Jahrgang 
1857
Seite
576
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wohl erklärlich. Prof. Roßmäßler gehört wie zu den erſten,

ſo zu den reichſten, klarſten, gediegenſten und geleſenſten

naturwiſſenſchaftlichen Volksſchriftſtellern. Er verdient es, wie kaum ein anderer noch, daß wir zunächſt ſeinem äußern Lebensgange und ſeinen einzelnen Schriften unſere eingehen⸗ dere Aufmerkſamkeit zuwenden.

Roßmäßler wurde am 3. März 1806 zu Leipzig ge⸗

boren, woſelbſt ſein Vater ein tüchtiger Kupferſtecher war.

Die Leipziger Bürger⸗ und dann die Nicolaiſchule gaben ihm die Vorbildung zur Univerſität, die er(auch in Leipzig) von 1825 bis Herbſt 1827 beſuchte.Ich hieß, ſo ſagt er ſelbſt,Student der Theologie, war aber Dilettant der Naturwiſſenſchaft. Krug verleidete ihm für alle und ewige Zeiten die abſtrakte Philoſophie, und Tſchirner ſtellte umſonſt die Reize ſeiner Theologie zur Schau. Vom Herbſt 1827 bis Oſtern 1830 war er Lehrer einer schola collecta in Weida, einem kleinen weimariſchen Städtchen. Hier übte die ſchöne und reiche Natur alle Reize auf ihn aus, und die Botanik wurde ſein Lieblingsſtudium. Durch Reichen⸗ bach's Empfehlung und Miniſter Einſiedel's Vermittelung erhielt er im letztern Jahre anfangs die Stelle als Lehrer der Zoologie allein, von 1840 zugleich auch als Lehrer der Botanik an der land⸗ und forſtwirthſchaftlichen Akademie zu Tharand und behielt dieſe bis zum Jahre 1848 inne. Dieſe Zeit(von 1830 1848) umſpannt ſeine rein wiſſen⸗ ſchaftliche und Lehr⸗Thätigkeit. Für ſeine rein wiſſenſchaft⸗ liche Thätigkeit wählte er ſich die Land⸗ und Süßwaſſer⸗ Weichthiere(Mollusken) als Feld ſeiner Forſchung. Auf dieſem Gebiete iſt er Forſcher erſten Ranges, und ſeinen gelehrten Ruf begründete er durch ſeineIkonographie der europäi⸗ ſchen Land- und Süßwaſſer⸗Mollusken, begonnen 1835 und bis heute noch fortgeſetzt(von 1835 1855 16 Hefte mit 80 lithogr. Tafeln).Dies thue ich, bemerkte er einmal,um meiner Liebe zur Sache willen, aber den Naturforſchern alter Schule gegenüber mit kalter Berechnung, um ihnen jede Berechtigung zum Desaveu meiner populären Literatur zu benehmen. Rein wiſſenſchaftlicher Natur iſt auch noch das WerkBeiträge zur Verſteinerungskunde, 1838. Dem modernen Naturforſcher iſt die Geſchicklichkeit im Zeichnen unentbehrlich. Roßmäßler hat dies Talent, verbunden mit einem feinen äſthetiſchen Takte, vom Vater ererbt und wie in der Ikonographie, ſo in allen ſeinen Werken trefflich verwerthet. Das Tharander Lehramt erforderte ein großes Lehrgeſchick, weil die dortigen Zuhörer eine ſehr un⸗ gleiche Vorbildung mitbrachten und große Accommodations⸗ fähigkeit nöthig machten. Ein Lehrer, der in ſolchen Ver⸗ hältniſſen Erfolge ſehen will, muß im beſten Sinne des Wortes verſtehen, populär zu ſein. Man irrt darum gewiß nicht, wenn man ſeine Lehrthätigkeit als die Vorbereitung zum populären Schriftſtellerthum anſieht. Schritt für Schritt ging er von der Abfaſſung von Lehrbüchern(Anleitung zum Studium der Thierwelt. 1. Auflage 1833, 3. 1856. Die Forſtinſecten 1835. Das Wichtigſte vom in⸗ nern Bau und Leben der Gewächſe, 1843) zur Bearbei tung populärer Werke über. Kurz vor 1848 erſchien noch eine kleine Streitſchrift für Aufnahme der Naturwiſſenſchaft in den Gymnaſial⸗Unterricht,der Gymnaſialactus im Freien, 1847; anonym als*m*. Mit dieſem Werkchen überſchritt er zum erſten Male die Grenzen ſeiner bisherigen Wirkſamkeit. Er forderte jetzt die Aufnahme der Naturwiſſen⸗ ſchaft in die claſſiſchen Gelehrtenanſtalten und die Jahre 1848 und 1849 brachten ihn ſchnell dahin, die Naturwiſſenſchaft als allgemeines Volksbildungsmittel zu verlangen. Wir haben Prof. Roßmäßler's Wirkſamkeit zu Ludwigsburg bereits

