Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
560
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560 Misrellen.

Es iſt gewiß von hohem Intereſſe, und unſeres Wiſſens früher noch nirgend erwähnt, daß die Conſtruction der Guil⸗ lotine, wie ſie von Ludwig XVI. zur Anwendung gebracht wurde, von ihm ſelbſt erfunden wurde. Wenigſtens verſichert dies Samſon, der Pariſer Scharfrichter, in den von demſelben herausgegebenen Memoiren(überſetzt von L. von Alvens⸗ leben, Brünn, Verlag von Fr. Karafiat). Danach hatte der Doctor Gulllotin, welcher der jetzt immer allgemeiner einge⸗ führten Maſchine ſeinen Namen verlieh, nach einem älteren italieniſchen Bilde zwar die Idee eines ſolchen Werkzeuges, das an der Stelle der bis dahin üblichen oft empörend bar⸗ bariſchen Hinrichtungen den Tod geben ſollte, aber über die Conſtruction war er mit ſich ſelbſt nicht einig. Er berieth ſich deshalb darüber mit dem damals das Scharfrichteramt in Paris bekleidenden Samſon, und dieſer nahm den Bei⸗ ſtand eines ſehr geſchickten Deutſchen in Anſpruch, eines ge⸗ wiſſen Schmidt, welcher Factor in einer Pianoforte⸗Fabrik war. Dieſer, Samſon und Gulllotin entwarfen Zeichnungen der Hinrichtungsmaſchine, und als der Gebrauch derſelben geſetzlich beſchloſſen war, verlangte Ludwig XVI., bekanntlich felbſt ein leidenſchaftlicher und ſehr geſchickter Mechaniker und Metallarbeiter, die Zeichnung zu ſehen. Samſon wurde mit derſelben in die Tuilerien beſchieden und hier mit dem Kö⸗ nige, der das ſtrengſte Incognito gegen den Scharfrichter be⸗ wahrte, zuſammengebracht. Mit großer Aufmerkſamkeit prüfte Ludwig XVI. die Maſchine, und tadelte dann das halbmond⸗ förmige Meſſer derſelben, indem er darauf aufmerkſam machte, daß dieſe Geſtalt des Todeswerkzeuges ſich bei der Form manches Halſes nicht vollkommen wirkſam zeigen würde. Nachdem er dann ſeinen eigenen Hals als Beiſpiel angegeben hatte, änderte er die Zeichnung ab, indem er an die Stelle des runden Meſſers das ſchrägſchneidende, wie es ſeitdem üblich iſt, geſetzt hatte.

Wahrlich eine bittere, herzergreifende Ironie des Schick⸗ ſals! a.

Eine Pariſer Dame, welche ſeit 5 Jahren taub geweſen war, wurde vor Kurzem auf dem Boulevard des Tempels von einem großen Hunde angefallen, der an ihr heraufſprang und ihr die Vorderfüße auf die Bruſt ſetzte, ohne ſie jedoch zu beißen. Die Dame erſchrak, obgleich ihr Nichts geſchah, doch dergeſtalt, daß ſie ohnmächtig zu Boden fiel. Als ſie wieder zur Beſinnung kam, hörte ſie Alles vollkommen, was um ſie vorging, und bemerkte mit freudiger Verwunderung, daß ihre Taubheit gänzlich verſchwunden war.

Kleine Kritiken.

Drei Jahre im Nordweſten von Afrika. Reiſen in Algerien und Marokko von Heinrich Freiherr von Maltzan. Leipzig, Dürr'ſche Buchhandlung. 1863.

Zwei Länder ſind es vor andern, denen der Verfaſſer in der Schilderung ſeiner dreijährigen Reiſen im Nordwe⸗ ſten von Afrika die regſte Aufmerkſamkeit gewidmet hat: Al⸗ gerien und das den Europäern bis jetzt noch ſo geheimniß⸗ volle und unzugängliche Marokko. Algerien, dieſes von ſo Vielen in neueſter Zeit bereiſte Land, iſt verhältnißmäßig viel weniger bekannt, als man glauben ſollte. Die meiſten

Novellen⸗Zeitung.

