620 Novellen⸗ZJeitung.
den wahrhaft merkwürdigen Beſuch des Muſikus Rouſſeau empfing. Er hatte noch nicht den Devin du village gemacht und nichts empfahl ihn. Diderot, der ihn liebte, dachte nicht weniger daran, Rouſſeau auf den Titel des großen Diction- naire des sciences einzuſchreiben, ihm die Ehre zu geben, einer der Stifter der Encyclopédie zu ſein(was er wirklich gethan hat).
In demſelben Jahr veröffentliche Mably ſein Buch gegen das moderne Leben, ſein Lob Spartas ꝛc. Konnte Rouſſeau, dem Schützling der Familie Mably und dem Freunde des berühmten Schriftſtellers, dieſes Buch unbekannt geblieben ſein? Er ſagt nichts davon, ſondern ſpricht blos von dem Thema, das die Akademie in Dijon vorgeſchlagen hatte: „Haben die Wiſſenſchaften und die Künſte dem menſchlichen Geſchlechte Nutzen gebracht?“ Dieſe Frage, ſagt er, eröffnete ihm eine ganze Welt. Er ging nach Vincennes, als er es las, wurde davon lebhaft ergriffen, ganz davon erfüllt und konnte kaum noch Athem holen. Er ſetzte ſich unter einen Baum, ſchrieb daſelbſt eine Seite mit Bleiſtift, um ſie Diderot zu zeigen.
Die drei Erzählungen, die man von dieſem Augenblick hat(von Rouſſeau, Diderot, Marmontel), laſſen ſich leicht mit⸗ einander in Einklang ſetzen. Rouſſeau ſah recht gut, welche wichtige Rolle er einnehmen werde, indem er die Wiſſenſchaften und die Partei ſeiner Freunde angriff. Er hätte es aber nicht gethan ohne die großmüthige Zuſtimmung des Haupt⸗ freundes, der für ihn damals Alles war, ohne die Ermäch⸗ tigung des Orakels der Zeit.
Eine ſchwierige Frage für Diderot. Sollte er an dem Tage, wo er das Monument der Wiſſeenſchaften errichtete, Rouſſeau in das entgegengeſetzte Lager ſchicken? Lief er nicht Gefahr, bald in einem Encyklopädiſten einen Feind der Encyklopädie, wer weiß? vielleicht ſelbſt einen Feind Diderots zu ſehen?
Er war in dieſem Falle ſehr groß. Er rieth gegen ſich ſelbſt, gegen ſein Werk und gegen ſeine Partei. Er rieth Rouſſeau für Rouſſeau, deſſen Tendenzen, Talente und Be⸗ ſtimmung gemäß, und was auch geſchehen mochte, er ſchleuderte ihn damit ſeiner Zukunft entgegen. C.
ZBur Sprachreinigung.
Wir haben erſt kürzlich den„deutſchen Sprachwart“ erwähnt, der zur Veredlung unſerer Mutterſprache beitragen will, und wir wollen nur hinzufügen, daß über dieſe hoch— wichtige Aufgabe ſchon viele bedeutende Männer geſchrieben haben, ſo z. B. bereits zu Goethe's Jugendzeit ſein Mitgenoſſe Reinhold Lenz in einem trefflichen, leider ganz vergeſſenen Aufſatze. Aber auch bis in neueſter Zeit ſind kleine und große Stimmen dafür rege geweſen, und jede Zeitſchrift, die ſich um deutſche Sprache kümmert— und welche wagte dies zu verneinen,— ſollte derartige Aeußerungen unterſtützen und weiter tragen. Eine ſolche Anregung, die von Blacha giebt, wollen wir im treuen Dienſte der Sache wiedergeben.
Wenn wir auf die Ausmerzung fremder Wörter dringen, ſo kann, wenn man billige ſachgemäße Anforderungen macht, natürlich nicht die Rede davon ſein, daß wir nicht auch ſolche fremde Wörter anwenden dürften, die einen Begriff bezeich⸗ nen, der bei dem fremden Volke entſtanden und erſt mit der Sache ſelbſt zu uns herübergekommen iſt, und für den ſich, dem Geiſte unſerer Sprache gemäß, kein paſſendes deutſches Wortbilden läßt. Hier wäre es Thorheit, ja Unmöglichkeit, ſich gegen die Aufnahme des fremden Wortes zu ſträuben. Man
müßte mit dieſem die Sache ſelbſt verbannen, was eine eben ſolche Unmöglichkeit iſt. Alles, was man hier verlangen kann, iſt, daß man es auf deutſche Weiſe zuſtutzt, d. h. Endung und Schreibart möglichſt unſerer Sprache gemäß einrichtet; ein Punct, in welchem der Deutſche nur zu ge⸗ wiſſenhaft iſt, indem er das Fremdwort nicht anzutaſten und umzubilden wagt, während der ſelbſtſtändigere Franzoſe daſſelbe, wie es ſeinem Gehör und Sprachwerkzeuge zuſagt, umformt.
