Jahrgang 
1857
Seite
606
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Jedermann; die großen Geſtalten ſeiner Schauſpiele er⸗ zeugen noch heute in den weiteſten Kreiſen dieſelbe, zu den höchſten Thaten anſpornende Begeiſterung, wie da ſie zum erſten Male über die Bretter gingen, und nie möge auch die Zeit kommen, nie wird ſie kommen, wo dieſe Be⸗ geiſterung ſich auf kleinere Kreiſe zurückzieht und aufhört, die ganze deutſche Nation zu bewegen! In Schiller und in der Begeiſterung für die idealen Geſtalten des Dichters fühlt ſich die deutſche Nation in allen ihren Theilen einig

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wie in nichts Anderem, und hierin liegt eigentlich die große nationale Bedeutung Schiller's. Denn er für ſich perſönlich war im Grunde viel mehr kosmopolitiſch als national, er betrachtete, nach der Richtung ſeiner Zeit, die nationale Beſchränkung als eine Einſeitigkeit und das Schickſal nahm ihn wohlwollend aus dieſer Welt hinweg, bevor er an Ereigniſſen, die ihn tief erſchüttert haben würden, die Unrichtigkeit ſeiner Anſicht hätte erkennen

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können; aber dennoch iſt er ganz und durchaus deutſch, nicht bloß ſofern er geiſtig frei von fremdem Geſchmack und fremden Muſtern aus ſeinem eigenen deutſchen Geiſte die ewigen Geſetze der Schönheit hervorgehen ließ, ſon⸗ dern auch weil ſein ideales Streben nur in Deutſchland gewürdigt und verſtanden werden kann und in ſeinen Wirkungen durchaus das Nationalgefühl fördert, was ſich ſchon wenige Jahre nach ſeinem Tode in großen nationalen Thaten gezeigt hat.

Es wäre indeſſen ein Irrthum, wenn man nicht auch den äußeren Verhältniſſen und Schickſalen Schillers für ſich ſelbſt einen Antheil an der ſeltenen Liebe zuerkennen würde, womit die deutſche Nation ihren Dichter belohnt und gekrönt hat. Größe, die nicht durch eigne Anſtren gung verdient iſt, entgeht in der Welt ſelten dem Neide; man wird ſie gewiß niemals lieben. Der Kampf gegen die Beſchränkungen des Schickſals, die Oppoſition gegen