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Rovellen⸗Zeitnng.
Tbrugm.
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Heinrich Freimuth.
Rebus.
Es ſteht in alten Sagen Von einer holdſeligen Maſ Die in den ſüdlichen Thalen Der Winter ſich gefreit.
Er trug ſie in kalten Armen
Zum Gletſcher der Alpenhöh',
Er trug ſie ins wonnige Brautkbett, Ins Brautbett von Eis und Schnee.
Sie, die einzige Blume der Firne— Philomele in klangloſen Höh'n,
Wo Adler und Geier nur kreiſchen Und der Sturm erwacht mit Gedröhn.
Und Jahre hielt ſie und Jahre Der Kalte gefeſſelt ans Eis;
Ein Frühling ſtieg wieder zur Höhe Und küßte die Dulderin leis.
Und auf die Alpenfirne
Verſtieg ſich ein Sennerknab',— Sein Wamms grün wie die Hoffnung, Von Grün umſchlungen ſein Stab.
„O, rette mich, Knabe, vom Grauſen, Der mich in Haft hier hält;
O trag' mich ins Reich der Blüthen, In des Klanges heitere Welt!“
Er ſchwur ihr fröhliche Rettung,
Sein Kuß ſchmolz die Kette von Eis, Der Winter indeß lag im Schlummer Auf ſeinem Pfühle weiß.
Und als er vom Schlaf erwachte, Sah er beim Sonnenſtrahl
Die Flüchtige mit dem Knaben Schon tief im grünen Thal.
Da donnerte der Kalte
Einen Fluch hinab von der Firn', Da ſchüttelte er die Fäuſte
Und runzelte die Stirn.
Er ſtampfte mit ſchwerem Fuße,
Daß weit in den Klüften es ſcholl;— Da borſt von der Alp die Lawine Hinunter mit Donnergeroll.
Gedichte von Heinrich Freimuth.
Tief unten lagen die Beiden
Und träumten von Blüthen und Klang, Von Sonne und Frühling und Liebe— Sie träumten ſchön und— lang.
Reiter und Sturm.
Es brauſt der Sturm wohl durch die Nacht,—
Laß, Sturm, mich mit dir reiten! Wir fliegen dann mit wilder Macht Zuſammen durch die Weiten.
Am Bürgerhaus, am Ritterſchloß Vorbei auf Blitzesflügeln; Du darfſt dabei dein Donnerroß, Das raſende, nicht zügeln.
Und ſchlage ſcharf ans Bürgerhaus Mit deinem wucht'gen Hammer;
Die falſche Maid weck auf mit Graus In ihrer ſtillen Kammer.
Bei grellem Blitzesſcheine ſoll Mein Zornbild ſie gewahren; Dein Donner künd' ihr deinen Groll! Dann laſſ' uns weiter fahren.
Hinüber dort, mein Bruder Sturm, Zu jenem Ritterſchloſſe! Berenn' den alten trotz'gen Thurm Mit ſchwererem Geſchoſſe!
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Es ſitzt zu dieſer Stund' im Saal Noch ganz allein ein Zecher;
An die Verführte wohl im Thal Denkt er, nicht an den Rächer.
Den triff, mein Sturm, und gut triff ihn! Ich will die Pfeile leiten;
Und ſank erſt der Verführer hin,
Dann laß uns weiter reiten!
Dahin, dahin! Verrauſche nur, Und träuf'le Thränenregen! Wir wollen dort auf ſtiller Flur Zur Ruh' uns Beide legen.
Leipzig, Verlag von E. Wengler. 1863.


