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Vierte Holge.
Novellen-Zeilung.
Der Letzte der Boufflers.
Hiſtoriſche Skizze von
E. Heuſinger.
Wer gedenkt nicht der Verbrüderung, die von einem einſt eben ſo tapferen, als allen Lebensfreuden ergebenen ſpaniſchen Reitersmann erdacht wurde, als die Reue ob eines allzu lockeren Lebens ihn zu beun⸗ ruhigen anfing? des Ordens, der, anfänglich ein ſchwaches Reis, ſchon innerhalb eines Jahrhunderts zu einem Rieſenbaume hervorwuchs, deſſen mächtiges Gezweig alle Meere und Welttheile überragte? Wir meinen den Orden der Väter Jeſu, aus deſſen weit verbreiteten Erziehungshäuſern Staatsmänner und Feldherren hervorgingen, die nach dem unbeſchränkten Willen des Ordensgenerales die Mächtigen der Erde am Leitbande führten und dadurch Kämpfe hervor⸗
riefen, die, wie der dreißigjährige Krieg, Alles in!
majorem Dei gloriam, nur nach Strömen von Blut ihr Ende erreichten.
Keine Ligue war einſt ſo gefürchtet, keine mäch⸗ tiger; kein Bund übte einen ſo bedeutenden Einfluß auf die Staatsverhältniſſe des Hauſes Habsburg, auf die Niederlande im Norden, auf Portugal, Spa⸗ nien, Frankreich und Italien im Süden von Europa, als der Orden, welcher der fanatiſchen Bußfertigkeit des Ignatio Loyola ſeine Entſtehung verdankt.
Jahrhunderte hat ſeine Herrſchaft gedauert, die, wenn auch in dem einen Reiche einmal zeitweilig ge⸗ brochen, bald in einem anderen wieder zur Geltung
gelangte, wo ſie als die beſte Schutzmaner der Auto⸗
rität betrachtet wurde.
Auch ſchöne geiſtreiche Frauen haben in Frank⸗ reich dem Orden gedient; nicht allein zur Zeit des 14ten Ludwig; noch während des Conſulates, wo ſie den Plänen der Antibonapartiſten, eines Carnot, Condorcet, Pichegru, Cadoudal u. a. mit einer Aus⸗ dauer und Selbſtverleugnung förderlich waren, die Bewunderung erregte.
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Es wird noch in der Geſchichte des erſten Con⸗ ſuls eine reizende Schweſter vom heiligen Herzen Jeſu erwähnt, die, eine andere Aspaſia, mit den glänzendſten Talenten begabt, eine große Rolle unter den Gegnern des nach Alleinherrſchaft ſtrebenden Corſen ſpielte.
Auf Ludwig XIV. hatten zu Anfang des acht⸗ zehnten Jahrhunderts die Beichtväter La Chaiſe und Le Tellier einen verſtärkten Einfluß gewonnen, als trotz ſeiner Hinfälligkeit ſeine despotiſchen Neigungen immer vorherrſchender wurden. So gelang es ihren Einflüſterungen, den Monarchen zu einem Gebot zu veranlaſſen, nach welchem der höchſte Adel des Landes verpflichtet ward, ſeine Söhne zur Einübung eines blinden Gehorſames nur jeſuitiſchen Lehranſtalten zur erſten Erziehung anzuvertrauen. Es erregte dieſe Ordonnanz ein um ſo größeres Aufſehen, da es früher bei den adeligen Familien mehr eine Art Modeſache geweſen war, die Söhne einen Curſus leicht faßlicher Philoſophie, wie ſie einem jungen Edelmanne bei ſeinem Eintritt in die Welt zur Empfehlung gereichte, bei den Jeſuiten abſolviren zu laſſen.
Obgleich die Lehrer, ſelbſt der Obvorſtand des Jeſuitencollegiums zu Paris, der Vater Le Tellier, in manchen ihrer Grundſätze ſich nicht ſehr ſcrupulös und mehr als nachſichtig gegen ſich ſelbſt erwieſen, verfuhren ſie mit unnachſichtiger Strenge gegen ihre Schüler. Vergehen gegen das unter den Disciplingeſetzen obenan ſtehende Gebot, blinden Gehorſam, wurden nicht ſelten mit raffinirter Grauſamkeit geahndet.
Als Beweis für das Letztgeſagte geben wir nachſtehend die Erzählung eines Ereigniſſes, wie es, hiſtoriſch feſtgeſtellt, unter der Regierung des Tel est mon plaisir- Königs ſich in Paris zugetragen hat. Vielleicht wird der Leſer auch in dem ihm vorge⸗ führten Bilde die immer noch nicht ganz vergeſſene Zeit wieder erkennen, wo die Blüthe des romantiſchen Ritterthums in Frankreich noch nicht völlig entblättert war— wo die mit dem ahnenreichen Stammbaume auf die Soͤhne übertragene Chevalerie ſchon frühzeitig ihre ſüßverlockenden Früchte trug.
Die ganze Weltgeſchichte beſteht aus vielen einzelnen
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