dem Saale entfernt,“ las ich mit großen, ſchwarzen Buch⸗ ſtaben auf einer an einem Pfeiler neben der Bühne aufge⸗ hängten Tafel, und, als ich mich umwandte und das Publi⸗ kum in dieſem Saale überſchaute, kann ich nicht läugnen, der Anblick war originell und frappant. So wie ſie aus der Arbeit, aus der Fabrik und aus der Werkſtätte gekom⸗ men waren, in derſelben Toilette, Manche noch mit von Ruß und Kohlenſtaub geſchwärzten Geſichtern und Händen, Alle
die Männer aus dem Volke, Cigarren und Pfeifen rauchend, im lauten Zwiegeſpräch, welches oft auch zwiſchen den Logen⸗ reihen und dem Parterre geführt wurde, die Frauen und Mädchen in ihren Hauskleidern, ohne alle weitere Toilette, als welche ſie täglich zu machen gewöhnt waren. Meine nähere Umgebung war beſonders frappant. Wahre Baſſer⸗ mannſche Geſtalten, neben mir ein kräftiger, blonder Mann in einem großkarrirten, rothen Schlafrocke, mit blaugeſtreif⸗ tem Hemde und nacktem Hals, einem alten Hute auf dem ungekämmten Haar, im Munde eine Cigarre, welche ein entſetzliches Parfüm gerade meiner Naſe zuführte, an meiner andern Seite ein Eiſenarbeiter in blauer Blouſe und rothem Halstuch, Geſicht und die kräftigen, knochigen Hände noch geſchwärzt von dem Rauch ſeiner Eſſe, hinter mir eine dicke Frau mit rothem Geſicht, unter einer weißen Nachtmütze zu der morgigen Sonntagstoilette das blonde Haar auf Pa⸗ pillotten aufgewickelt, neben ſich ihren Mann im grauen Arbeitsrocke, deſſen Hände und Ledergeruch den Schuhmacher des Voigtlandes nicht verkennen ließen. Vor mir ſaßen zwei hübſche junge Mädchen in dem Alter von ſechszehn bis acht⸗ zehn Jahren, friſche jugendliche Geſichter mit heitern und fröhlichen Augen, wahre Griſetten des Voigtlandes, wie man ſie in Berlin nur in dieſer Vorſtadt ſieht, neben jenen ein hübſcher junger Mann mit ſchwarzgelocktem Haar in der Blouſe des Arbeiters, der Geliebte der einen und der Bruder der andern, wie ich aus ihren Geſprächen hörte. So war das Parquet, das Parterre und beide Logenreihen, ſelbſt ein Theil der Gänge gefüllt, ich glaube, ich war der einzige Menſch aus der ſogenannten guten Geſellſchaft, welcher ſich in dieſes Theater verirrt hatte. Jetzt begann eine Stille einzutreten. Das Geſchwirre, Geſumme, der laute Discours hörte auf, denn die muſikaliſche Introduction des Stückes begann. Das Orcheſter beſtand nur aus Blasinſtrumenten, die Streichinſtrumente fehlten gänzlich, und dies Orcheſter begann eine Introduction, wie ich ſie nie gehört habe. Es war ein Potpourri, aus Märſchen, Liedercompoſitionen und einigen Polkas zuſammengeſetzt. Die courfähige Geſellſchaft im Opernhauſe wäre bei dieſer Introduction davon gelaufen, aber das Publikum im Volkstheater ſpendete ihr reichen
Strophen eines bekannten und beliebten Liedes ertönten, ſo wurden ſie mit einem Beifallsſturm begrüßt und vom Ge⸗ ſange aus hundert kräftigen Kehlen begleitet. Jetzt iſt die Introduction beendigt, der Vorhang von Glanzkattun erhebt ſich nicht nach oben, ſondern wird von beiden Seiten ausein⸗ ander gezogen, und Vater und Mutter beider hoffnungsvollen Töchter, der Sängerin und Nätherin, treten auf, im Geſpräch über die Zukunft der Lore, der Sängerin, begriffen. Bis jetzt glaubte ich mich momentan zuweilen in ein Pariſer Bou⸗ levardtheater verſetzt, wenn auch den Mädchen vor mir
Begleiter die auch in der Blouſe nie zu verkennende, ich möchte ſagen, elegante Manier des franzöſiſchen Arbeiters abging, aber mit dem Beginn des Stückes verſchwand jede
manches Eigenthümliche der Pariſer Griſetten ſowie ihrem
mit den Mützen und Hüten auf den Köpfen, ſaßen ſie da,
vollſtändigſten Beifall ihres Publikums genoſſen.
