Jahrgang 
1857
Seite
1
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Der Feierabend.

Eine kleine Geſchichte in drei Bildern, als Vor⸗ und Fürwort

vom Herausgeber.

Erſtes Bild.

Der Winter war in's Land gezogen. Wie eine weiße Decke hatten ſich wirbelnde Schneeflocken auf Feld und Dorf gelegt. Pfeifend heulte der Adventswind, daß die geblümten Fenſterſcheiben zitterten und ſtöhnten.

Die Dreſcher hatten ihr Tagewerk vollendet und waren heim gegangen. Valentin Horn, ein rüſtiger Bauer, verſchloß die Schuppen und Speicher, darinnen er den Segen ſeines Fleißes barg.

Schon dämmert der Abend, ſprach er bei ſich ſelbſt, indem er ſeinem Hauſe zuſchritt,und nach gethaner Ar⸗ beit iſt gut ruhen. Freilich, fügte er alsbald hinzu,iſt jetzt die Arbeit nur ein Kinderſpiel. Der trübe Morgen und der trübe Abend ſtehen ſo nahe beiſammen, daß man kaum Zeit behält, zu eſſen und zu trinken. Darum iſt der Winter des Landmanns Sorgenſtuhl, worin er aus⸗ ruht von des Tages Laſt und Hitze, die er den Sommer über getragen.

Damit war er in's Haus getreten. Seine Frau empfing ihn mit den freundlichen Worten:Gut, daß Du kommſt. Die Suppe ſteht ſchon auf dem Tiſche.

Schon wieder eſſen? lachte Horn.Das laß' ich mir gefallen. Die Hühner ſind ja kaum in's Neſt ge⸗ gangen.

Ich bin zur Nachbarin geladen! erwiderte Gertrud. Du weißt, die hat's nicht gern, wenn man ſo lange bleibt.

Und Horn ſchlug neckend ſein Ehegeſpons auf die Schulter und ſprach:Ja, ja, wenn die Frauen ihre lie⸗ ben Spinnſtuben nicht hätten, ſie wüßten nicht, wie ſie die langen Winterabende hinbringen ſollten.

Gertrud aber, die ſich nicht gern das letzte Wort neh⸗ men ließ, entgegnete mit ſchalkhaftem Lächeln:Und was thut Ihr Männer? Ihr liegt auf der Ofenbank und ſchmaucht Euer Pfeifchen oder geht in die Schenke, zecht und ſpielt und kannegießert und

Horn ließ ſie nicht ausreden, indem er ihr die Hand auf den Mund legte.

Das mögen, ſprach er,Nachbar Hans und Nach⸗ bar Velten thun, aber

Während deſſen hatte ihn die Frau umfaßt und flüſterte mit weicher Stimme:Laß nur gut ſein! Du biſt freilich ein weißer Sperling in unſerm Dorfe. Darum ſpotten ſie auch über Dich und heißen Dich nur den Klug⸗ hanſen. Ich freue mich aber, daß ich einen ſolchen Klug⸗ hanſen habe.

Und damit ſchlüpfte ſie, als ob ſie des zärtlichen Wor⸗ tes ſich ſchämte, hurtig zur Stube hinaus.

Das Abendbrot war verzehrt, und Gertrud hatte ſich mit ihrem Spinnrad verabſchiedet.

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