Jahrgang 
2 (1864)
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Von C. W. Stuhlmann. 5

ſelber zu vollſtrecken für gut fand. Er war ein entſetzlich roher und jäh⸗ zorniger Geſelle, der ſtets mit den gemeinſten Schimpfwörtern um ſich warf. Halunke, Canaille, Beſtie, bildeten darunter gleichſam nur die Poſitive, die Comparative und Superlative will ich den Leſern erſparen. Eine Art liebkoſender Züchtigung war, daß er ſeine von Schnupftabak⸗ reſten ſtarrenden Sacktücher ſeinen Zöglingen um's und in's Geſicht ſchlug. Die Stöcke zum Prügeln kaufte er en-gros ein, mehrere Bunde Stuhl⸗ rohr zu gleicher Zeit. Ich habe erlebt, daß er an einem einzigen Tage drei ſolcher Rohrſtöcke bis auf die Gräten vernutzte. Ich gehörte zu den nicht am ſeltenſten Geprügelten.Dein Vater war ein ſtupend gelehrter Mann, und du biſt das ſtupideſte Vieh, das auf zwei Beinen umher⸗ läuft! das wurde mir dabei faſt täglich zugeſchnaubt. Jedes Vierteljahr gab es ein ſchriftliches Zeugniß zum Avis für die Eltern.Infamer Hundsfott, was haſt du wiederum für ein Zeugniß gekriegt! hieß es bei der Ueberreichung von Seiten des Herrn Unvernünftig, und ſofort wurden die Hinterſeiten meines Körpers zur Bühne eines neuen Trauerſpieles ge⸗ macht.Cäſar, Cäſar! ſagte meine Mutter, wenn ich ihr den Urias⸗ brief präſentirt hatte,was ſoll aus dir dereinſt noch werden! Und wenn ſie nun das Zeugniß, welches mit der Unterſchrift der Eltern ver⸗ ſehen dem Tyrannen zurückgeliefert werden mußte, mit ihren Namen unter⸗ zeichnet hatte, dann ſeufzte ſie wohl noch ihre Trauer über dasſelbe in einem mit mächtigen Lettern geſchriebenen:Leider geleſen! oderO weh! aus. Ein ſolches O weh heckte mir aber zahlloſe neue Owehs aus.Hundsföttiſches ſo ärgerſt du deine arme, brave Mutter? Johann, zwei neue Rotangs! Johann war der Hausſklave, und ich entſinne mich nicht, ihn je anders beſchäftigt geſehen zu haben, als daß er Stöcke für den Gebrauch des grimmen Despoten zurecht ſchnitt.

Hin und wider hatte der Herr Unvernünftig jedoch Anfälle von Gut⸗ müthigkeit, an einzelnen Tagen war er ſogar liebenswürdig, und de verdankte er, daß er trotz aller Rohheit und Barbarei, doch nicht ſo 4 haßt bei uns Kindern war, wie die Demoiſelle Kaak und ſeine Frau. Letztere beunruhigt noch jetzt nicht ſelten meine Träume. Sie war wirk⸗ lich die Knochen und Schwarte gewordene Bosheit.

Sieben Stunden wurden wir täglich geſchult; ſechs⸗ und ſiebenjährige Kinder nicht ausgenommen. Sonnabends hatten wir zwei Stunden Tanz⸗ unterricht. Auch dabei ſetzte es, nicht von der Hand des Tanzmeiſters,