Die Verbannung fremder Wörter aus dem Deutſchen kann daher einmal nur ſolche treffen, für die ſich in unſerer Sprache keine paſſenden Ausdrücke bilden laſſen. Sodann aber muß ſie ſich mit noch viel größerer Berechtigung, ja man kann wohl ſogar ſagen, Verpflichtung(denn eine ſolche darf man für jeden gebildeten Deutſchen annehmen, ſeine Mutter⸗ ſprache rein zu ſprechen) auf diejenigen Fremdwörter erſtrecken, für deren Begriff von jeher gute deutſche Wörter vorhanden waren und die nur durch das Ueberhandnehmen des Fran⸗ zöſiſchen im vorigen Jahrhundert und die Aufnahme einzelner Wörter wie ganzer Redensarten aus dieſem in die Umgangs⸗ ſprache, und lateiniſcher Ausdrücke in die Geſchäftsſprache, verdrängt ſind. Zwar iſt die Harlekinsjacke, zu der das Deutſche des vorigen Jahrhunderts auf dieſe Weiſe zuſammen⸗ geflickt worden war, Gott ſei Dank, abgethan worden. Denn das Aufblühen und die ſeitdem ununterbrochen fortdauernde Pflege der deutſchen Literatur einerſeits und der durch den Druck der eingetretenen Fremdherrſchaft gegen die Unter⸗ drücker und ihre Sprache erwachte Haß, ſowie das in Folge der geglückten Abſchüttelung des Joches erwachte und ſeitdem durch die richtigere Selbſtſchätzung genährte Selbſtgefühl andererſeits, haben zur Austreibung dieſer eingedrungenen Fremdlinge mitgewirkt, ſo daß im großen Ganzen die Reinheit der Sprache wiederhergeſtellt iſt.
Deſſenungeachtet begegnen wir immer noch Nachzüglern genug, die bis jetzt der Ausweiſung ihrer Landsleute ent⸗ gangen ſind und ſich in der Fremde ſo breit machen, als ob ſie von jeher ein Recht dazu gehabt hätten. Zum Theil liegt die Urſache davon in dem ſehr tadelnswerthen, uns nicht zur Ehre gereichenden Umſtande, daß, nachdem die Reinigung der Sprache der Hauptſache nach gelungen war, der Eifer dafür erkaltete, und man ſich mit dem bisherigen Erfolge begnügte. Sei dem nun aber, wie ihm wolle, ſo muß es doch im höchſten Grade auffallen, daß man im Deutſchen immer noch franzöſiſche Wörter eingebürgert findet, welche Gegen⸗ ſtände und Perſonen der nächſten Lebenskreiſe bezeichnen, für die alſo doch von jeher ächt deutſche Wörter vorhanden waren.
Was ſteht nun wohl dem Menſchen näher als die Familie, und doch hört man, wenn ſich auch in den Wörtern Vater, Mutter, Bruder und Schweſter die Bezeichnungen für die allernächſten Verwandtſchaftsgrade gäng und gäbe erhalten haben, gleich für die ſich dieſen anſchließenden Grade nur die franzöſiſchen Ausdrücke. Denn Onkel, Tante und Couſine ſind jetzt ſchon ſelber bei unſeren Landleuten großentheils heimiſch geworden. Von den entſprechenden deutſchen Wörtern ſcheint Baſe nur noch im Freiſchütz vorzukommen und ſonſt gänzlich verſchwunden zu ſein, hört man Oheim nur vielleicht gerade im weſtlichen Deutſchland zuweilen noch hier und da, und nur Muhme hat ſich noch am meiſten in unſeren Dörfern erhalten. Und wie viele Großſtädter, beſonders des jüngeren Geſchlechts, mag es nicht geben, die von dem Da⸗ ſein dieſer Wörter kaum eine Ahnung haben. Nur ein Wort dieſes Verwandtſchaſtskreiſes giebt es, das ſich bis jetzt nicht hat verdrängen laſſen und von Hohen und Niedrigen häufig
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