Wochen waren alle Zeichen vorhanden, daß man die Auf⸗ nahme des vierundfunfzigjährigen Knaben nichts weniger als bereue, da Herr Tamerlan eine faſt ſüdländiſche Leb⸗ haftigkeit mitbrachte und ein wahrhaft durchſchlagend humoriſtiſches Element zum großen Dank der Geſellſchaft geltend machte. Dazu war er aber auch von Natur und durch Uebung gleichmäßig befähigt; er hatte bis zu ſeinem dreißigſten Jahre als erſter Komiker eines großen Provinz⸗ theaters gewirkt, hatte dadurch der einzigen Tochter eines reichen Hausbeſitzers ſo viel Vergnügen bereitet, daß ſie ihn aus Dankbarkeit von den Lampen weg heirathete, was ihm, wie er ſagte, jedenfalls auch Spaß machte. Nur mußte er von da an das öffentliche Schauſpielen fahren laſſen und die Bretter, welche die Welt bedeuten, mit den häuslichen Dielen vertauſchen, welche manchmal nicht einmal ein eng begrenztes Glück bedeuten. Herr v. Ta⸗ merlan fand den Preis für dieſes Opfer groß und an⸗ ziehend genug, ließ fahren dahin, ließ fahren die halben und ganzen Einnahmen, das Lachen und Applaudiren von Hunderten und Tauſenden, zog ſein Talent in die engeren Schranken des Familienlebens und geſchloſſener Freundes⸗ kreiſe zurück, wo er mit guten Erfolgen, ſo oft man s wollte, Gratisvorſtellungen gab. Anekdoten, komiſche Geſchichten, Nachahmungen von lebenden Perſonen, namentlich Schau⸗ ſpielern und Sängern, waren ſein wichtigſtes Feld und da er nach einer Reihe von Jahren ſeine Frau verlor und aus der Provinz nach der Hauptſtadt überſiedelte, wo es an„ſchönen Unglücksfällen“ und brauchbaren Perſönlich⸗ keiten nicht fehlte, ſo kann man wohl auf Treu und Glau⸗ ben annehmen, daß Herr v. Tamerlan um ein Späßcheni nie verlegen war.
Dieſe Umſtände zuſammengenommen, beſonders Ta⸗ merlans ehemalige erfolgreiche Beziehung zur Bühne, waren ausreichend genug, um den alten Intriganten, die Rattenfalle, von vornherein zum Widerpart des ausge⸗ zeichneten Geſellſchafters zu machen; nachdem er daher
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das Grundgeſetz gegen den Eintritt Tamerlans in den ſeinen beſtimmten Platz ein und ſagte nach einigen Piff
Clubb nicht hatte aufrecht erhalten können, ſo war es von da an ſein ſtill unterminirendes Beſtreben, den Erfolgen des neuen Collegen entgegen zu arbeiten und ſie ſo oft als möglich zu Falle zu bringen. Schon war ihm dieſe Schadenfreude einige Male in mäßiger Weiſe zu Theil geworden, als ſich endlich der erſte Jahresabſchluß nahte, ſeitdem Herr Tamerlan ein Clubbmitglied geworden; die⸗ ſer große Moment ſollte nicht vorübergehen, ohne den ſpaßigen Heldenſpieler einmal recht beiſpiellos zum Durch⸗ fall zu bringen. Die Rattenfalle beredete daher die übri⸗ gen Genoſſen des Clubbs, dem Herrn v. Tamerlan, wie man etwa einer Mühle das Waſſer abgrabe, am großen Feſtabend„den Beifall abzugraben“ und bei keinem Witz, bei keiner Geſchichte, die er vorbringen würde, eine Miene zu verziehen oder gar zu lachen. Bei dem Umſtande, daß Herr Tamerlan durch ſtarke Ausbrüche von Beifall be— reits ſehr verwöhnt war und am Jahrestage ſeines Ein⸗
tritts in den Clubb auf beſonders warme Theilnahme zu Ihnen gedrungen?“
rechnen mußte, war der Vorſchlag in der That ſo übel nicht und verſprach einige hübſche Momente des Ver⸗ gnügens. Man ging alſo nach einigen Erörterungen auf die Intrigue ein, ließ ſich von Seiten der Rattenfalle noch
einige boshafte Winke zum Beſten geben und verſammelte ſich am betreffenden Abend um die gewöhnliche Stunde
pünktlicher als je.
