Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
804
Einzelbild herunterladen

804

erleben, daß ſie uns die Siegestrophäen aus dem Zeughaus holten, und daß ſie ſogar den Krückſtock, welchen der große Friedrich ſo oft geſchwungen, mit nach Paris ſchleppten! Aber heute lebt mein altes Herz wieder auf, und wenn ich an den Major von Schill denke, fällt mir Zieten immer wieder ein, der kam auch wie aus dem Buſch, ehe der Feind es ſich verſah, und fürchtete ſich ebenfalls vor Tod und Teu⸗ fel nicht, und wäre wohl auch im Stande geweſen, es für ſich allein mit Zehn aufzunehmen.

Der Bürger wurde an einer Antwort verhindert, denn eben erſchien der preußiſche General L'Eſtocq mit einem glänzenden Stabe, und die Bürgerwehr rückte heran und bildete Spalier, und der Magiſtrat hatte ſich am Thore aufgeſtellt, um den Helden, wel⸗ chen man erwartete, zu begrüßen.

Und als die Menge noch ſo regungslos daſtand, ſchmetterten plötzlich die Trompeten, Huſaren in ihren glänzenden Uniformen wurden ſichtbar, und ein noch junger Officier zeigte ſich an ihrer Spitze, bei deſſen

Novellen⸗Zeitung.

Anblick der dichtgedrängte Menſchenknäuel in den tau⸗ ſendſtimmigen, nicht enden wollenden Ruf:Es lebe Schill!Es lebe der Held von Colberg! ausbrach, der ſich bei jedem Schritt, den ſein Pferd vor⸗ wärts that, wiederholte, während aus den mit feſt⸗ lich geſchmückten Damen beſetzten Fenſtern Tücher wehten und die einziehenden Helden von Hunderten von ſchönen Händen mit einem Regen von Kränzen und Blumen überſchüttet wurden.

Hören Sie nur, wie das Volk jauchzt, ſehen Sie nur, wie die Freude aus Aller Augen leuchtet! ſagte Rothenſee, welcher neben dem gefeierten Helden ritt, ach, wenn Herr von Loucadou hiervon Zeuge ſein könnte, ich glaube, er würde dies für reglements⸗ widrig erklären und mißbilligend den Kopf ſchütteln, wie er es ſo oft that, wenn Sie dieſen abgelebten Greis durch feurige Worte aus ſeinem Schlummer aufzurütteln verſuchten.

Das Geſpräch Beider wurde hier durch neue Acclamationen, die ſich wieder von allen Seiten kund⸗ gaben, unterbrochen.

Schill verneigte ſich mit freundlichem Lächeln dankend rechts und links, und jedesmal, wenn er dies that, brach der Beifallsſturm von friſchem los, und immer wieder wurde er und ſein Gefolge mit Blumen und Kränzen überſchüttet.

zu ſein! ſagte der beſcheidene Mann, als er ſich mit Rothenſee und Werdau endlich aus ſeiner Loge zurück⸗ zog und der Menge, die noch immer ſeiner harrte, entſchlüpft war;aber was mir heute die meiſte Ge⸗ nugthuung gewährt, iſt die Wahrnehmung, daß bei allem Unglück, welches unſer armes Vaterland betrof⸗ fen, im Herzen des Volkes doch das Bewußtſein der erlittenen Schmach und das Verlangen, dieſelbe früher oder ſpäter zu rächen, fortlebt. Inſofern nehme ich die Huldigung, welche mir zu Theil gewor⸗ den iſt, an, da ſie weniger meiner Perſon, als der Sache ſelbſt gilt.

Sie ſind zu beſcheiden, entgegnete Rothenſee, doch ich weiß, daß es nicht in Ihrem Weſen liegt, mit Ihren Verdienſten zu prunken. Uebrigens kommt es mir immer ſo vor, als wenn Sie in Berlin nur als Gaſt eingezogen wären, und als wenn Sie eines Tages plötzlich wieder aufbrechen würden, um die Welt von Neuem durch kühne Thaten in Staunen zu ſetzen.

Kühne Thaten, wiederholte Schill nachdenkend, ja, kühne Thaten müſſen geſchehen, um unſer Volk wieder zum Bewußtſein zu bringen. Ihr Beide wißt, wie es in meinem Herzen ausſieht... Tod und unverſöhnlichen Haß dem Feinde, welcher den Fuß übermüthig auf unſeren Nacken ſetzt! Frei muß die deutſche Erde wieder werden, und wenn die hierzu günſtige Stunde gekommen iſt, dann werde ich auch nicht rathlos die Hände in den Schooß legen, denn, Freunde, lieber ein Ende mit Schrecken, als Schrecken ohne Ende!.. Vielleicht, fügte er hinzu,bin ich ein Träumer, welcher der Zeit voraneilt und gern eine große That ins Leben rufen möchte, und in meinem Herzen lebt Etwas, welches mir beſtändig ſagt, daß ein Beiſpiel nöthig iſt, und daß Einer den Muth haben muß ſich zu opfern!..

Mit dieſen Worten drückte Schill ſeinen beiden Waffengefährten bewegt die Hände, und die Drei trenn⸗ ten ſich, von den Ereigniſſen des Tages ermüdet.

Eine halbe Woche darauf eilte der Graf Rothen⸗ ſee in ſeine Heimath und eines Tages hielt er mit klopfendem Herzen vor dem Schloſſe des Baron von Grünthal.

Diesmal ließ er ſich in aller Form und unter allen ſeinen Titeln und Würden vorher aumelden, und

Daſſelbe wiederholte ſich im Theater, als er am Abend dort erſchien; das gedrängt volle Haus empfing ihn mit donnerndem Applaus, die National⸗ hymne wurde geſpielt, und der Jubel und die Be⸗ geiſterung wollte kein Ende nehmen.

Ach, welche Laſt iſt es doch, der Götze des Tages

es dauerte auch nicht lange, ſo erſchien ein gepuderter und friſirter Bedienter, welcher meldete, daß es dem Herrn Baron zur beſonderen Ehre gereichen würde, den Herrn Grafen zu empfangen.

Einige Minuten darauf ſtand der Letztere dem alten Herrn gegenüber, welcher diesmal, ganz gegen