erbe

Touriſten beſchränken ihre Reiſen auf die Küſtenländer, machen

einen Ausflug nach einem Fort der Kabylie oder nach einen Oaſe der Wüſte und begehen faſt durchgängig den Fehlen daß ſie Land und Leute durch die Brille der Vorurtheile, wel⸗ che ihnen von den Franzoſen gewiſſermaßen aufgedrungen wird, anſehen. Nur ſehr Wenige kennen die Eingebornen, die freilich Niemand kennen lernen kann, der nicht der ara⸗ biſchen Sprache und namentlich des maghrebiniſchen Dia⸗ lektes mächtig iſt. Der Verfaſſer, des Arabiſchen vollkommen Meiſter, hat die Völker jener Länder vielleicht beſſer zu ber urtheilen Gelegenheit gehabt, als irgend ein Europäer von ihm, und giebt uns lebhafte Charakterbilder von ihrem Thun und Treiben, namentlich auch von ihrem Alltagsleben. L

Höchſt intereſſant ſind ſeine Charakterſchilderungen einiſ ger algieriſcher Typen, mit denen er in Berührung kam. 87¹ der Darſtellung ſeiner Beziehungen auch zu einzelnen ders franzöſiſchen Größen in Algier, namentlich zum Gouverneur entwickelt der Verfaſſer viel Humor und mitunter feim Satire.

Der genauen Schilderung der Stadt Algier folgen diſ Reiſen in den beiden Provinzen Algier und Oran. Hier lernen wir den Autor in einem neuen Lichte kennen. El verfolgt die Pfade des alten weltbeherrſchenden Volkes, der Römer, und führt uns von ihren Denkmälern und Heerſtra⸗ ßen das anſchaulichſte Bild vor die Seele. Doch thun die archäologiſchen Abſchweifungen keineswegs dem Unterhalten⸗ den der Reiſeſchilderung Abbruch. Die zahlreichen kleinen und größeren Abenteuer eines Reiſenden, der nicht ſelten miſ den Beduinen und wie dieſelben lebte, geben dieſem Theilz des Werkes das Anziehende lebhaft gemalter Genrebilder.

So weit der Inhalt des erſten Bandes. Wir über laſſen es den Leſern, ſich durch die Lectüre der folgenden drei Bände das lebendigſte Bild von den in denſelbet beſprochenen Ländern zu verſchaffen, und bemerken nun daß dieſelben das Leben in der großen Kabylie, der Wiſt Sahara und dem Kaiſerreich Marokko behandeln, lauſ ter Länder, welche bis jetzt nur ſehr wenig bekannt gewor den ſind. Namentlich gewährt die Schilderung des de Europäern ſo unzugänglichen Kaiſerreichs Marokko, in welſ chem Reiche der Reiſende das in dieſem ganzen Jahrhunden nur drei bis vier Europäern zu Theil gewordene Glück hatte die Hauptſtadt und den Hof des Kaiſers ſelbſt zu beſuchen von der gewandten Feder des Verfaſſers entworfen, dem Leſah die unterhaltungsreichſten Augenblicke und bildet unbeſtritteg den Glanzpunkt des Werkes.

Im Ganzen bietet der Verfaſſer viel Originelles in ſeiner Darſtellungsweiſe, welche ſich durch kräftig aufgetre

gene und doch wahrheitsgetreue Farben vor der ander ugpell Touriſten ſo vortheilhaft auszeichnet. Namentlich geben die au biſchen Legenden und Sagen dem Verfaſſer Gelegenheit, uſ au ſein unbeſtreitbares erzählendes Talent zu offenbaren.(. ſlle gehört aber auch zu den Wenigen, die dem Verlangen, Lan 4 und Leute bis in die Details zu erforſchen, jedes Opferſ li bringen bereit waren und die unzählige Male, um dieſes 3i t zu erreichen, ſelbſt ihr Leben in die Schanze ſchlugen. Auben

dem beſitzt er ein gutes Auge für die Natur, mit der er au et

Botaniker wohl vertraut zu ſein ſcheint, ſo daß dieſes Rei werk dem Leſer aus den verſchiedenſten Geſichtspunkten uſ vollſtem Rechte auf das Wärmſte zu empfehlen iſt.

Dr. Eſcher.

Redigirt unter Verantwortlichkeit von Olto Friedrich Dürr in Leipzig. Verlag der Dürr'ſchen Buchhandlung

in Leipzig. Druck von A. Edelmann in Leipſ