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Straße ein zweiter Wagen, welcher ebenfalls mit zwei Poſtpferden beſpannt war und der ſo ſchnell wie möglich vorwärts zu kommen ſuchte.
Anfangs machte auch dieſem die Menge Platz, und der Herr, welcher in einer Ecke deſſelben zurückgelehnt ſaß und ſeine Blicke bisher ängſtlich hatte umherſtrei⸗ fen laſſen, ſchien bereits erleichtert aufzuathmen, als plötzlich ein Mann aus dem Volke hervorſtürzte, den Pferden in die Zügel fiel und mit lauter, weithin ſchallender Stimme rief:
„Bürger, wißt ihr denn, wen wir hier vor uns haben?“
Eine lautloſe Stille erfolgte, während ſich das Geſicht des Reiſenden mit Todesbläſſe bedeckte.
„Das iſt Lombard!“ rief derſelbe Mann,„der Cabinetsrath Lombard, der uns den Franzoſen ver⸗ rathen und die für den Kaiſer von Rußland beſtimm⸗ ten Depeſchen zwölf Tage liegen gelaſſen hat, um die
Ruſſen zu verhindern, uns zu Hülfe zu eilen.“
Jetzt raffte ſich der Herr im Wagen gewaltſam zu⸗ V
ſammen und ſagte in ſanftem, einſchmeichelndem Tone zu den Umſtehenden, die ihn mit drohenden Blicken betrachteten:
„Ihr irrt euch, meine Freunde, ich bin kein Ver⸗ räther— ich bin ein treuer Diener Seiner Majeſtät— ich habe das Manifeſt gegen den Kaiſer Napoleon
verfaßt und bin um deſſen willen jetzt ein Flücht⸗
ling.“
Ein höhnendes Gelächter folgte unmittelbar auf dieſe Worte Seitens der verſammelten Menge, und dann tönte aus hundert Kehlen der Ruf:
„Heraus mit ihm, er will uns entſchlüpfen— er iſt ein Verräther und will uns ebenſo hintergehen, wie er den König hintergangen hate“
Vergebens bemühte ſich Lombard der rohen Gewalt des aufgebrachten Volkes Widerſtand zu
leiſten. Der Schlag des Wagens wurde aufgeriſſen,
und ein Dutzend Fäuſte ſtreckten ſich aus, um den ſchwächlichen, ohnehin ſiechen Mann auf die Straße
zu zerren.
„Nach der Hauptwacht!“— brüllte der Haufe, „er iſt unſer Gefangener— er muß viſitirt werden,
ob er nicht franzöſiſche Depeſchen bei ſich trägt.“
Und die Menge drängte und ſtieß den ehemali⸗ gen Miniſter, indem ſie dieſe Mißhandlungen mit
tauſendfältigen Verwünſchungen begleitete. „Das geht nicht,“ ſagte Schill zu ſeinen zwe
Gefährten,„das iſt ein unwürdiges Schauſpiel, deſſen Fortſetzung wir unter allen Umſtänden zu verhindern
ſuchen müſſen.“
Und er drängte ſich durch den bunten, wie ein
Novellen⸗Zeitung.
Knäul zuſammengerollten Haufen und rief mit ſeiner klaren hellen Stimme, indem er ſich zwiſchen dieſen und Lombard ſtellte:
„Hört mich, meine Freunde!— Dieſer Mann mag ſchuldig ſein, aber einer höheren Macht kommt es zu, das Urtheil über ihn zu ſprechen. Unſere gütige Königin, die ihr ſoeben mit ſo vieler Liebe begrüßt habt, mag entſcheiden, was mit Herrn Lom⸗
befa etwe heſch äl el ten mtit lderen
e
bard geſchehen ſoll.“
„Ja, die Königin ſoll entſcheiden!“ rief jetzt die Menge, angeregt durch Schill's einnehmendes Weſen und durch die kaum erſt halb vernarbten Wunden, welche er zur Schau trug.
„Treten Sie in die Hauptwacht,“ ſagte der Letz⸗
tere zu Lombard leiſe,„dort ſind Sie wenigſten? ſicher vor Inſulten, welche die zügelloſe Menge leider immer nur zu gern zu begehen geneigt iſt.“ Schweigend drückte der Cabinetsrath die Hand Herrn von Schill und ſagte: „Haben Sie Dank für Ihre edele Handlungs— weiſe; mein Geyiſſen ſpricht mich übrigens frei— hat man doch auch in der Taſche des Herrn vont Köckeritz, des Vertrauten des Königs, ein franzöſiſchet Marſchallspatent vermuthet.“
Lombard verſchwand bei dieſen Worten in der Wache, und auch die Menge verlief ſich allmaͤl lich, nachdem ſie noch eine Zeitlang durch Toben umd Schreien ihren Gefühlen Luft gemacht hatte.
Seine Verhaftung dauerte übrigens nicht lange,
des
denn der König, dem dieſer Vorfall gemeldet wurde
ordnete ſeine ſofortige Freilaſſung an. Als Schill mit ſeinen beiden Gefährten wieden in den Gaſthof zurückgekehrt war, ſagte er:
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ſein( und wietet mnicht mnoch
vvare.
„Unſeres Bleibens kann natürlich hier nicht ſein,
denn was ſich in Mandeburg ereignete, wird ſio
vorausſichtlich auch in Stettin unter Herrn von Kuo⸗ belsdorf bald wiederholen. Dieſen Leuten ſcheint
Alles, mit Ausnahme des Magens, zu fehlen.—
Morgen brechen wir auf und verſuchen in Colbeig
unſer Glück. Herr von Loucadoun iſt zwar auch einech
Pedant, der ſeine Handlungen genau nach dem Reu lement ordnet, aber er beſitzt wenigſtens Muth, und eine patriotiſche Bevölkerung ſteht ihm zur Seitte, Dort alſo, meine Freunde, wollen wir ſehen, w
unſer Fünf, aber es giebt noch viele tapfere Soldateln, und wenn, wie ich hoffe, der König meinen Pla i genehmigt, ſo denke ich bald an der Spitze einen muthigen, den Tod nicht ſcheuenden Schaar zu ſtehen Am andern Morgen verließen die fünf Helda Stettin und ſchlugen den Weg nach Colberg ein. Oberſt von Loucadou, Commandant dieſer Feſtung
wir wirken können. Vorläufig ſind wir zwar ung.
äog


