772 Novellen
mit rothem Bande umwunden, die leichte buntfarbig geſtreifte Manta über der Schulter, den Sombrero auf dem Kopfe, durchzieht er fröhlich ganz Spanien und iſt, wie der wandernde Tyroler in Deutſchland, gern geſehen, wo er erſcheint. Ehrlich und treu, hat er Zutritt in den Häuſern auf allen Plätzen, ſelbſt im Feldlager, mit ſeinem Eiswaſſer und ſeiner Limo⸗ nade, den begehrteſten von allen Bedürfniſſen des Südländers. Unermüdet durchwandert er die Straßen der Stadt bis zu der kleinſten Botega. Ueberall hört man ſein„guien guiere agna fresca, o bella limo- nada torgeada“ c. Er iſt ein Hidalgo, ſo gut wie alle Andern, aber er iſt leutſelig gegen Alt und Jung und freut ſich des Blicks, den er von einer ſchwarz— äugigen chicita erhaſcht, während er den Becher ihren rothen Lippen nähert. Am intereſſanteſten ſtachen aus dieſen Abendbildern die galanten Franzoſen her⸗ vor, die in den verſchiedenſten Uniformen und Waffen⸗ gattungen den Platz durchwandelten. Hatte Einer oder der Andere eine ihm bekannte Dame der Demi⸗ monde erſpäht, konnte man ſicher ſein, daß ſie mit der Anmuth eines alten Marquis zu einem Eisladen, von da aber zum Tanz oder zum Spaziergange auf die reizende Alameda von ihm eingeladen wurde.
Es ereignete ſich nicht ſelten, daß die Liebenden, mit verſchlungenen Händen in eigene Anſchau verſun⸗ ken, auf ihrem lauſchigen Belvedere verweilten, wenn ſchon ein leichter Lichtſtreif im Oſten den kommenden Tag verkündigte. Wenn dann die buntfarbigen Lam⸗ pen unter den Arcadben eine nach der andern erloſchen und die vorher gleich Feentempeln erglänzenden Hallen zugleich mit dem großen Platze und den darauf wan⸗ dernden Spätlingen im Grau der Morgendämmerung verſchwammen, dann gab die treue Roſette durch An⸗ zünden der dreiarmigen Lampe das Zeichen zur Tren⸗ nung.
An anderen Tagen gereichte es Winterfeld zum beſonderen Vergnügen, der Gräfin, die ſich in hohem Grade für die Kunſt intereſſirte und in Oelmalerei nicht unbedeutendes Talent entwickelt hatte, die Sculp⸗ turen im Pallacio reale und die in vielen von Va⸗ lencias neunundſiebenzig Kirchen enthaltenen Bilder⸗ ſchätze zu zeigen. Es war ſein Stolz, an der Seite der edlen Frau zu gehen, die durch ihre auffallende Schönheit und durch ihre Liebenswürdigkeit da, wo ſie erſchien, allgemeine Bewunderung erregte.
Es war an einem der wenigen Tage, die den Ueberglücklichen noch bis zur Abreiſe der Gräfin ver⸗ gönnt waren, als ſie Vormittags von der Beſichtigung des am äußerſten ſüdöſtlichen Stadtende gelegenen Caſtells zurückkehrten, deſſen erſte Anfänge deutlich noch als mauriſchen Urſprungs erkenntlich, zu dem
Zeitung.
Bau einer Veſte Veranlaſſung wurde, die in ihrer Lage am Guadulaviar bis zu der letzten, von Blake ver— lorenen Schlacht den Franzoſen bei ihrem Vormarſch zu einem erheblichen Hinderniß gereichte. Sie hatten unter anderen Merkwürdigkeiten, die einer grauen, un⸗ gewiſſen Zeit entſtammten, zuletzt auch ein kleines Erkerzimmer in dem ſogenannten Römerthurme be⸗ ſucht, in welchem Spaniens romantiſcher Kampfheld, Don Ruy Diaz, Conde de Vivar, mit dem Beinamen el Cid(der Herr), ſeinen Geiſt im Jahre 1099 aufge⸗ geben haben ſoll. Das ſchönſte Schauſpiel aber bot ſich der ſchönen, für das Schöne ſo empfänglichen Frau bei der Rückkehr auf dem Puente del Rio dar. Dort hat man die volle Ausſicht über die umfang⸗ reiche Stadt, die mit ihren hundert Thürmen und goldſtrahlenden Kuppeln unter Palmen⸗ und Orangen⸗ hainen, zwiſchen Roſen- und Myrthengehegen, weithin von einem grünen, fruchtreichen Gelände umgeben, ſchöner, bezaubernder anzuſehen iſt, als alle Städte des Orients, von denen ſo manche Reiſende die Schön⸗ heiten preiſen, die ſie einſt beſeſſen haben ſollen.
Gräfin Julie drückte Winterfelds Hand, welche
die hervorragendſten Schönheiten, die er namhaft machte, bezeichnet hatte.„O, wie viel ſchöner iſt der Blick in dieſes füllreiche Eden, als in das düſtere Gemach, in welchem der ſtets kampfbereite Graf von Vivar ſeinen unruhigen Geiſt aushauchte! Hier in dieſen lachenden Thälern, in einer ſtillen, friedlichen Hütte, möchte ich mit Dir, mein Geliebter, meine
Lebenstage beſchließen!“ ſagte die Gräfin, und einer
ihrer ſo ſprechenden Blicke ſuchte Winterfelds Auge, der, als ſuche er bei dieſen Worten ſelbſt nach einem ſtillen Fleck für ihre Liebe, noch einmal forſchend den Blick rückwärts warf.
„Wer kann ſagen, wie bald nicht der Frieden, der jetzt noch über dieſem großen Prachtgarten waltet, auf lange Zeit geſtört wird, liebe Julie?“ wandte er ſich jetzt wieder zu der Gräfin.„Die Engländer haben ihre Stellung bis nach St. Filippe am Incar vorge⸗ ſchoben, engliſche Kreuzer durchfurchen das Mittelmeer in täglich ſich mehrender Zahl ganz in unſerer Nähe. Zwei ihrer Kriegsſchiffe, ein Zweidecker und eine Fre⸗ gatte, haben ſogar auf der Höhe von Grao ſeit einigen Tagen Anker geworfen. Nachts gehen ſie unter Segel und Morgens ſind ſie wieder da; ohne Grund ſind die Bewegungen der feindlichen Flotte gewiß nicht, und große Ereigniſſe ſind vielleicht ſchon in der näch⸗ ſten Zeit auch noch in dieſen bisher ziemlich verſchont gebliebenen Gegenden zu erwarten.“
„Du, mein Cid, haſt nicht Urſache, ſie zu fürchten, ſo der gütige Gott, den ich täglich darum anflehe,
Dich in ſeinen Schutz nimmt,“ ſagte die Gräfin und
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