Jahrgang 
1857
Seite
465
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Schiffbrüchigen zwar keine Hilfe zu bringen vermag, aber ſelbſt von der Brandung nicht erreicht werden kann, ſo habe ich wohlbehalten dageſtanden ſagte Goethe nach der Schlacht von Jena und der Plünderung Weimars, während Carl Auguſt treu auf dem Felde der Ehre aushielt ſein Unbe⸗ hagen, ja ſeine förmliche Wuth, als die Deutſchen ihre Ketten zu brechen aufſtanden das Alles findet man groß, erhaben, weitſchauend, während man vernünf⸗ tigerweiſe den Mantel der Verzeihung über dieſe Schwächen und Blößen eines Mannes decken ſollte, der den Fauſt und Egmont geſchrieben, und die ſchönſten Lieder gedichtet. Doch wir wollen der Feſtfeier nicht weiter mit unſern Betrach⸗ tungen vorgreifen.

Weimar, den 3. Sept. Der erſte Feſttag iſt vorüber und wahrſcheinlich ſagt Jedermann Gottlob! wäre es auch nur, weil der ſpäte Abend doch endlich einige Ruhe ge⸗ währt, welche man den Tag über vergebens auf einige Minuten ſuchte. Denn die Morgenſtunden ſchon waren in Anſpruch genommen von Wanderungen durch die Straßen, in denen die Häuſer vollends ihr feſtliches Gewand anlegten, und insbeſondre die drei Dichterhäuſer, Goethes, Schillers, Wielands, ſich auch äußerlich beſonders auszeichneten, zum Theil in faſt überladener Weiſe. Doch ſchien mir die In⸗ ſchrift am Wielandhauſe der Notirung werth:

Du, den ich ſtolz einſt meinen Schüler nannte, Der bald als hoher Meiſter ſich bewährt,

Der ſeine Zeit ſo wie ſie ihn erkannte,

Den heut der Enkel ſeltne Feier ehrt,

Dich grüßt mein Schatten hier aus lichten Fernen, O Fürſtenſtern, umglänzt von Dichterſternen.

Ueberall natürlich war die Büſte Carl Auguſts mit den vier geiſtigen Hauptgrößen Weimars, Goethe, Schiller, Wieland und Herder zu ſehen, an manchen Häuſern auch die Büſten der Frauen des herzoglichen Hauſes, unter denen wenigſtens Anna Amalie und Louiſe ein weiter reichendes Intereſſe in Anſpruch nehmen. Von den öffentlichen Ge⸗ bäuden zeichnete ſich vor Allen das Rathhaus durch reichen Schmuck an Flaggen, Fahnen und Grün aus; das ganze Städtchen bot ein ſehr feſtliches Anſehen. Leider hat der Himmel dem Feſte nicht ſeine volle Gunſt geſchenkt: es fiel ſchon früh ein feiner Regen, der mit kurzen Unterbrechungen bis Nachmittag anhielt. Früh war die Fürſtengruft eröffnet, ich fand es aber unthunlich durch das Gedränge mich hin⸗ durch zu arbeiten, und verzichtete darauf, da Rückkehrende

eher einen widerlichen, als einen erhebenden Eindruck da⸗

raus zurückbrachten. Ueberhaupt eignen ſich ſolche Tage am wenigſten zu einem Beſuch an geweihten Stätten. triviale oft gemeine Betragen Vieler, mit denen man bei ſolchen Anläſſen zuſammenzutreffen nicht vermeiden kann, ſtört jeden würdigen Eindruck. Dieß war beſonders auch beim Beſuch des Schillerhauſes der Fall, in welchem das Arbeitszimmer Schillers mit der einfachen tannenen Bett⸗ ſtelle, in welcher er verſchied, ſeinem Schreibtiſch und einigen Handſchriften, noch ganz in demſelben Zuſtand bewahrt iſt, wie zur Zeit ſeines Todes. Die ordinären Bemerkungen und Ausrufungen, die man hier von ſchönen und unſchönen Lippen zu hören bekam, ſtörten jede Andacht. In die Kirche einzudringen, welche um 9 Uhr die Feierlichkeit einleitete, war unmöglich. Hatte es doch ſchon ſchwer gehalten, ein Billet für den Beſuch des Goethehauſes zu erhaſchen, für den Billets je für zehn Perſonen auf eine beſtimmte halbe Stunde ausgegeben wurden: eine gutgemeinte Veranſtaltung, die nur nicht durchgeführt werden konnte. Um 10 ½ Uhr begann der Zudrang zur Tribüne auf dem Fürſtenplatz, wo der Grund⸗

