Jahrgang 
1857
Seite
601
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Illustration ihre Schilderung der franzöſiſchen Rhein⸗ feſtungen bereits ſo anmuthig mit Landau begonnen. Hatten doch heſſiſche Veteranen bereits ſo begeiſtert nach der Helenamedaille mit des Oheims letztem Gedanken am grünrothen Bande gelangt. Hatte doch die faſt offiziellePatrie die preußiſche Regentſchaft bereits demnoch ſehr jungen Sohne des Königs übertragen. Hatte doch das kaum wieder inſpirirte Siècle in ſeinen Schwär⸗ mereien für das unirte Rumänenreich noch ein ganz neues Ap⸗ pendix dazu entdeckt, nämlich La Transylvanie, zu deutſch Sie⸗ benbürgen,auf dem rechten Donauufer, ein von Oeſterreich ganz unabhängiges Land. Und nun iſt dies Alles unter der Hand ſo anders geworden! Die von Stuttgart erwartete fran⸗ zöſiſch⸗ruſſiſche Mitregentſchaft über Deutſchland, auf welche hin mittlerweile Landau als Abſchlagszahlung genommen war, iſt in Weimar wieder vertagt worden. Hinter der von Baden noch nicht aufgemauerten Rheinbrücke fordert Oeſterreich eine Bun⸗ desfeſtung. Die von den ehrlichen Veteranen aus der deutſchen Erniedrigungsepoche entrüſtet zurückgewieſene Helenamedaille ward von den wieder entflammten Oktoberfeuern recht eigentlich heimgeleuchtet. Im preußiſchen Lande führt kein lenkſamer Jüngling das Regentenamt; und mit dem Rumänenreiche an der Donau ſieht es nicht beſſer aus, ſeitdem die unioniſtiſchen Divans ſich in der Mehrzahl als alte Republikaner enthüllen, von deren Einheitsideen der moskowitiſche Nachbar ſeine Pro⸗ tectionshand ſcheu zurückzieht, während die Organe der Man⸗ teuffel'ſchen Politik zu erklecklicher Ueberraſchung der ganzen Welt plötzlich demonſtriren, Preußen habe ſich niemals für einen moldau⸗wallachiſchen Geſammtſtaat intereſſirt. Mit welchem Freudenrauſch und Triumphgeſchrei hatten die Neunapoleoniden noch jüngſt die ruſſiſche Liebesinnigkeit gefeiert, Oeſterreichs Iſolirung verſpöttelt, das muratiſtiſche Donaukönigthum ver⸗ kündet und Deutſchland beiläufig franzöſiſch⸗ruſſiſcher Gnaden⸗ huld verſichert! Wer iſt nun iſolirt und, ſo zu ſagen, düpirt? Ja, wahrlich, es giebt Dinge, über die man aus der Haut fahren könnte wenn man's könnte!

Beſonders für uns Deutſche bleiben deren auch noch genug übrig; und wir dürfen ſie nicht einmal alle benennen, wenn wir

regelung verfallen wollen. Ja, ſchon eine ſolche Aeußerung giebt dem allerunterthänigſt ergebenen Weltlebens⸗Beobachter einige Anwartſchaft auf ein Denkmal in dem ſ. Z. ſo viel ge⸗ nanntenſchwarzen Dresdener Buch, welches damals zwar offiziell desavouirt wurde, doch ſeitdem in revidirter Auflage wieder erſchien und fürſichtiglich bloß denbetreffenden Amts⸗ ſtellen zugetheilt iſt. Dort vergißt man nicht! Dort glaubt man auch niemals genug gethan zu haben! Wir Andern ver⸗ fallen in beide Fehler nur allzuoft! Preiſt man es heut nicht faſt ſchon wie eine große That, daß hier und da die langvergeſſenen Oktoberfeuer wieder leuchteten, daß man Steins hundertjährigen Geburtstag am 25. Oktbr. feierte und zu einem Denkmal für ihn ſammelt? Gute Zeichen ſind es des guten Willens. Aber man rechne ſie ſich nicht wie nationale Verdienſte an! Was uns fehlt in unſerer nationalen Bildung und in unſerm politiſchen Weſen, das iſt das zähe Beharren auf einem Punkte bis zu ſei⸗ ner Erledigung und das immer wiederholte Anſtreben nach dem einmal verfehlten Ziele. Das iſt der Mondſcheinliberalismus, welcher ſeinen Geſinnungspflichten genug gethan zu haben glaubt, wenn er allwöchentlich den Kladderadatſch geleſen hat und zu jeder ſchwierigen Unternehmung unſerer Nationalarbeit wohlweiſe die Achſeln zuckt. Das iſt jene poetiſirende Schön⸗ thuerei, welche während derIdylle der Sklaverei, d. h. unter der ſeligen Cenſur, nach demTrauerſpiel der Freiheit ver⸗ langte, und nunmehr, da es gälte, die knappen Grenzen der Re⸗ defreiheit zu begehen, nichts mehr von Politik und geſchichtlicher Bewegung wiſſen will, ſondern in der Halbheit unſerer Zeit nur denVerderb der freien Kunſt beklagt. Das iſt jene philiſter⸗ hafte Geſinnungstüchtigkeit, die zu jeder Zeit für das Neue ſchwärmt und perorirt; aber z. B. ſich heute ſchon beklagt, daß die Zeitungennoch immer von der ſchleswig⸗holſteiniſchen Ge⸗ ſchichte ſo viel ſchreiben und Abends beim Biertiſch ſelbſtgefällig erzählt, daß ſie dieſe Artikel conſequent überſchlägt:denn w

