nicht unſere Zeit großer Verbeſſerungen benöthigt ſei. Un⸗ ſere Abſicht war nur, zu zeigen, daß die Welt im Gan⸗ zen genommen zum Beſſern fortſchreitet, und auf den Weg hinzuweiſen, auf welchem der Menſch ſich einem
erwünſchteren Zuſtande genähert hat, damit man ihn deſto freimüthiger wandeln koͤnne, und Jeder die Ausbreitung nützlicher Kenntniſſe, durch Unterweiſung ſowohl der Jugend als des Alters, in ſeinem Kreiſe befördere.
Berliner Skizzen. Von Guſtav Naſch.
I. Ein Volkstheater.
Ich hatte eigentlich die Abſicht, meine Skizzen aus Ber⸗ lin der Jahreszeit gemäß mit„einem Sommernachtsball“ oder„einer Stunde auf der Promenade im Thiergarten“ oder„einer Extrafahrt nach dem Finkenkrug“ zu beginnen; indeſſen, der Wind bläſt aus Nordoſt und der Himmel iſt mit grauen Wolken bedeckt und eine empfindliche Kälte macht
Hofjäger ſo leer von Spaziergängern, Reitern und Wagen, daß ich Ihnen höchſtens einen im zugeknöpften Paletot ein⸗ herſpazierenden Rentier oder vielleicht auch den greiſen Gene—
ralfeldmarſchall von Wrangel, wie er in ſo gerader Haltung ſtillen grauen Mauern wohnen; dort iſt die Blouſe an die
auf ſeinem Schimmelhengſt vorüber ſprengt, als wenn er erſt 40 Jahre alt wäre, zeigen könnte, und die„Sommer⸗ nachtsbälle“ und die„Extrafahrten“ exiſtiren nur auf den großen Zetteln der Anſchlagsſäulen, in Wirklichkeit ſind ſie Winterbälle und Wagenzüge ohne Paſſagiere. Was bleibt mir alſo übrig, da der Mai das März⸗ oder Aprilwetter hartnäckig feſthält, als zu meiner erſten Skizze mir nochmals den Stoff aus der vergangenen Saiſon zu nehmen! Heute Abend iſt im Opernhauſe große Galavorſtellung; Spon⸗ Räume mit Allem, was am preußiſchen Hofe courfähig iſt, in den Logen und auf den rothſammtnen Seſſeln der Par⸗ quets funkeln die Strahlen des blendenden Gaslichts auf Diamanten und Brillanten und ſtaunend und neidiſch blickt das Auge der in Oſtpreußen oder in Pommern auf ihrem Rittergute wohnenden Gräfin auf die glänzenden Toiletten, welche die Kunſt der erſten Modiſtinnen zweier Hauptſtädte für dieſen Abend geſchaffen hat. Ich führe Sie heute in ein anderes Theater, zu dem Vorſtadttheater letzten Ranges in Berlin, nach der Gartenſtraße im ſogenannten Voigtlande. Es fragt ſich, welchem Publikum heute Abend ein größerer Genuß dargeboten wird, ob dem courfähigen, hochadligen, glänzenden und diamantenſtrahlenden im erſten Theater der
St. Antoine von Berlin. Dort wohnen die Arbeiter der
großen Fabrikwerkſtätten vor dem Oranienburger Thore,
die Eiſen⸗ und Maſchinenarbeiter aus den Borſigſchen und Egelsſchen Etabliſſements, arme Weber, welche vom frühen Morgen bis in die Nacht auf der Bank des Webſtuhls zu⸗
bringen, hübſche Nätherinnen, welche mit der Nähnadel kaum die Thiergartenſtraße vom Brandenburger Thor bis zum
mehr wie fünf Groſchen den Tag über verdienen, Fabrik⸗ mädchen und Kattundrucker, die Männer der Arbeit und die Kinder der Armuth und des Elends; dort ſind die großen Familienhäuſer, in denen Hunderte von Perſonen hinter den
Stelle des Rockes und die Mütze an die Stelle des Hutes
getreten; dort tragen die ſchönen Kinder des Volkes Kattun⸗ kleider ſtatt der ſeidenen und weder Hut, noch Schleier, noch Sonnenſchirm ſchützt den Kopf vor Staub und Sonne; dort gibt es keine Conditoreien, keine Gaſthöfe oder Reſtaurants — wenn man nicht ein Bierhaus mit halberblindeten Fenſter⸗ ſcheiben und niedriger Thür ſo nennen will—; dort wird eine Equipage wie eine merkwürdige Seltenheit angeſtaunt
