Jahrgang 
28-52 (1866)
Seite
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geſchnitten, auf dem er zu ſeiner Fahne zurückkehren konnte; dabei mußte er die größte Vorſicht gebrauchen, um nicht als feindlicher Officier erkannt zu werden. Der Brief an ſeinen Chef hatte ſchon darauf vor⸗ bereitet, daß die Ereigniſſe ſeine Rückkehr verhindern könnten, und er beſaß zu ſehr das Vertrauen ſeines Oberſten, als daß er ſeinerſeits Argwohn hätte be⸗ ſorgen müſſen. Er beſchloß abzuwarten und die erſte günſtige Gelegenheit zu benutzen.

Auch Freiwald ſah ſich in der Ausführung ſeines Entſchluſſes gehemmt. Er konnte erſt nach dem Vor⸗ rücken der verbündeten Heere hoffen, die jetzt ab⸗ geſchnittene Verbindung mit ſeinen Angehörigen in Thüringen wieder anzuknüpfen, um ſich die zu ſeiner Ausrüſtung nöthigen Hülfsmittel zu verſchaffen, wozu vor Allem gute Pferde gehörten, da er in ein Reiter⸗ regiment einzutreten gedachte.

Seine Vaterlandsliebe wurde noch mehr entflammt, als ſeit dem erſten April Schaaren von preußiſchen Freiwilligen durch Dresden zogen. Es waren unter ihnen einige junge Männer, die er im vorigen Jahre auf einer Wanderung durch das Rieſengebirge kennen gelernt hatte, die ihn durch ihre Erzählung von der Bewegung, welche der Aufruf des Königs von Preußen überall unter der Jugend erweckt hatte, höher begeiſterten. Er verhehlte ihnen weder ſeinen Vorſatz, noch die Hinderniſſe, welche ihn von der Ausführung abhielten.

Unnöthige Rückſichten, liebſter Freiwald! rief lachend einer der jungen Jäger.Der Freiwillige braucht nichts als Büchſe und Hirſchfänger und einen anſtändigen Rock; und kann er die Waffen nicht be⸗ zahlen, ſo giebt ſie ihm der König. Für alles Uebrige laſſen wir Gott ſorgen, der die Raben auf dem Felde kleidet und nährt, und der für die tapferen Frei⸗ willigen wohl noch ein Uebriges thun wird.

Freiwald widerſtand mit ſchwerem Herzen der Auf⸗ forderung ſeiner Bekannten, ſogleich in ihre Reihen zu treten, aber er vertraute einem Officier der Frei⸗ willigen einen dringenden Brief an ſeine Eltern, und erhielt von dieſem das feſte Verſprechen, daß das Schreiben auf eine oder die andere Art treu beſorgt werden ſolle.

Ungeduldig auf die Antwort harrend, erſchien der Tag, an dem Kaiſer Alexander und der König von Preußen ihren feſtlichen Einzug in Dresden hielten. Freiwald begeitete die Familie Winterfeld an dieſem Frühlingsmorgen auf die nach Bautzen führende hohe Heerſtraße. Eine lange Reihe von Rüſtwagen, mit des Kaiſers Bagage, neben denen große ſpitzköpfige und langgeſchwänzte Hunde aus Kamtſchatka trabten, eröffneten den Zug. Die Familie ging faſt zwei Stunden die aufgeſtellten ruſſiſchen Garden entlang,

Novellen⸗Zeitung.

die durch kriegeriſche Muſik der harrenden Menge die Zeit verkürzten. Endlich, um die Mittagsſtunde, naheten die beiden Mornachen und zogen unter feſt⸗ lichem Geläut über die Blumen, welche weißgekleidete Jungfrauen auf ihren Weg ſtreueten. Während Anna und ihre Mutter durch den jubelnden Zuruf, womit die Volksmenge den glänzenden Zug begrüßte, zu begeiſternden Hoffnungen ſich geſtimmt fühlten, wurde ſelbſt Heinrich, durch das kriegeriſche Schauſpiel auf⸗ geregt, mitunter von dem Wunſche beſchlichen, daß es ihm vergönnt ſein möchte, den Fahnen zu folgen, welche zum Sieg und zum wahren Ruhm zu führen ſchienen. Nur der alte Herr ließ Alles ziemlich gleichgültig an ſich vorübergehen.

Ein herrliches Schaugepränge! ſagte er zu den beiden jungen Männern, die eben an ſeiner Seite ſtanden.Das wechſelt in unſern Zeiten wie Opern⸗ decorationen! Ich glaube nicht zu viel bei einer Wette zu wagen, daß in vierzehn Tagen gleich feſtliches Geläute wieder einen andern Einzug begrüßt, und daß die heute gefallenen Prunkreden mit einigen Veränderungen für andere gefeierte Helden zugeſtutzt werden.

Möglich, Herr von Winterfeld, entgegnete Freiwald, ſichtlich unangenehm durch des Barons Worte berührt;aber wenn auch die Glocken ihre Stimmen erſchallen laſſen, ſeien ſie weiß oder ſchwarz, ſo wird die Rede wohl nie ganz ſo hohl ſein, daß die tiefere Geſinnung nicht anklänge.

Wer weiß, entgegnete Winterfeld;wenn die Rede ſo oft wechſelt oder wechſeln muß, muß auch die Wahrheit der Geſinnung darunter leiden. Das aber eben iſt das Unglück der Zeit, daß die Menſchen getrieben werden, bald vor dieſem, bald vor jenem

Herrn und Meiſter ſich zu beugen, mag er ihnen

lieb ſein oder nicht, gewählt oder aufgedrungen. Und wird es anders werden, Herr Freiwald, mögen nun dorthin oder hierher die Fahnen ſiegreich wehen? Ich habe nun, ſeitdem ich majorenn bin, ſchon drei Farben getragen und was bleibt mir übrig, als ge⸗ duldig die vierte zu nehmen, die man mir vielleicht ſchon in der Kürze vorſchreiben wird? Das aber iſt der Fluch unſeres, von Dichtern und Künſtlern ſo vielgeprieſenen deutſchen Vaterlandes.

Da bin ich in Wahrheit glücklicher, lieber

Vater! ſagte Heinrich lächelnd.Die weſtphäliſche Cocarde, jetzt heimlich verſteckt, wo Niemand ſie findet, i*ſt bis jetzt meine einzige, und noch vermag ich nicht zu ahnen, in welchen Farben die nächſte ſpielen wird.

Am folgenden Tage fand Herr v. Winterfeld

eine ihn anziehendere Unterhaltung in den belebten

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