Jahrgang 
27-52 (1864)
Seite
461
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Die Ciociaren tragen lange, brennend rothe Weſten und einen ſpitzen ſchwarzen Filzhut, an welchem ſelten eine bunte Feder, Schleife oder Blume fehlt. Ich fand unter ihnen, wie überhaupt in der römiſchen Campagna, auffallend viele Menſchen mit blonden Haaren und blauen Augen. Sie ſcheeren das Haar kurz am Hinterkopf, wie die preußiſche Landwehr, und laſſen an den Schläfen lange Büſchel nieder⸗ hängen. Noch einen grauen zerlumpten Regenmantel oder ein weißes oder ſchwarzes Schaffell hängen wir dem Ciocia⸗ ren über, und ſo iſt der Sandalenmann fertig; aber eine Flinte geben wir ihm nicht in die Hand, ſonſt wird er als Räuber im Paß von Ceprano uns anfallen und zurufen: faccia in terra! und mit erſtaunlicher Behendigkeit unſere Taſchen ausleeren. Auch das Weib trägt die Sandalen, ei⸗ nen kurzen bunten Rock, eine bunte Wollenſchürze, ein weißes oder auch rothwollenes Kopftuch und endlich den Buſto, das Hauptſtück der weiblichen Kleidung in ganz Latium. Dies iſt das Mieder von ſteifer geſteppter Leinwand, hart wie ein

Sattel, breit und hoch und an Achſelbändern auf den Schul⸗

tern ruhend. In ihm wiegt ſich und ſtützt ſich die Bruſt, es ſcheint als Bollwerk die Tugend zu ſchirmen, als ein ſo gar feſter Panzer umgiebt es den Buſen, doch loſe und weit ab⸗ ſtehend, daß es gleichſam noch als Taſche dient.

Am Wanderziel angelangt, ſcheinen dieſe Pilger aller Müdigkeit zu vergeſſen. Ihre Geſichtszüge beleben ſich von Inbrunſt und Exaltation. Sie werfen ſich vor der Kirche auf die Kniee, die Hände an dem Piggerſtab gefaltet, ihre

Bündel noch auf dem Kopf, und mit lautem Geſang ſingen

ſie die Litanei, dann erheben ſie das gellende Geſchrei: Grazie, Maria! Sie rutſchen auf den Knieen die Stufen der Kirchentreppe empor; hier und da ſieht man Weiber jede Stufe küſſen oder mit der Zunge belecken, ein ekelerregen⸗ der Anblick, der dadurch nicht gemildert wird, daß man ſich erinnert, wie auch Karl der Große in ſo bigotter Weiſe die Stufen des St. Peter hinaufrutſchte.

Schreckenerregende Scenen fehlen nicht; ich ſah einen Menſchen wie einen Hund auf den Vieren ſchleppen; an ei⸗ nem Tuch wurde er ſo in die Kirche geführt, während er wie ein Wärwolf heulte. Man ſagte mir in der That, daß er dieſe Krankheit des Wärwolfs habe. Auch hörte ich ein Weib ſtundenlang vor dem Gitter der Mariencapelle heulen; man ſagte mir, daß ſie beſeſſen ſei.

Fortdauernd rutſchen die Pilgerzüge auf auf den Knieen

durch das Seitenſchiff der Kirche, ſingend, betend und mit Ekſtaſe um Gnade ſchreiend. Dieſer Schrei: Grazie, Maria! gellte mit ſchrecklicher Kraft, und die fieberhafte, ja raſende Inbrunſt, mit welcher er ausgeſtoßen wird, machte mich tief erſchaudern.

Die Lichter brennen, es iſt Nacht geworden; die Pfeiler der Kirche werfen tiefe Schatten ühen den Boden und auf die Menſchengruppen, während andere Geſtalten im magiſchen Helldunkel ſich herausheben, andere den vollen Lichtreflex empfangen. Schöne Scenen ſieht man nun. Denn rings an den Säulen, um die Altäre, auf dem Marmorgetäfel des Bodens vor den Capellen ſitzen die müden Pilger in Grup⸗ pen zuſammen, und ihre Coſtume, ihre Phyſiognomien, der Wechſel der Lebensalter, der pſychologiſche Ausdruck ihrer Geſichtszüge geben ein lebendiges Gemälde, welches zum An⸗ ſchauen wie Nachforſchen unendlich reizt. An kleinen Tiſchen ſitzen zu gleicher Zeit die Auguſtinermönche die Ablaßzettel oder Meſſen verkaufend, und ſie ſcharren mit ſtumpfer Ruhe das Geld des Armen ein.

