Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
324
Einzelbild herunterladen

324

nungen zu geben. So vergingen Jahre auf Jahre, ohne daß in den Verhältniſſen in Reichheim irgend welche Aenderung eingetreten wäre. Hedwig und Toni gediehen an Geiſt und Köoͤrper zur Freude ihres ſor⸗ genden Vaters und der wenigen Freunde, die mit dem Herrenhauſe in fortgeſetztem, lebhaftem Verkehr blieben.

Als Toni das dreizehnte Jahr erreicht, beſchloß Walther, ihn die Gelehrtenſchule in der nahen Stadt beſuchen zu laſſen; der Sohn des Pfarrers kam ebenfalls dahin.

Eduard ſchaffte für die beiden Knaben eine kleine Equipage an, in welcher ſie alle Tage ſich ſelbſt in die Stadt und zurück fuhren. Toni entwickelte ſich geiſtig und körperlich prächtig; ſeine Geiſtesanlagen waren ſehr bedeutend; er war das Entzücken aller ſeiner Lehrer, dabei mußte ſein reiches Gemüth und die innigſte Liebe zu ſeinem Pflegevater und ſeiner Schweſter ihm alle Herzen gewinnen.

Für die kleine Hedwig begannen mit dem fünf ten Jahre die Studien. Bei dem Paſtor Weimuth erlernte ſie im Verein mit ſeiner kleinen, nur ein Jahr älteren Pflegetochter Maria die Anfangsgründe. Als das Elementare überwunden, betheiligte ſich auch Eduard bei dem Unterricht. Er übernahm einige Zweige der Ausbildung, beſonders Sprachen, ganz.

Die kleinen Schülerinnen machten große Fort⸗ ſchritte; ſie waren beide reich begabt. Toni unter⸗ richtete ſie in Muſik und Zeichnen; zur großen Freude des jungen Lehrers zeigte ſeine Schweſter große Anlagen zu Beidem.

So wie aber alle Bemühungen angewendet wur⸗ den, den Verſtand der Kinder auszubilden, ſo wurde auch die wahre Bildung des Herzens gepflegt.

Auch die fromme, treue Brigitte that Alles, um ihren geliebten kleinen Pflegling in der Furcht und Liebe Gottes zu erziehen!

In dieſem Wirken vergingen drei Jahre.

Eduard fühlte ſich, wenn auch nicht glüͤcklich, doch zufrieden. Die Zeit, die nach Gottes weiſer Fügung dazu berufen iſt, jeden Schmerz, jedes Weh wenn auch nicht zu heilen, doch zu mildern, hatte auch auf Walther ihre wohlthätige Wirkung geübt. Das ſichere Gefühl, daß er in der vollen Hingabe zu ſeinen Kindern ſeine Pflicht treu erfülle, gab ihm mehr Ruhe und nahm der Vergangenheit ihren bittern Stachel. Herrlich belohnten ſich aber auch ſeine väterlichen Bemühungen; ſeine Tochter wie auch Toni entwickelten ſich mit jedem Jahre ſchöner und ſchöner.

Novellen⸗

Der Letztere hatte ſeinen ſiebzehnten Geburtstag

Zeitung. gefeiert, hatte eben das Gymnaſium mit dem Zeug niß der vollen Reife zur Univerſität verlaſſen, um jetzt dieſelbe zu beziehen. Er ging zuerſt nach Heidel⸗ berg, um dann ſeine Studien in Tübingen und zuletzt in Berlin zu vollenden. Auf ſeinen eigenen und des Vaters Wunſch wollte er ſich den Naturwiſſenſchaften widmen, um ſpäter die akademiſche Laufbahn zu be⸗ treten. Gegen die Beamten⸗Carriere war Walther entſchieden; er mit ſeinem hellen Verſtande und ſeiner ſcharfen Beurtheilung, mit ſeinem ihm als Engländer eigenen praktiſchen Blick ſah vorher, welche innere Verfaſſungskämpfe die verſchiedenen Staaten Deutſch⸗ lands noch durchzukämpfen haben würden; in dieſe wollte er ſeinen Toni nicht ſtürzen, wollte nicht, daß er mit ſeinem Eide, mit ſeinen Pflichten als Diener eines Fürſten und Bürger ſeines zweiten Vaterlandes in Zwieſpalt gerieth. Er ſollte der freien Wiſſen⸗ ſchaft und dadurch der Mit- und Nachwelt dienen.

Mit ſeinem Jugendgeſpielen und treueſten Freunde Oskar Weimuth bezog er vereint die Univerſität. Erſterer wollte Theologie ſtudiren, denn ihm war ſchon die Pfarre zu Reichheim, wenn ſein Vater ſich zur Ruhe ſetzen wollte, und er ſich als tüchtig bewähre, von Walther als Patron zugeſagt worden.

Der Abſchied Toni's von ſeinem Pflegevater war ein ſehr bewegter; ſie fühlten in dieſem Augen blick, wie innig ſie aneinander hingen; auch die Tren⸗ nung von ſeiner neunjährigen Schweſter wurde ihm recht ſchwer; er liebte die Kleine innig, und dieſe er⸗ widerte die brüderliche Liebe mit vollem Herzen. Nach dem Fortgang der beiden jungen Leute wurde es ſtill auf Reichheim. Die beiden Mädchen Hedwig und Marie ſchloſſen ſich noch inniger an einander, um ſo ſich die Leere weniger fühlbar zu machen. Sie lernten mit größtem Eifer, doch wurden die freien Stunden fleißig zum Spielen benutzt. Wenn die kleinen Mäd⸗ chen mit ihren Puppen beſchäftigt zuſammen ſaßen, boten ſie dem Beſchauer einen reizenden Anblick dar.

Bemerkte Hedwig aber ihren Vater, dann vergaß ſie Alles, warf Puppe und Spielzeug fort und ſich in ſeine Arme, küßte und herzte ihn und ruhte nicht eher, bis er alle ihre aufgeſtellten Herrlichkeiten beſichtigt und gelobt hatte.

Die Ferien führten immer die jungen Studen⸗ ten den elterlichen Häuſern zu; die Freude, der Jubel, das Zuſammenſein wollte dann kein Ende nehmen.

Zur größten Genugthunng Eduard's ſah er Toni ſich immer ſchöner entwickeln. In jeder Beziehung entſprach er den ſchönſten, den ſtolzeſten Erwartun⸗ gen ſeines Pflegevaters; alle Profeſſoren, mit denen Walther in Berührung getreten war, ſprachen ſich auf's Vortheilhafteſte über ſeine Studien und ſeine