Jahrgang 
1857
Seite
323
Einzelbild herunterladen

4

323

Bad Liebenſtein.

Unter den Bädern des Thüringer Waldes, welche, wie wir vernehmen, auch in dieſem Jahre wieder ſämmtlich eines verhältnißmäßig zahlreichen Beſuchs ſich erfreuen, hat Lie benſtein unſtreitig die meiſten Chancen mit der Zeit, ins⸗ beſondere nach Vollendung der in der Entfernung von einer Meile vorbeiführenden Werrabahn, zwar nicht ein Bad für die vornehme Welt Europas das hierzu unerläßliche Reizmittel, das Spiel, wird, wie wir von der meining'ſchen Regierung überzeugt ſind, ihm ſtets verſagt bleiben wohl aber ein zu ſteigender Frequenz aufblühendes Bad zweiten Ranges zu werden. Waldes gelegen, verbindet es die Reize einer lieblichen Um⸗ gebung und einer, zumal von dem nahen Altenſtein aus ganz unvergleichlichen Fernſicht mit der reinſten Luft, die unſers Wiſſens irgendwo eingeathmet werden kann und es beſitzt außerdem eine heilkräftige Mineralquelle und das herrlichſte

dem Conducteur ſofort die gemüthliche Verſicherung erhält,

Am weſtlichen Abhang des Thüringer

kühle Quellwaſſer. Seit einigen Jahren hat die herzogliche

Verwaltung Liebenſtein iſt eine meiningen'ſche Domäne

umgewandelt.

bedeutende Summen auf die Erweiterung der Badeanſtalten

verwendet und dadurch die unverkennbare Abſicht an den Tag gelegt, ſelbſt um den Preis augenblicklicher pecuniärer Opfer die Frequenz des Bades zu erhöhen. etabliſſements haben ſich ebenfalls in den letzten Jahren er⸗ hoben, und wenn erſt Liebenſtein mit der übrigen Welt in eine bequeme und geordnete Verbindung gebracht ſein wird,

Mehre Privat⸗

ſo werden unſtreitig weitere Hotels zur Aufnahme von Frem⸗

den und Badegäſten nöthig werden. dieſe Verbindung nämlich in einem Zuſtand, von welchem man ſich außerhalb des Thüringer Waldes heute kaum eine Vorſtellung machen kann. Verkehr mit Eiſenach und der thüring'ſchen Eiſenbahn einer⸗ ſeits, Meiningen, Hildburghauſen, Coburg und den bayri⸗ ſchen Bahnen andrerſeits aber es iſt ein Eilwagen der fürſtl. Thurn⸗ und Taxis'ſchen Poſtverwaltung im Thüringer

Bis jetzt befindet ſich

EinEilwagen vermittelt den

Walde. Dieſes ehrwürdige Inſtitut weiland des h. römi⸗

ſchen Reichs hat ſich hier in ſeiner ganzen rührend gemüth⸗

lichen Urſprünglichkeit erhalten; obgleich heute dampfwagen durch die Welt ſauſen und überall von den Eiſenbahnſtatio⸗ nen aus raſche Verbindungen mit den ſeitwärts gelegenen

Punkten Statt finden, im Thüringer Wald iſt der Eilwagen der fürſtl. Thurn- und Taxis'ſchen Poſtverwaltung noch immer die alte Reichspoſtſchnecke, die einſt Börne mit ſo viel Witz und Humor beſchrieben hat Wer eine Sehn⸗ ſucht nach derguten alten Zeit in ſich verſpürt, der gehe in den Thüringer Wald und benutze hier die Reiſegelegen⸗ heiten der fürſtl. Thurn⸗ und Taxis'ſchen Poſtverwaltung und wir ſtehn ihm dafür, er wird ſich mit der neuen Zeit ver⸗ ſöhnen. Wenn er ſich z. B. mitten auf der Straße in einem Dorfe abgeladen ſieht und von dem Poſtillion denn nicht überall gibt es Conducteure erfährt, daß er vorausſicht⸗ lich hier 1 ½ Stunden liegen bleiben werde, wenn er dann auf ſeine Frage nach einem Paſſagierzimmer ſich in die enge Stube des Dorfſchulzen gewieſen ſieht, in welcher dieſer in ſeiner doppelten oder dreifachen Eigenſchaft als Vater ſeiner Gemeinde, als Poſtverwalter und Poſtſtallmeiſter unter Po⸗ ſtillionen und Bauern verkehrt, in einer Stube, die mög⸗

licherweiſe am heißeſten Tage des Sommers ſtark geheizt iſt,

wenn er, von der unbeſchreiblichen Atmoſphäre, die ihm von da entgegenkommt, zurückgeworfen in die glühende Sonnen⸗ hitze, auf der Straße Stundenlang auf die Ankunft des