und eine Dame zu Pferde wie ein Naturwunder. Alle Ber⸗ tini's geniale Muſik des Fernand Cortez füllt die glänzenden
liner Schauergeſchichten ſpielen im Voigtlande. Das Voigt⸗ land iſt die Heimath aller Spitzbuben, alles Geſindels und aller der Polizei verdächtigen Perſonen, die Geburts⸗ und Heimathsſtätte des ärmſten und verwahrloſten Proletariats, das St. Giles von Berlin, wenn auch ſeine Bewohner keine Irländer, ſondern urſprünglich Weber aus dem ſächſiſchen Voigtlande ſind, welche dieſen Stadttheil gründeten und ihm
den Namen gaben. Die„Geheimniſſe von Berlin“ haben hier ihren Schauplatz. Eine Fleur de Marie und eine Rigolette
Hauptſtadt durch die rauſchenden Klänge Spontini ſcher Muſik
oder den armen Proletariern in der Blouſe und mit der Mütze auf nie friſirtem Haar im letzten Vorſtadttheater durch die Darſtellung der localiſirten Poſſe: Sängerin und Näthe⸗
ner der Vorſtadt würden ſich beim Geſange des Montezuma
könnten nur in der Ackerſtraße oder in der Gartenſtraße wohnen.
Eine unheimliche rothe Laterne zeigte mir den Eingang des Theaters. Ueber einen dunkelen kleinen Hof ging es zu einer Treppe, welche zu einem ziemlich großen unwirthlichen Raume führte, wo an einem Büffet Weißbier und Brannt⸗ wein, Butterbrode mit Schinken und Käſe verkauft wurden und wo ſich die Theaterkaſſe befand. Die Preiſe der Plätze
betrugen ein, zwei und drei Silbergroſchen und gegen Zah⸗ lung eines Parquetbillets zu drei Silbergroſchen trat ich in rin? Könnte man mit einem Zauberſchlag das Publikum in beiden Theatern plötzlich wechſeln, ich glaube, die Bewoh⸗
und der Amazely ebenſo langweilen, wie die Geſellſchaft im
Opernhauſe bei den Coloraturen der Lore in der Poſſe. Jeden⸗ falls aber iſt ein Blick in das Innere des Theaters in der Gartenſtraße originell, ſo wie der Anblick der Vorſtadttheater auf dem Boulevard des Temple in Paris, und das glän⸗ zende Bild im Opernhauſe ſieht gerade ſo aus, wie das im Theater der Königin zu London oder in der großen Oper zu Paris. Gehen wir alſo in die Gartenſtraße.
Die Gartenſtraße iſt eine halb fertig gebaute Straße der
ärmſten und letzten Vorſtadt von Berlin, welche ſich vom Schönhauſer Thore bis zum Oranienburger Thore ausdehnt, des ſog. Voigtlandes, des Faubourg St. Marceau oder
den Theaterſaal, wo mein Billet noch zweimal, ehe ich zu meinem Platze gelangte, controlirt wurde. Die Parquet⸗ plätze beſtanden aus Rohrſtühlen, an denen mit Kreide die Nummern geſchrieben waren, die Sitze des Parterre und der einen Logenreihe aus Holzbänken mit und ohne Lehnen. Ein Vorhang von Glanzkattun trennte die erhöhte Bühne von dem Zuſchauerraum, die Wände des Saales hatten einen gelbgrauen Anſtrich ohne alle Zierrath und Malerei, nur an der Decke und an den beiden Seitenwänden der Bühne ſchien ſich der Theaterdirector, der zugleich Maler, Tapezierer, Director und mitwirkendes Mitglied der Truppe iſt, in Freskomalerei verſucht zu haben. Alle Plätze waren bereits gefüllt, und nur mit Mühe gelangte ich zu meinem mit Kreide numerirten Stuhl.„Alle Unanſtändigkeiten ſind verboten,
und Jeder, der ſich unanſtändig benimmt, wird ſofort aus


