Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
803
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Vierle

Novellen

Von Auerſtädt bis Berlin.

Hiſtoriſche Erzählung von

Carl von Keſſel. (Schluß.)

Ja, ſagte Herr von Holleben, denn dieſer war es wirklich, zu Gneiſenau gewendet,ich bringe in der That den Frieden, und mit Ihrer ruhmvollen Vertheidigung Colbergs, Herr Major, hat es nun ein Ende. Ich komme direct aus dem königlichen Haupt⸗ quartier zu Pilkupönen und überbringe Depeſchen, aus denen Sie erſehen werden, daß unſer König mit

dem Kaiſer Napoleon einen vierwöchentlichen Waffen⸗

ſtillſtand abgeſchloſſen hat, welchem aber unmittelbar der Friede folgen ſoll.

Sie ſehen, ſagte Gneiſenau zu Herrn von Holleben, indem er die Hand ausſtreckte und auf die vor ihm liegenden demolirten Werke zeigte,daß uns der Feind tüchtig zugeſetzt hat, und kaum wäre ich im Stande geweſen, mich noch ſechs Wochen zu halten. 2

Hätten Sie auch die Feſtung übergeben müſſen, den Ruhm würden Sie doch mit ſich genommen

haben, erwiderte von Holleben ſich verbeugend,und

dieſer Anſicht muß wohl auch unſer König geweſen

ſein, denn er hat mich außerdem auch noch mit einem

anderen Auftrage beehrt. Noch mit einem anderen Auftrage? fragte Gnei⸗

ſenau, geſpannt aufblickend.

Ja, antwortete der Officier,ich habe die

Chre, Ihnen im Namen ſeiner Majeſtät das Patent als Oberſt zu überreichen.

Herr von Holleben zog daſſelbe aus ſeiner Taſche

und händigte es Gneiſenau ein, der, indem er es in Empfang nahm, unter einem beſcheidenen Errö⸗

then ſagte:

Die Gnade Sr. Majeſtät belohnt mich weit über mein Verdienſt.

Der König iſt nur gerecht, ſagte der alte

Folge. 803³

Zeitung.

Nettelbeck, und ſich zu den Anweſenden wendend, rief er, ſeinen Hut ſchwenkend:

Hurrah, meine Herren, es lebe unſer neuer Oberſt, der heldenmüthige Vertheidiger von Colberg!

Hurrah! tönte es im Kreiſe als Echo, und Gneiſenau verneigte ſich lächelnd, wobei er Jedem die Hand herzlich drückte.

Die Leſer kennen den weiteren geſchichtlichen Ver⸗ lauf jener denkwürdigen Zeit. Wir können daher füglich über den Zeitraum eines halben Jahres hin⸗ weggehen.

Der Friede war abgeſchloſſen, und der übermü⸗ thige Sieger hatte Preußen um die Hälfte kleiner gemacht, aber in dem Herzen des Volkes hatte er die Flamme des Haſſes um das Doppelte angefacht, und die Saat der Vergeltung begann bereits zu keimen, obgleich ſie erſt ſechs Jahre ſpäter zur Reife ge⸗ langte.

Schill war zum Major ernannt und ſeine Caval⸗ lerie in das zweite brandenburgiſche Huſaren⸗Regi⸗ ment umgewandelt worden, als deſſen Commandeur er heute, am 10. December 1807, ſeinen Einzug in Berlin halten ſollte.

Die halbe Bevölkerung der Hauptſtadt befand ſich auf den Beinen, und Kopf an Kopf drängte ſich am Bernauer Thor, um den Helden zu begrüßen, deſſen Name in kurzer Zeit in ganz Deutſchland ſo populär geworden war.

Das iſt der erſte Tag der Freude, nach mehr als einjährigem Trübſal, ſagte ein ſchlichter Bürger zu ſeinem Nachbar;voriges Jahr im October zogen die Franzoſen in Berlin ein, und was haben wir ſeitdem nicht für vieles Leid erfahren müſſen!

Der Nachbar, an welchen dieſe Worte gerichtet wurden, war ein ſchlichter Invalide, ein Stelzfuß mit ſilberweißem Haar, ein tiefer Siebenziger.

Gott weiß es, antwortete er,ich hätte mir damals die Augen aus dem Kopfe weinen mögen, wenn es für einen alten Soldaten, wie ich bin, paſſend geweſen wäre. Ich habe die Franzoſen noch bei Roßbach laufen geſehen, und doch mußte ich es