Wagens wartet, wenn er, nachdem derſelbe angelangt, von V licher Verwaltung ſteht,

daß der Wagen zum Abgang des nächſten Zuges nicht auf der Station eintreffen werde, obgleich noch recht gut Zeit dazu wäre, wenn er bei der endlichen Ankunft auf der Station ſich nach ſeiner Uhr überzeugt, daß ſelbſt jetzt der Zug noch erreicht werden könnte, ſofern nur ein Wagen in Bereit

ſchaft gehalten wäre, um die Paſſagiere mit ihrem Gepäck auf den Bahnhof zu bringen, ja daß ſie ſelbſt zu Fuß noch rechtzeitig dort eintreffen könnten, ſofern nur der Con⸗ ducteur etwas weniger als eine Viertelſtunde ſich Zeit neh⸗ men wollte, um den preſſirenden Reiſenden ihr Gepäck aus⸗ zufolgen, wenn er, um Alles mit einem Wort zu ſagen, eine Reiſe von Liebenſtein nach Eiſenach im Eilwagen der fürſtl. Thurn⸗ und Taxis'ſchen Poſtverwaltung gemacht hat, dann, wir halten uns deſſen verſichert, iſt auch der glü⸗ hendſte Reactionär, der eifrigſte laudator temporis acti zum paſſionirten Anhänger des Fortſchritts und der Neuzeit In der That können wir nicht umhin, der fürſtl. Thurn⸗ und Taxis'ſchen Poſtverwaltung für die Zähig⸗ keit, mit welcher ſie dem Einfluß der neuen, ringsumher ver⸗ änderten Zeit und der modernen Einrichtungen ihren paſſi⸗ ven Widerſtand entgegenſetzt, unſre aufrichtige Bewundrung auszuſprechen. Auch ihre volkswirthſchaftlichen Theorien, die allerdings von den in der Neuzeit recipirten nicht un⸗ weſentlich abweichen, ſcheinen in ihrer Eigenthümlichkeit der Beachtung werth. Den Grundſatz, daß Zeit Geld ſei, be⸗ folgt ſie nach dem Wort; denn ſie weiß die Sache mit wun⸗ derbarem Geſchick ſo einzurichten, daß die von den Paſſagieren in ſtundenlangem Aufenthalt bis zum Abgang eines nächſten Zuges verlorene Zeit für die Ihrigen, d. h. für die mit der Poſt in Beziehung ſtehenden Gaſthäuſer zu Geld wird. Vielleicht wundern ſich manche unſrer Leſer, daß die hier an⸗ geführten Abnormitäten nicht längſt durch energiſche Beſchwer⸗ den der Paſſagiere abgeſtellt wurden; und in der That hat ein naiver Condukteur uns geſtanden, daß er ſich ſelbſt dar⸗ über wundern müſſe, wie die Paſſagiere zwar regelmäßig über alle dieſe Ungeheuerlichkeiten räſonniren, keiner aber die Courage habe, ſeinen Namen unter eine geſalzene Beſchwerde in das für dieſen Zweck aufgelegte Buch zu ſetzen. Wir kennen hinlänglich denmangelnden Muth von unſern lieben Bekannten, verwundern uns ſomit über dieſe Feigheit nicht, bemerken aber, daß weiterreiſende Fremde wohl auch eine Beſchwerde für unwirkſam halten mögen und daß die Thü⸗ ringer ſelbſt zu ſehr an das altfränkiſche Inſtitut mit ſeinen Gebrechen gewöhnt ſind, überdieß, wie ſchon angedeutet, daraus manchen Vortheil ziehen. Umſomehr aber halten wir uns zu einer öffentlichen Rüge verpflichtet, nicht als ob wir davon einen Eindruck auf die fürſtl. Thurn⸗ und Taxis⸗ ſche Poſtverwaltung erwarteten von dieſer Täuſchung ſind wir frei ſondern um möglicherweiſe die Aufmerkſamkeit der betreffenden Regierungen auf dieſe Uebelſtände hinzulen⸗ ken. Sie allein ſind im Stande, die fürſtl. Thurn⸗ und Taxis'ſche Poſtverwaltung zur Erfüllung ihrer Pflichten gegen das Publikum anzuhalten. Dieſe in hohem Grade mangel⸗ hafte Verbindung mit der übrigen Welt kann dem Auf

ſchwung Liebenſteins um wieder auf dieſes zurück⸗ zukommen unmöglich förderlich ſein und ſeine Zukunft wird daher ohne Zweifel von der Eröffnung der Werra⸗ Bahn datiren. Die Anſtalten daſelbſt verdienen im Allge⸗ meinen alles Lob. Das Kurhaus, welches unter herzog⸗ liefert hohe, geräumige und ſolid