Beifall, und wenn in dieſem ſonderbaren Potpourri die
von der Leichtigkeit des Dialogs, von dem Vortrag des Cou⸗ plets im franzöſiſchen Vaudeville im théatre des funam- bules auf dem boulevard du temple war in der Darſtel⸗ lung dieſer Poſſe mit Geſang auf dem Volkstheater in der Gartenſtraße Nichts vorhanden, Rohheit und Plumpheit in den Manieren, Mangel an jeder Begabung und Talentloſig⸗ keit waren hier an die Stelle jener Vorzüge in der Auffüh⸗ rung des franzöſiſchen Vaudeville getreten. Ausſtattung, Decorationen und Toiletten ſtimmten mit der Aufführung vollkommen überein. Der Geliebte und Mann der Näthe⸗ rin trug dieſelben häßlich karrirten Beinkleider im erſten Akt, wie in den drei folgenden, die Nätherin daſſelbe dunkle Wollkleid. Lore, die Sängerin, ein hübſches Mädchen, wech⸗ ſelte allein das Coſtüm, und entwickelte im Vortrag ihrer Couplets einiges Geſangs- und Darſtellungstalent, die Mutter trug fortwährend die gewöhnlichſten Manieren einer Hökerin in allen Scenen zur Schau, und bei der Zertrüm⸗
merung des Tiſchgeſchirrs im ehelichen Zwiſt am Ende des erſten Akts wurden Teller, Flaſchen und Gläſer mit einer
Heftigkeit zu Boden geworfen, daß die Scherben in das Parquet flogen. Dennoch begleitete ein rauſchender Beifall ſämmtliche Hauptſcenen der ganzen Darſtellung. Das Stück war in allen ſeinen Theilen für Berlin lokaliſirt. Der Vater der Sängerin und Nätherin war natürlich Schilder⸗ maler und Anſtreicher in der Roſenthaler Vorſtadt, und der Liebhaber Tapezirer in der Ackerſtraße; das Landgut, was die Nätherin durch ihre Erſparniſſe erwirbt, war bei Köpe⸗ nick, einem beliebten Berliner Sommeraufenthalt, gelegen, und das Landhaus, wo Lore, nachdem ſie in Italien eine berühmte Sängerin geworden, das Concert gibt und die Berliner fashionable Welt einladet, lag in der Thiergarten⸗ ſtraße; aber das roſa Spitzenkleid, was ſie im Salon trug, ſaß ihr ebenſo ſchlecht, wie das helle Kattunkleid in der Stube ihres Vaters, als er noch Schildermaler war und der eng⸗ liſche Lord ſowie der italieniſche Kapellmeiſter waren voll⸗ ſtändige Carricaturen, welche aber trotz ihrer eckigen Manie⸗ ren und trotz ihrer Talentloſigkeit in der Darſtellung den Im Opernhauſe iſt an dieſem Abend gewiß nicht ſo applaudirt, wie hier im Volkstheater in der Gartenſtraße. Dazwiſchen wurden große Gläſer mit Weißbier, dem beliebten Berliner Getränk und viele Gläſer mit Branntwein geleert, nur der junge Arbeiter vor mir ließ ſeinen beiden hübſchen Begleite⸗ rinnen Thee mit Kuchen ſerviren, und die Aufwärterin, welche den Thee brachte, benutzte die Gelegenheit, ſo lange der Thee getrunken wurde, ſich zu ihren Gäſten zu ſetzen, um den Akt mit innigem Vergnügen mit anzuſehen. Die Zwiſchenakte füllte jedesmal die Blechmuſik aus; dann trennte ſich von Neuem die Gardine von Glanzkattun, eine neue Scene begann, von demſelben Beifallsſturm und demſelben Applaus begleitet, bis endlich die Familienverſöhnungsſcene und die handgreifliche Entfernung des italieniſchen Kapell⸗ meiſters die Darſtellung zur allgemeinen Zufriedenheit ſchloß und einen ſtürmiſchen Hervorruf aller Mitglieder veranlaßte. Jetzt erſt war es mir möglich, aus dem dichtgedrängten Saale, der mit Wolken von Tabaksrauch angefüllt war, zu entkommen, aber wie ich vor der Thüre unter der rothen Laterne in einen Fiaker ſtieg, um zu meiner Wohnung in der Thiergartenſtraße zurückzufahren, hörte ich noch, wie ein Dienſtmädchen ihrer Freundin erzählte, welch ein Vergnügen
ihr die Vorſtellung gewährt habe und ſie es nicht bereue, ſtatt morgen ihren Sonntag zu haben, daß ihre Herrſchaft ihr
die Erlaubniß gegeben, heute das Theater in der Garten⸗
Täuſchung. Von der Präciſion, von dem Darſtellungstalent, ſtraße beſuchen zu dürfen.
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