Jahrgang 
27-52 (1864)
Seite
576
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Zenith über den höchſten Waldbäumen ſtrahlt; gewiſſen Lur⸗ chenarten ſcheint es am wohlſten in der Mittagsſchwüle zu ſein, und ſie verkünden das mit einem dumpfen Stöhnen, welches auch den Schmerz bedeuten könnte. Turteltäubchen der niedlichſten Art, kaum größer als unſere deutſchen Sper⸗ linge, ſtoßen mit Vorliebe in derſelben Stunde jene melan⸗ choliſchen Liebestöne aus, welche Herr Tſchudi in ſeinen peruaniſchen Skizzen ſonderbarerweiſe als menſchenähnliche Laute beſchreibt.

Viele von den Morgenvögeln, beſonders die Papageien und die Mehrzahl der hühnerartigen Waldvögel, erſcheinen auch in den Abendſtunden eben ſo regelmäßig wieder. In der Colonie Angoſtura, welche, von den dickſten Waldungen

am Reventazon umgeben, eine maleriſche, aber auch ſehr ein⸗

ſame und Schwermuth erregende Lage hat, hörten wir täg⸗ lich Schlag 6 Uhr Nachmittags aus dem Dickicht die Stimme eines Vogels, der ſich zu keiner Tageszeit hören ließ. Die dort beſchäftigten Arbeiter waren an die Pünktlichkeit dieſes Vogelrufes ſo gewöhnt, daß ſie nach ihm den Schluß ihres Tagewerkes richteten, ohne den Stand der Sonne oder die Uhr zu befragen. Die Nacht ſchien mir in allen unſern Waldbivouacs ſtiller, als ſie die Reiſenden in den Wäldern Süd⸗Amerikas ſchildern. Gegen Anbruch der Dunkelheit erſcheinen die unheimlichen Caprimulgen mit kaum hörbarem Flügelſchlag, die ſitzend ſeltſam nickende Bewegungen machen, ſowie die großen blutſaugenden Fledermäuſe, welche eine der ſchrecklichſten Plagen der Heerden ſind. Auch dieſe traten ganz leiſe auf, während die Eulen nur ſtöhnen, wenn ſie ſatt oder liebeſchmachtend ſind. Dasſelbe gilt von den ameri⸗ kaniſchen Tigern und Löwen, deren lautes Gebrüll in der Regel eine glückliche Beute bedeutet oder in gewiſſen Mona⸗ ten dem Weibchen gilt.

Einzelne Thierſtimmen wechſeln in den Nachtſtunden ab. Wie nach Humboldt's Wort das Leben eines Malers nicht hinlänglich wäre, um all die prachtvollen Orchideen ab⸗ zubilden, welche die tiefausgefurchten Thäler der Andeskette zieren, ſo würde auch die lebenslängliche Erfahrung eines Jägers nicht ausreichen, die Stimmen aller Waldthiere ken⸗ nen zu lernen. Denn viele dieſer Schreier, Pfeifer und Sänger laſſen ihre Töne nur aus den verborgenſten Stellen der von Schlingpflanzen umſtrickten Baumwipfel oder aus dem dichteſten Unterholz der Mimoſen und Bromelien hören. Ein Jäger kann z. B. jahrelang die Andesterraſſen durch⸗ ſtreifen, bis er nur einmal den Cilgero zu Geſicht bekommt, deſſen wunderbares Lied er doch jeden Morgen aus dem Walde tönen hört. 7.

Misrellen.

Bekanntlich wurde in den Tagen der erſten franzöſi⸗ ſchen Revolution in Paris ein leichtfertiges Frauenzimmer alsGöttin der Vernunft verehrt. Eine Zeitung aus dem Elſaß brachte vor Kurzem die Nachricht, daß dieſe Per⸗ ſon am 30. September v. J., 90 Jahre alt, geſtorben ſei. Es wird hinzugefügt, ſie ſei blind, lange Zeit verrückt und viele Jahre hindurch eine Bettlerin geweſen. e.

Als Guido Reni ein Rembrandt'ſches Bild betrachtete, rief er aus:Miſcht denn dieſer Maler Blut in ſeine Farben? e.

Novellen⸗

Zeitung.