kennen gelernt. Nach ſeiner Rückkehr nach Tharand, im Auguſt 1849, ſuspendirt und der Stuttgarter Beſchlüſſe wegen angeklagt, jedoch freigeſprochen, trug er in Folge einer mündlichen Unterredung mit dem betreffenden Departements⸗ chef ſelbſt auf Quiescierung an, welche ihm auch unter den geſetzlichen Formen wurde. Die Ueberſiedlung von Tharand nach Leipzig gab dem Wendepunkte in der innern Entwicke⸗ lung ſeit den Stuttgarter und Ludwigsburger Tagen den äußern Abſchluß. Nun im Mittelpunkte des deutſchen Buch handels war im Allgemeinen und Hauptſächlichen mit der ſtrengwiſſenſchaftlichen Thätigkeit gebrochen, und ſeine Feder gehörte jetzt vor Allem ganz und allein dem Volke.Das Pro⸗ gramm ſeiner humanen Auffaſſung der Naturwiſſenſchaft legte er im 1. Band ſeinesder Menſchim Spiegelder Natur nieder. Die erſchienenen fünf Bände dieſes Buches(drei in 2 Aufl.) ſind recht eigentlich Volksbücher geworden. Schnell hintereinander folgten nun die nachſtehenden populären Werke: Die Verſteinerungen, populäre Vorleſungen, 1853. Mikroskopiſche Blicke in den innern Bau und das Leben der Gewächſe, 1852. Floraim Winterkleide, 1854. Reiſeerinnerungen aus Spanien, 1854. Die vier Jahreszeiten, 1855. Volksausgabe, 1856. Beide im Verlage des Feierabend. Geſchichte der Erde, 1856. Botaniſche Unterhaltungen, von Auerswald und Roßmäßler 1856, 6 Lieferungen, ſoeben vollendet. Von ihm redigirt und herausgegeben werden dieBücher der Natur, von denen bisher 5 Bände erſchienen ſind. Ganz vor Kurzem veröffentlichte Roßmäßler noch ein allerliebſtes Büchlein: Das Süßwaſſer-Aquarium, das mit natur⸗ getreuen ſchönen Abbildungen geziert, den jetzt ſo zahlreichen Beſitzern und Freunden von Aquarien, für deren Verbreitung Roßmäßler ſelbſt ſo viel gethan hat, angelegentlich empfohlen werden kann. Seit längerer Zeit endlich beſchäftigen ihn die gründlichen Vorarbeiten zu einem großen Prachtwerke, welches unter dem Titel:Der deutſche Wald, eine Darſtel⸗ lung für deſſen Freunde und Pfleger, im Laufe der beiden nächſten Jahre mit vielen Illuſtrationen in Kupfer⸗ ſtich und Holzſchnitt, erſcheinen ſoll, während er mit einer andern populär⸗naturwiſſenſchaftlichen Darſtellung:das Waſſer ſchon in den nächſten Wochen das Publikum be⸗ ſchenken wird. Einzelne zerſtreute Arbeiten finden ſich dann noch im Tharander Jahrbuch, inAus der Natur, in der Gartenlaube, imdas Jahrhundert, indie Natur, deren Mitbegründer Prof. Roßmäßler iſt. Alle dieſe Werke arbeitete er in ſtiller Zurückgezogenheit, treu ſeinem Motto, das er 1846 unter ſein Portrait ſchrieb, welches ihm ſeine Zuhörer in Tharand lithographiren ließen:Die Natur iſt weder eine allgemeine, große Vorrathskammer, noch eine ſtaubige Studirſtube, noch auch ein Betſchemel, ſondern unſer aller gemeinſame Heimath, in der Fremdling zu ſein Jeder⸗ mann Schande und Schaden bringt. Dieſe ſtille Arbeit für naturwiſſenſchaftliche Volksbildung wurde nur dann und wann in ihrem Intereſſe durch ein friſches Hineinſchreiten in's Leben unterbrochen. Schon im Spätherbſt 1849 begann er ſeine naturwiſſenſchaftlichen Reiſepredigten in Frank⸗ furt a. M., Stuttgart, Mainz, Aſchersleben, Magdeburg, Wiesbaden. Sie ſtießen zuletzt auf Schwierigkeiten, und er gab ſie ſeit dem Sommer 1852 auf. Ein nochmaliger Verſuch 1855 in Stuttgart ſcheiterte an einem Verbot der württembergiſchen Regierung. Zu wiſſenſchaftlichen Zwecken, namentlich um die ſüdlichen Bedingungen im Leben und Vorkommen der Land⸗ und Süßwaſſer⸗Mollusken zu ſtudiren, bereiſte er vom März bis Juni 1853 einen Theil von Süd⸗ ſpanien. Als Studienreiſe für oben erwähntes Buch,das