ändern's doch nicht. Daran, dies in uns zu ändern, ſollen uns die Oktoberfeuer und die Erinnerungsfeier an Heinrich Friedrich Karl vom Stein,des Guten Grundſtein, des

Boſen Caſtein, der Deutſchen Cvelſtein mahnen. Der Senat der Mächtigen wollte ihn nicht mehr hören. Aber Deutſchland ſoll ihn nicht vergeſſen und das Werk, das er begonnen.

nicht irgend einem Artikel der vielen Preßgeſetze zuſammt den Bundesnormen oder der complementären Adminiſtrativmaß⸗

Der Tod des Herrn Bernhardt Perthes in Gotha wird luſt zu erſetzen, der für den Moment unerſetzlich ſcheint und da⸗

weit über die Grenzen der Familie und der Stadt hinaus be⸗ trauert werden. Wer hat nicht von dem geographiſchen In⸗ ſtitut von Juſtus Perthes gehört, wer nicht Karten geſehen und bewundert, die in unübertreffllicher Sauberkeit und Genauigkeit aus demſelben hervorgegangen ſind? Und der Verſtorbene war nicht bloß der Chef, ſondern auch wahrhaft die Seele des Inſti⸗ tuts, und nicht bloß eine Familie, ſondern auch ein in weltbedeu⸗ tender Wirkſamkeit blühendes, ausgebreitetes Geſchäft iſt durch dieſen Todesfall verwaiſt. Wenn es ſchmerzlich iſt, einen Mann in der Kraft ſeiner Jahre einer tückiſchen Krankheit erliegen zu ſehen, ſo wird der Schmerz noch weſentlich erhöht, wo eine in das geiſtige und wiſſenſchaftliche Leben der geſammten Nation tief eingreifende Anſtalt durch einen plötzlichen und unerwarteten Todesfall berührt wird. Der Verſtorbene war bereits unter ſeinem Vater für die techniſche und wiſſenſchaftliche Vervoll⸗

durch Gotha ſein blühendſtes, ruhmreichſtes und bedeutendſtes

Etabliſſement erhalten werden!

Die politiſche Lage, in den letzten Wochen nicht ſowohl ge⸗ ſpannt, als unklar und durch allerlei undurchſichtige Vorgänge umnebelt, hat ſich ſchnell in erfreulicher Weiſe geklärt. Vor Allem iſt Delhi gefallen, früher, als im Grunde erwartet werden konnte, denn nur unbedeutende Verſtärkungen hatte die kleine engliſche Belagerungsarmee an ſich ziehen können. Dieſes große Ereigniß ſtellt freilich nicht mit einem Schlage den Frieden im indobritiſchen Reiche her; aber es beweiſt klärlich die Haltungs⸗ loſigkeit der ſogenannten nationalen Erhebung. Wäre dieſer Auf⸗ ſtand mehr als eine Empörung freiheitsunfähiger Sclaven gegen ihre allzu ſorgloſen Herren, ſo hätten die Meuterer den Mittel⸗ punkt des Islam in Oſtindien nicht ſo leichten Kaufes aufgegeben.

Mögen ſich doch jetzt die aufgelöſten Horden in kleineren Partien in die Gebirge begeben und noch eine Zeit lang einen Guerillas⸗ krieg gegen die Engländer führen: die Sache ſelbſt iſt thatſächlich entſchieden, und wenn man bei andern Gelegenheiten mit Recht

kommnung des geographiſchen Inſtituts thätig, welches durch ihn an die Spitze der ähnlichen Inſtitute in Deutſchland gehoben wurde. Er hinterläßt keinen Sohn, nur drei unmündige Töch⸗ ter. Möchte es bald gelingen, wenigſtens der Anſtalt einen Ver⸗