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ſtrengſten Grundſätze geregelt. Dabei hatte ſie ein weiches, hingebendes Gemüth, und ihre rechtſchaffene Seele war des höchſten Aufſchwungs fähig. Sie war beſtändig, ſelbſt in ihren lebhafteſten Zuneigungen, und— was noch ſeltener bei Frauen iſt— ſie ver⸗ einte mit einem kerngeſunden, praktiſchen Verſtande eine leicht erregbare, reiche poetiſche Einbildungskraft. Dieſe ſo verſchiedenartigen Eigenſchaften erregten in ihr, eben durch ihre Mannigfaltigkeit, eine unendliche Wißbegierde und den Drang, Alles gründlich zu verſtehen, was ihren Anlagen entſprach. Als Künſt⸗ lerin hatte ſie nur das Eine Ziel im Auge: den Intentionen des Dichters gerecht zu werden. Sie wußte beim Leſen eines dramatiſchen Werkes augen⸗ blicklich, was an's Licht zu ziehen und was im Schatten zu laſſen war zum größern Vortheil des Dichters.
Sarah Kemble wurde ſehr jung an einen drama⸗ tiſchen Künſtler verheirathet, deſſen Namen ſie fortan trug. Sie ſtrahlte noch im vollen Glanze ihrer Schön⸗ heit, als man ſie in Begleitung eines jungen Mannes ſah, den Fremde ſicher für ihren Bruder hielten, der aber ihr Sohn war, nur achtzehn oder neunzehn Jahre jünger als ſie. Ihre Schönheit entwickelte ſich nur allmählich und reifte zur Vollendung erſt in einem Lebensalter, in welchem es mit den meiſten Frauen ſchon wieder abwärts zu gehen pflegt. Ich weiß von ihren älteren Freunden, daß ſie bis in das zwanzigſte Jahr hinein auffallend mager war und damals in ihren Formen noch nichts von der weichen Anmuth ahnen ließ, durch welche ſie ſpäter Alles bezauberte, und es war mehr als ſchlechter Witz denn als Galanterie gemeint, was einer der Stammbeſucher des Theaters ihres Vaters zu ſagen pflegte: ⸗ſie würde einmal ein ſehr ſchönes Mädchen werden, wenn es ihr gelänge ein bischen mehr Fleiſch an ihre Knochen zu ſetzen und ihre Augen um die Hälfte zu verkleinern....»
Dieſe ſo ſeltſam ausgedrückte Verheißung ſollte theilweiſe in Erfüllung gehen; ihre Augen, die reinen Spiegel ihrer Seele, blieben glücklicherweiſe ſo groß wie ſie waren, aber ihr ganzer Körper gewann eine zarte Fülle, welche vielleicht die Grenze des Schönen überſchritten haben würde, wenn die aufreibenden Anſtrengungen ihres Berufs ſie nicht vor zuviel Wohl⸗ beleibtheit bewahrt hätten. Dank dieſen unausgeſetzten Anſtrengungen erhielten ihre Glieder nur gerade ſo viel Rundung und Fülle, wie einer Darſtellerin weib⸗ licher Heldenrollen zum Vortheil gereicht, und— wenn man ſo ſagen darf— die Majeſtät ihrer Er⸗ ſcheinung erhöht.
In dieſer vollendeten Schönheit haben die be⸗ rühmteſten Bildhauer und Maler Englands ihr An⸗ denken verewigt, beſonders Campbell durch ſeine lebens⸗
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große Statue, welche in Weſtminſter Abtey aufgeſtellt wurde, und Reynolds durch ſein vielbewundertes Bild, welches ſie als die ⸗tragiſche Muſe« darſtellt und ſich in der Sammlung des Marquis von Weſtminſter befindet. Außerdem exiſtiren noch eine Menge Portraits von ihr, unter welchen als die bedeutendſten diejenigen von Gainsborough, von Hamilton und von Harlowe genannt zu werden verdienen. Der letzterwähnte, ſehr jung verſtorbene Künſtler begründete ſeinen großen Ruf durch ein unter dem Namen⸗The Kemble Family- berühmt gewordenes Gemälde, welches Mrs. Siddons mit ihren drei Brüdern John, Stephen und Charles Kemble in ſehr glücklicher Gruppirung darſtellt, in den hiſtoriſchen Coſtümen der Königin Katharina, des Cardinals Wolſey, Heinrich's VIII. und Cromwell's.
Reynolds' bedeutende Perſönlichkeit hatte ſich meiner Mutter in unauslöſchlichen Zügen eingeprägt, ſo daß ſie ſich noch nach langen Jahren jedes Wortes erinnerte, das er mit ihr geſprochen, während ſie ihm geſeſſen. Als ſie das erſte Mal in ſein Atelier trat, ſagte er zu ihr:«Steigen Sie auf Ihren Thron und fahren Sie fort, Ihre Macht als unumſchränkte Herrſche⸗ rin zu üben Und als ſie auf dem ihr angewieſenen Sitze Platz genommen hatte, fügte der Künſtler hinzu: ⸗Jetzt geben Sie mir eine große und erhabene Idee von der Tragödie.“- Mrs. Siddon ſuchte dieſer Auf⸗ forderung nachzukommen; ſie ließ vor ihrem Geiſte die Rollen vorübergehen, in welchen ſie am meiſten geglänzt hatte, und wie die belebten Erinnerungen an das Dargeſtellte ſich in ihrem Geſicht abſpiegelten, rief der Maler plötzlich: Das iſt herrlich ſo! Bleiben Sie unbeweglich und halten Sie dieſen Ausdruck feſt; ich will nichts daran ändern.“ Und er hat nichts daran geändert. Was er ſah, erſchien ihm als das Ideal der Tragödie und als ſolches hat er es auf die Leinwand gebannt.
Als meine Mutter einige Tage ſpäter ihre letzte Sitzung bei ihm hatte und während einer Pauſe ſich dem Bilde näherte, um zu ſehen, was unten auf dem Saum des gemalten Kleides angebracht war, las ſie die Worte: Josuah Reynolds pinxit.
»Ach!« ſagte ſie, ſich zurückbiegend, ⸗das iſt Ihr Name; ich glaubte, Sie hätten da unten noch einen beſondern Zierrath angebracht.⸗
„Ja„» erwiderte er, aich hatte beſchloſſen, auf dem Saum Ihres Kleides auf die Nachwelt zu ge⸗ langen.⸗
Reynolds konnte ſich mit gutem Fug ſo ausdrücken, und ich wüßte der Bewunderung, welche ſein Meiſter⸗ werk überall erregt hat, nichts hinzuzufügen. Nur die Bemerkung ſei mir erlaubt, daß einer ſeiner be⸗
Folge.
rühmteſten Rivalen, Sir Thomas Lawrence, in einer