Vom deutſchen Büchermarkt.

Der Irre von Saalheim. Original⸗Roman von Rudolf Wellnau. Leipzig, bei Julius Häfele. 1864.

Ich halte den Autornamen für pſeudonym und zwar aus dem Grunde, weil es dem Verfaſſer wahrſcheinlich da⸗ rum zu thun war ſich in demſelben Grade ein wenig zu ver⸗ hüllen, als er gewiſſe Dinge enthüllt hat, die wir in der decenten Literatur nicht bloß zu ſehen gewohnt ſind. Und dieſe Gewohnheit iſt gut und lobenswerth, denn die Poeſie hat es mit etwas Anderem zu thun, als mit der Anregung ſinnlicher Gefühle, wie ſolche von den geſunkenen Nachahmern der Claurenſchen und Van der Velde'ſchen Novellenepoche ſo inſtändig gekitzelt wurden.

Hier liegen mannigfache, wenn auch nicht ſehr gewandte Verſuche der Art vor, und der Autor wird bei ſpäteren Leiſtun⸗ gen ſeiner warmen Phantaſie zuzuflüſtern haben, daß ſie bei einem Portraitbilde den Ausdruck Knieſtück nicht zu wört⸗ lich nehmen und bedenken möge, daß eine Verletzung der Aeſthetik mit einer Beleidigung der Ethik mehr als verwandt iſt. O. B.

Schweizerbilder. Erzählungen aus der Heimath von Jakob Frey. Aarau, bei Sauerländer.

Viel decenter als der vorige Roman ſind dieſe kleinen Novellen gehalten. Sie fußen in ihren Stoffen und Per⸗ ſönlichkeiten hauptſächlich auf Schweizer Grund und Boden und halten von Land und Leuten Erinnerungen feſt.

Die künſtleriſche Geſtaltungskraft darin iſt geringer als der Trieb durch möglichſt gefällige Erzählung Compoſitionen zuſammen zu bauen, welche die Phantaſie der Leſer auf eine unbefangene Weiſe ein Stündchen beſchäftigen. O. B.

Auguſt Wolf's geſammelte und nachgelaſſene Schrif⸗ ten. Dresden, bei Rudolf Kuntze. 1864.

Der Verfaſſer war ein Mann, der erſichtlich ſeinen Be⸗

ruf in ſofern verfehlt hatte, als er nicht zu rechter Zeit und mit der rechten Reſolution des Geiſtes angefangen hatte das zu treiben, wozu er eigentlich den Drang und vielleicht die

Beſtimmung in ſich trug. Dieſe Beſtimmung neigte ſich wahrſcheinlich mehr zur Novelle als zur Lyrik hin, denn was ſich an Gedichten in dieſem Nachlaß zeigt, iſt in Form und Gedanken zwar nicht gewöhnlich, doch ragt es auch nicht in die Region des Außerordentlichen hinein.

Viel Talent zeigen dagegen die erzählenden Stücke in Proſa. Wenn der Autor, dem es immer Ernſt um die Sache war und der nach edeler Weltauffaſſung ſtrebte, mehr Gleichgewicht in ſeiner Natur gehabt hätte und nicht ſo ſerupulös und gegen ſich ſelbſt zerſetzend geweſen wäre, ſo würde er reizende novelliſtiſche Charakterbilder und literariſche Menſchenphotographien geſchaffen haben. Immerhin ſind die vorhandenen Bruchſtücke für gebildete Leſer eine dankbare Lectüre und könnten vielen jungen Schriftſtellern manche Richtſchnur im Streben und ſoliden Ausführen darbieten.

O. 1

Inhalt: Von Oſtern bis Pfingſten. Eine Dorfgeſchichte von Franz

Pfalz.(Fortſetzung.) Mein armer Freund. Von Baron

von Scheliha. Literariſche Briefe von Otto Banck.

Feuilletan. Im tropiſchen Urwalde. Miscellen. Vom deut

ſchen Büchermarkt.

Redigirt unter Verantwortlichkeit von Ollto Sriedrich Dürr in Leipzig. Verlag

der Dürr'ſchen Buchhandlung in Leipzig. Druck von A. Edelmann in Leipzig.

4

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