Jahrgang 
1857
Seite
309
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Inhaltt: Leidenſchaft und Sitte. Erzählung von Paul Stein.(Fortſetzung.) China und die Chineſen. I. Die Stubenfliege. Von Reinherz Kromm. Sonſt und Jetzt. Aus E. J. Reimann's nachgelaſſenen Papieren. I. II.(Schluß.) Berliner Skizzen. Von Guſtav Raſch. I. Bad Liebenſtein. Was beliebt: Das Leben der Thiere im Juli. Eigenthümlicher Geruch jeder Nation. Reform der Volksſchule.

keidenſchaft und Sitte.

Eine Erzählung von der ſchwäbiſchen Alb.

Von Paul Stein.

(Fortſetzung.)

Der Burſche erwachte wie aus einem tiefen Traume. Halb bewußtlos ſtarrte er die Schweſter einige Augen⸗ blicke an, dann rieb er ſich die Augen, fuhr ſich über die Stirne und ſagte in noch halb träumeriſchem Tone:

Ach! Du biſt's Engel? Sei ſtill! Verrathe mich

nicht! ctö wollte an ihr vorüber ins Haus, doch ſie hielt ihn zurück.

Sage mir erſt, wo Du heute Nacht warſt? frug ſie und ſah ihn forſchend an.

Daß ich ein Narr wäre! rief er jetzt plötzlich in ſeiner gewohnten luſtigen Weiſe.Das erfährt ſelbſt der Teufel nicht und Du Engel, noch weniger.

So? Iſt das der Dank für meine Angſt um Dich? ſagte beleidigt die Schweſterund daß ich gar nicht geſchlafen habe wegen Dir, wollte ſie hinzuſetzen, doch ſie brachte es nicht heraus, denn Michel erſchien unter der Stallthüre, und ſein Anblick ſtrafte ſie Lügen. Conrad gab ihr keine Antwort mehr, er rief ihr nur noch zu, als er die Treppe hinaufſprang:

Der Michel ſoll ſagen, daß er mir heute Nacht die Thüre aufgemacht, und daß ich ſchon bald heimgekommen

ſei Engel ſtand verlegen da.

Was ſoll ich ſagen? frug der Knecht, und näherte ſich dem Mädchen.

Daß Du dem Conrad heute Nacht frühzeitig die Thüre aufgemacht hätteſt; ſagte ſie mit niedergeſchlage⸗ nen Augen.

Das wäre ja gelogen. Soll ichs doch Deiner Mut⸗ ter ſagen, Engel?

Mach' was Du willſt! ſtieß das Mädchen in herbem Tone hervor, drehte ihm den Rücken und ging langſam dem Felde zu.

Traurig ſah der Knecht ihr nach, und eine helle Thräne V lief über ſeine gebräunte Wange.

Die Höhlenbäurin machte ſo ſchnell wie nur möglich die Streitſache ihres Sohnes ab; ſie ſparte kein Geld, und es gelang ihr, den Liebling mit einer kleinen Strafe durchzubringen. Etwas ſchwerer hielt es, bei ihrem Manne die Sache gütlich beizulegen, denn dieſer konnte lange nicht die verlorenen Brabanter verſchmerzen. Erſt als er ſah, daß Conrad von dieſer Zeit an viel fleißiger und ordent⸗ licher wurde, machte er wieder eine freundlichere Miene. Es ſchien in der That auch, als ob der ſchlimme Vorfall auf dem Tomerdinger Markte ihn völlig verändert hätte. Er trank und ſpielte ſeitdem nicht mehr; ging er auch

Sonntags ins Wirthshaus, ſo verließ er es regelmäßig