Schlag acht Uhr hörte man richtig auch die Stimme
des Herrn Tamerlan unten im Hoſe, ſie näherte ſich bald
darauf ſingend dem Galeriegang herüber und mit dem Schluſſe des Liedes:
Ihr alten Burſche, alle,
Auf, ſingt mit lautem Schalle:
Ich bin ein flottes Haus!
flog endlich die Thüre des Clubbzinuners auf; Herr
v. Tamerlan, im grünen Quäker mit Metallknöpfen,
die Halsbinde, Weſte und Hoſe ſchneeweiß, den Hut fidel gegen ein Ohr gerückt und ein ſpaniſches Röhrchen ſchwin⸗ gend, trat mit einem ſolchen Jugendfeuer in das Zimmer, daß Petſchaft und Schlüſſel an der Uhrkette in heftige Schwankungen geriethen usd ſich lange nicht beruhigen wollten.
„Guten Abend,“ hieß es dann,„guten Abend, meine Herrn, wie geht's, wie ſteht's, wie iſt's?“
„Es geht, ſteht und iſt Alles in Ordnung,“ ſagte die Rattenfalle ruhig, und die übrigen Mitglieder fuhren, nur flüchtig mit den Köpfen nickend, ihre Pfeifen zu rauchen fort.
Nur fröhliche Leute
Laßt, Freunde, mir heute,
Sei's Groß oder Klein,
Zum Thore herein! ſang Herr v. Tamerlan weiter, ſeinen Hut ablegend und an das Pfeifengeſtelle tretend, wo jedes Clubbmitglied ſeine Vereinspfeife und blecherne Tabaksbüchſe hatte.
„Na, was iſt denn vorgefallen?“ fragte die Ratten— falle ſcheinbar mit mehr als gewöhnlicher Neugierde. „Wenn Sie ſo kommen, Herr von Tamerlan, dann müſſen die Ereigniſſe, die Sie wiſſen, Hand und Fuß haben!“
Tamerlan erwiederte, wahrſcheinlich um die Span⸗ nung der Mitglieder ſo hoch als möglich zu treiben, die
Frage mit keiner beſtimmten Antwort, ſondern trillerte
nur eine unbekannte Melodie und ſtopfte dabei mit un— glaublicher Behendigkeit ſeine Pfeife; dann, als dieſe an— gezündet und ordentlich im Feuer war, fuhr er ſich ein— mal durch die Stirnhaare, eilte auf den Tiſch zu, nahm
paffs aus der Pfeife:
„Ha, es giebt halt immer noch Dinge, die nicht mög— lich ſind, wie jener Bauer ſagte!“
„Was iſt denn vorgefallen?“ fragten jetzt mehrere Mitglieder zugleich mit dem Zeichen der Spannung und rückten mit den Stühlen.
„Was vorgefallen iſt?“ erwiederte Herr v. Tamerlan und paffte eine Weile vor ſich hin, wobei er wie gewöhn lich, als verliere er ſich in Gedanken, höchſt graß und drollig nach der Pfeifenquaſte ſchielte.—„Was vorge⸗ fallen iſt? Nun, Herr von Donner und Doria, daß ſelbſt Sie noch nichts erfahren haben, das iſt wirklich nicht mehr in der Kleiderordnung!“
„Ich? Wie ſo denn— was ſoll ich wiſſen?“ erwie— derte der Major.
„Wirklich? Sie fragen noch? Und die Geſchichte Ihres Waffengenoſſen wäre in der That noch nicht bis
„Welches Waffengenoſſen?“
„Des Rittmeiſters Pappelheim!“
„Nein, kein Wort; was iſt es denn mit ihm?“
Piffpaff—„Nun, er hatte doch ein Verhältniß mit der Kaufmannsfrau NN.—“
„Ganz recht— davon habe ich gehört;— nun, ich hoffe, er hat ſich wieder glücklich aus der Affaire gezogen und ruht auf ſeinen Lorbeeren!“