Vor der Kirche dieſelben Gruppen auf der nackten Erde

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und unabläſſig neue Pilgerzüge, welche ankommen. Sie en⸗ den weder Nacht noch Tag, und indem ſie die ganze Nacht, welche dem Feſte vorangeht, herbeiziehen, einer dem andern folgend, und die feierlichen Klänge des lateiniſchen Hymnus fort und fort die Stille durchſchweben, verbreiten ſie eine my⸗ ſtiſche Atmoſphäre um den Ort, unter deren Einfluß das Gemüth gebannt wird. Es bemächtigt ſich ſeiner am Ende eine trauervolle Schwermuth; die Geiſter der Lebensfreude fühlen ſich gelähmt. Und doch hat dieſer religiöſe Strom, welcher Tauſende aus der Ferne in einem und demſelben Zuge fortträgt, wieder etwas Berubigendes, wie jede har⸗ moniſche Bewegung der menſchlichen Geiſter, ſelbſt im Schmerz.

Der Ort konnte die Pilger nicht faſſen. Als es tiefere Nacht wurde, ſah man dieſe hartgewöhnten Menſchen auf dem rauhen Steinpflaſter allerwegen in Schaaren ſich nieder⸗ legen. In allen Straßen, um die Brunnen, auf den Plä⸗ tzen lagen ſie, eine Nachtraſt haltende Völkerwanderung im Kleinen.

Am Morgen des Feſttags Gottesdienſt und Meßkram. Man verkauft goldenen Schmuck, Heiligenbilder und Roſen⸗ kränze, am Eingange der Wallfahrtskirche aber viele Hun⸗ derte von Fläſchchen in Fingerhutgröße, welche Oel aus den Lampen enthalten, die vor dem Madonnenbilde brennen. Das Volk kauft ſie begierig für einen Bajocco das Stück, als unfehlbares Heilmittel für alle Krankheiten. Nachmittags Concert einer Muſikbande, die niemals fehlende Lotterie und Abends Feuerwerk. Dann tanzen wohl auch die Pilger fröh⸗ lich unter den Eichen des Parks; doch die meiſten ziehen ſchon wieder heim, ſobald ſie ihre Gebete verrichtet und ihre Gaben dargebracht haben; und man ſieht nun dieſelben Menſchen in geordneten Zügen mit Geſang hinauswandern, geſchmückt mit den Sträußen von gemachten Roſen oder Nelken, welche im Süden bei ſolchen Feſten verkauft werden. Auf dem Punkt der Straße, wo man Genezzano zum letzten Mal er⸗ blickt, knieen ſie nieder und die Hände an den Pilgerſtäben faltend, verrichten ſie das ſtille Abſchiedsgebet eine Scene unter freiem Himmel, die mir von allen die ſchönſte erſchien; ich ſah gern den Frauengeſtalten zu, wenn ſie mit graziöſer Bewegung niederknieten, die Augen nach dem Heiligthum gerichtet, von dem ſie getröſtet Abſchied nahmen.

Solche Leſer, die weder in Italien noch in Spanien geweſen ſind, können keine lebendigere und zugleich poetiſchere Schilderung einer echt volksthümlichen Proceſſion im Süden finden, als ſie dieſe treffliche Federzeichnung von Gregoro⸗ vius darbietet, für deſſen Werke über Italien nur im Intereſſe des guten Geſchmacks zu bedauern iſt, daß ſie wegen Vermei⸗ dung literariſcher Effecthaſchereien weniger allgemeinen An⸗ klang gewinnen, als ſie mit Recht verdienen. In demſelben Maße, wie des Verfaſſers Lateiniſcher Sommer zu deſſen werthvoll gediegenſten, liebevollſten Productionen ge⸗ hört, leidet gerade er am Mangel an Leſern, ein bedenk⸗ liches Zeugniß mehr für unſern Modegeſchmack. Wie traurig, wenn ſich ein Autor dadurch ſchadet, weder materiell, noch kokett zu ſein!.

Charakter des Lord Elgin.

DemNorth British Review entnehmen wir die folgende treffende Schilderung dieſes ausgezeichneten Man⸗ nes, den der Tod für Oſtindien viel zu früh wegraffte und deſſen Leben wir unſern Leſern bereits früher in einem ſehr

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