeiſten da⸗ zu beitrug, daß ſich dieſelben zu einer Auswanderunganſchickten.

Bereits im Jahre 1786 waren ſie durch die Kaiſerin Katharina II. zur Ueberſiedelung nach Rußland aufgefordert worden, welcher Aufforderung 346 mennonitiſche Familien im Jahre 1789 Folge leiſteten. Die Kaiſerin verlieh ihnen die erbetenen Freiheiten, und zwar folgenden Inhalts: 1) Freiheit des Glaubens; 2) Vertheilung von Land zu 65 Deſſjätinen auf jede Familie; 3) einen Geldvorſchuß zur Unterhaltung auf dem Wege bis zur erſten Ernte und zur

wirthſchaftlichen Einrichtung einer jeden Familie; Holz zum

Aufbau der Häuſer und Getreide zur Anſaat, mit der Be⸗ dingung, alles dieſes der Krone nach Ablauf der Freijahre der beſtimmten Taxe gemäß wiederzuerſtatten; 4) eine zehn⸗ jährige Befreiung von Abgaben und Abzahlung der Vor⸗ ſchußgelder; 5) Zahlung nach den abgelaufenen Freijahren von 15 Cop. für jede Deſſjätine mit Befreiung der Fuhren, Arbeiten und Einquartierungen(ausgenommen bei Durch⸗ märſchen); 6) Freiheit zur Anlegung von Fabriken, zu han⸗ deln und in Gilden und Zünfte zu treten, den Stadteinrich⸗ tungen gemäß; 7) Freiheit des Branntweinbrennens und Verkaufes deſſelben in den Colonien zum Nutzen der Ge⸗ meinde⸗Einkünfte; 8) Leiſtung der Eide nach ihren Ge⸗ bräuchen; 9) eine immerwährende Befreiung vom Militär⸗ dienſte, und 10) Schutz gegen alle Beleidigungen. Kaiſer Paul beſtätigte dieſe Vorrechte auf die bereits Eingewander⸗ ten ſowohl als auch auf die in Zukunft noch zu erwartenden Mennoniten, und daſſelbe haben die nachfolgenden Kaiſer gethan.

Die erſten Einwanderer, wie bereits bemerkt, 346 Fa⸗ milien ſtark, gelangten im Jahre 1789 im Jekaterinoslaw⸗ ſchen Gouvernement bei der Inſel Chortitz am untern Dniepr, als ihrem Beſtimmungsorte, an, und gründeten 7 Colonien. Ungeachtet nun die preußiſche Regierung im Jahre 1801 eine Milderung jener im Jahre 1789 ausgeſprochenen Be⸗ ſchränkungen eintreten ließ, ſo hatten doch die meiſten der dortigen Mennoniten das Vertrauen verloren, und als noch dazu die erfreulichen Nachrichten eingingen, daß ihre menno⸗ nitiſchen Brüder im Jekaterinoslaw'ſchen Gouvernement von Seiten der ruſſiſchen Regierung begünſtiget und beſchützt würden und ihnen ſogar ein Privilegium ertheilt worden ſei, welches auch auf ſpätere Einwanderer und deren Nachkommen ſich ausdehne, ſo entſtand unter den Mennoniten in Preußen eine große Bewegung und Rüſtung zur Auswanderung, in Folge welcher in den Jahren 1803 bis 1806 überhaupt 362 Familien Preußen verließen, denen im tauriſchen Gouvernement im Melitopol'ſchen Kreiſe am Molotſchna⸗ Flüßchen, von welchem dieſe Colonien auch ihren Namen Dieſes Land war völlig