Das

ſtein zum Denkmal Carl Auguſts gelegt werden ſollte. Es war eine ziemlich peinliche Situation, unter einem zwar nicht ſtrömenden, aber ziemlich beharrlichen feinen Regen hier auf der Tribüne ſtundenlang zu ſtehen, durch die aufgeſpannten Regenſchirme am Sehen weſentlich gehindert und ſchließlich außer Stand die Reden zu verſtehen, da das Feſtcomité die Sache nicht anders einzurichten gewußt, als ſo, daß die Redner der Fremdentribüne den Rücken boten. Allmälig gegen 11 Uhr fuhren die Hofequipagen vor und die Hof⸗ tribüne füllte ſich zuerſt mit fremden eingeladenen Gäſten, unter denen auch der Staatsminiſter von Gotha in einer ſehr vergoldeten und beſternten Uniform zu unterſcheiden war, weiter der Herzog Bernhard, der noch lebende Sohn Carl Auguſt's und Oheim des jetzigen Großherzogs, ein würdiger alter Herr, der durch ſeine Reiſen in Amerika und durch eine Schrift darüber, ſowie durch ſeine Thätigkeit als niederländiſcher General und Gouverneur in Batavia in weiteren Kreiſen bekannt iſt, durch Bildung wie durch Her⸗ zensgüte ein würdiger Sohn ſeines Vaters. Endlich auch der Großherzog mit den fürſtlichen Frauen, der Groß⸗ herzogin, der verwittweten Großherzogin und Großfürſtin Marie, der Prinzeſſin von Preußen, und andern fürſtlichen Damen. Die Toilette der hohen Damen lieferte den un⸗ umſtößlichen Beweis, daß die Crinoline noch die Beherr⸗ ſcherin der Welt iſt. Dann folgte der Aufzug der Proceſ⸗ ſion vom Markte nach dem Fürſtenplatz. Solche Proceſſionen ſind bei ſolchen Anläſſen in ihren Einzelheiten ſo ſehr überall dieſelben, daß es kaum dankenswerth wäre, wollte man eine detaillirte Beſchreibung davon geben. Es folgte ſodann eine Rede des Superintendenten Stier, von der wir, wie geſagt, nichts verſtanden, die aber länger war als die Lage eines im Regen ſtehenden Publicums wünſchenswerth machte. Eine kurze Rede des Miniſters Watzdorf war auch nicht einmal in einzelnen Worten verſtändlich. Endlich ging die Cere⸗ monie der Grundſteinlegung vor ſich, zu welcher ſich der Großherzog, der Herzog Bernhard, die früheren Adjutanten Carl Auguſt's und Andere von der Hoftribüne herabbegeben mußten. Es war 1 ½ Uhr als die Feierlichkeit ſchloß. Daß zur Erhöhung dieſer officiellen Feier des Großherzogs Carl Auguſt Alles aufgeboten war, verſteht ſich von ſelbſt; es iſt auch nicht zu verkennen geweſen, daß die freiwillige Theil⸗ nahme des Landes daran eine ſehr lebhafte war. In Thü⸗ ringen beſteht zwiſchen Volk und Fürſt eine Einheit, welche bei jedem Anlaß ſich bemerklich macht und ein Fürſt, wie Carl Auguſt, der ſo lange und ſo gut regiert, ſtirbt im An⸗ denken ſeines Volkes nicht. Aus allen Theilen des Länd⸗ chens waren die Greiſe nach der Hauptſtadt gezogen, die den Dahingeſchiedenen noch perſönlich gekannt, alte Dorfſchulzen, darunter Einer, welcher als Vorſtand eines durch die Wiener Verträge mit Weimar vereinigten Ortes ihm einſt gehuldigt; ſodann der Reſt der Veteranen aus den großen Kriegen, ein trotz der Kleinheit des Ländchens doch ganz ſtattliches Häuf⸗ chen, darunter Mancher, der in Rußland geweſen und unter den 70 Mann ſich befand, die von 800 zurückkehrten. Es war poſſierlich zu ſehen wie einer dieſer alten Geſellen die franzöſiſchen Achſelſchnüre, die er von Rußland nach Hauſe gebracht, ſeinem ſchlichten Bauernrocke heute aufgenäht hatte. Die Zwiſchenzeit zwiſchen der Grundſteinlegung und dem Feſtmahl wollte ich benutzen, um Goethe's Haus zu ſehen, welches ſonſt ſtreng verſchloſſen gehalten wird. Es gelang mir auch hineinzukommen, mit manchen Andern, denen nicht eben ein beſonderer Beruf zum Beſuche dieſes Hauſes anzuſehen war, und noch Andern, die vor Andacht und innerer Seligkeit förmlich zitterten. Ueber die breite, geräu⸗