Jahrgang 
28-52 (1866)
Seite
693
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Vierte Folge. 693

dem Oberprocurator des Kaiſerreichs, Fürſten Trubetzkoi, die Partie, da die Kaiſerin⸗Mutter mit ihrem Ge⸗ mahl wie gewöhnlich grollte. Erſt das Unglück machte dieſes Gattenpaar einig, als das jetzt zehn Monate alte Kaiſerkind entthront wurde. Die ſchöne Schwe⸗ din ließ ihr großes Auge noch auf dem Ausgange haften, durch welchen Melartin eben verſchwunden.

Ich fürchte, gnädige Frau, redete der Marquis ſie an,Ihre Meinung über die Glückſeligkeit der Gegenwart ſei in zwei Tagen eine andere geworden, wenn ich nämlich den Ausdruck Ihrer Züge, die ich wie mein Evangelium zu deuten ſtrebe, richtig auf⸗ faſſe.

Sie irren, Excellenz, ſagte ſie, den Kopf ein wenig hebend;es iſt ein momentanes Gefühl des Un⸗ behagens, das mich beherrſcht und in meinem Geſichte widerſpiegelt. Es iſt ſo ſchwül hier im Gemach, daß ich, wäre es nicht bei Hofe, hinaus möchte.

Errathen alſo! Sehen Sie, Baroneſſe, mit welcher Aufmerkſamkeit ich Ihnen folge und jeden Ihrer Blicke aufzufangen beſtrebt bin. Ich ſah Ihr Auge ſo verlangend auf dem Grün dort draußen und dann auf der Thüre haften, daß ich es wagte, in der Abſicht näher zu treten, Ihnen mich zum Führer anzubieten.

Sie meinen, daß es möglich ſei, unbemerkt ins Freie zu kommen?

Da Sie doch eine Zauberin ſind

Chetardie reichte der Baroneſſe den Arm. Sie nahm ihn und machte eine Promenade durch den Salon; dann führte er ſie durch dieſelbe Thüre, durch die Melartin verſchwunden; ſie kamen in den

Park.

Der Franzoſe wußte, was ſeine entzückende Be⸗ gleiterin hinausgelockt; er beneidete in dieſem Augen blicke den blonden Schäfer, der das Herz dieſer Frau gefeſſelt; der doch nicht über das Niveau der All⸗ täglichkeit emporragte und ſo unbedacht, ja ſo dumm ſich zum Werkzeuge Anderer machen ließ; der die Neigung der Baroneſſe ſo wenig verdiente, als er ſie erwiderte und allezeit bereit war, ſie gegen eine Ausſicht auf Carriére zu verrathen; der jetzt wahr⸗ ſcheinlich die Prinzeſſin umtänzelte und ſie ſeiner geckiſchen Liebe verſicherte. Er warf einen flüchtigen Blick auf Frau von Nolken. Sie war heute ſchöner, prachtvoller gekleidet, ſie trug Puder kokett in's Haar geſtreut, aber ſie war bläſſer als ſonſt und der Contraſt, welchen die zarten, leidend erſcheinenden Züge zu dem ſtrahlenden Putz bildeten, machten ſie ſelbſt in den Augen eines Mannes, wie Chetardie, intereſſanter. Und wie er in dieſen irrend ſpähenden Blick ſah, durchzuckte es ihn mächtig; er hätte vor

ihr niederſinken, ihr Alles und die Unwürdigkeit Melar⸗ tin's ins Beſondere geſtehen und ſie anflehend mögen, den Glecken aufzugeben und ihm, dem Marquis ja, was ihm? Liebe? um Gotteswillen! oder ſollte er den Cardinal Fleury, der täglich die Nachricht erwartete, der Krieg ſei erklärt, mit anderen Worten, Nolken habe Petersburg verlaſſen und ſei nach der Heimath zurückgekehrt, ſollte er den Cardinal ver⸗ rathen, ihn dieſe Nachricht vergeblich erwarten laſſen? Unmöglich! Denn ein Intriguant mochte Chetardie ſein, ein Verräther war er nicht; die Diplomatie war ſein Gebiet, indem er herrſchte und die einzelnen Individualitäten benutzte, wie ſeine Zwecke es verlangten, unbekümmert darum, welche Folgen es für ſeine Werk⸗ zeuge habe, und dieſe Diplomatie diente dem Beſten ſeines Vaterlandes, das er trotz Allem liebte, für das er ritterlich, freudig zu ſterben im Stande geweſen wäre. Und nun hätte er es um einer Empfindung willen, die ebenſo gut Laune ſein konnte, als ſie Liebe zu ſein ſchien, verrathen ſollen? Der Gedanke daran ſchon empörte ihn gegen ſich ſelbſt. Aber was dann? Sollte er dieſes Weib, das ſo entzückend ſchön vor ihm ſtand, aufgeben, das Weib, das ihm jetzt eben ſo hoch war, als ſein Frankreich? Auch hier nein! Es gab ja noch einen Mittelweg. Er wollte die Intrigue durchführen, aber zuvor wollte er dieſen günſtigen, unbelauſchten Moment wahrnehmen, wollte es verſuchen, ſie ſich zu gewinnen, und wenn nicht ihr Herz, von dem er wohl wußte, daß es Melartin ſo ſchnell nicht aufgeben werde, ſo doch ihre Freund⸗ ſchaft und das Bewußtſein, ſie verſtoße ihn nicht. Sollte darüber der Friede fortdauern, ſo wollte er ſich überreden ſei dies eben trotz aller Machi nation Schickſals Tücke, er könne ſich ſelbſt ſagen, daß er ſein Beſtes gethan. Aber die Ueberredung gelang ihm nicht. Die Prinzeſſin fiel ihm ein und die Verbindlichkeiten, die er ihr gegenüber aufge⸗ nommen, die ihm morgen Erklärungen abverlangte. Der Krieg mußte erklärt werden. War dieſer Schlag einmal geſchehen, ſo konnte er ſein Heil noch immer verſuchen; war Nolkens Depeſche mit demJetzt nach Stockholm abgeſandt, ſo war die Zeit bis zur Abreiſe des ſchwediſchen Geſandten doch immerhin noch lange genug, um wenigſtens einen Becher der Luſt, des Glückes, der Freude leeren zu können, viel⸗ leicht um ſo gelegener auch, weil die Baroneſſe dann ihre Rache an Melartin nicht nur in der Zerſtörung ſeines neuen Verhältniſſes, ſondern auch darin an den Tag legen mochte, daß ſie ihn ſcheinbar um einen Anderen vergäße. Nach Allem, was er neuer⸗ dings über das Verhältniß erfahren, ſchien dieſe Rechnung eine richtige, und Chetardie hatte nicht Luſt,