Jahrgang 
15-26 (1862)
Seite
240
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birgsland ſie von weiterem Vordringen nach Süden ab⸗ ſchreckte. Sie kehrten um und wandten ſich dann dem Rheine und dem Jura zu, verſtärkt durch die Helvetier (Tiguriner und Tugener) und andere keltiſche Völkerſchaf⸗ ten, die, gezwungen oder vom Raube gelockt, auf der Wan⸗ derung ſich ihnen als Waffengeneſſen anſchloſſen. Zu einem gewaltigen Heerhaufen angewachſen, durchzogen ſie nun die galliſche Erde, Raub, Mord und Verwüſtung vor ſich hertragend. Die Gallier ſuchten Zuflucht in den feſten Städten, das flache Land dem entſetzlichen Feinde über⸗ laſſend. Dort geriethen ſie aber bald in ſolche Noth, daß die Wehrloſen den Kampffähigen zur Nahrung dienten. Noch fünfzig Jahre nach dieſem Unglück ſuchte ein galli⸗ ſcher Mann ſeine Waffengefährten zum Widerſtand gegen die Römer anzufeuern, indem er ihnen die muthige Aus⸗ dauer der Väter in dieſen Tagen der Bedräugniß als Bei⸗ ſpiel vorhielt.

Vier Jahre nach der Schlacht bei Noreja ſtanden die Germanen an der Grenze des römiſchen Galliens, welche der Couſul Marcus Silanus hütete. Sie boten dem Volke des Mars Frieden und Freundſchaft an. Wenn man ihnen Land und Sold gäbe, wollten ſie den Römern Heerpflicht leiſten. Aber wo wollte Rom, das bereits den Kampf um die Ackergeſetze begonnen, ihnen Wohnſitze anweiſen? Vom Senat und dem Volk zurückgewieſen, verſuchten ſie aber mals das Glück in der Schlacht. Das römiſche Heer wurde vernichtet, der Conſul ſelbſt rettete ſich durch die Flucht. Er wurde in der Folge vor der Volksverſamm⸗ lung der Feigheit angeklagt, jedoch freigeſprochen. Aber auch diesmal trugen die Deutſchen kein Verlan⸗ gen, die Alpen zu überſteigen.Gallien war ihr Zweck und ihre Luſt. Von gleichem Mißgeſchick wurden die Legionen betroffen, welche der Conſul Longinus zwei Jahre ſpäter in das Land der Allobroger führte. Von den Helvetiern in einen Hinterhalt gelockt, fand er au den hügeligen und moraſtigen Ufern des Genferſees nebſt ſei⸗ nem Legaten Piſo und dem größten Theile des Heeres den Untergang. Für den Reſt erkaufte der andere Legat Po⸗ pillius das Leben durch ſchimpflichen Vertrag. Sie ließen die Schmach das Joches über ſich ergehen, ſtellten den Siegern Geiſeln und überlieferten ihnen die Hälfte von allem Gepäck und Gezeug. Nicht beſſer erging es ei⸗ nem andern Heerhaufen, den der Conſul Scaurus gegen den mächtigen Feind in's Feld führte. Auf dem linken Rhoneufer geſchlagen, gerieth er ſelbſt in Gefangenſchaft und wurde, als er durch die ruhmredigen Worte, Rom werde nie von den Deutſchen überwunden werden, den Zorn der Sieger reizte, von dem König Abiorix mit eigener Hand niedergeſtoßen.

Als der Conſul Marcus Manlius mit neuen Heeren an der Rhone erſchien und den ariſtokratiſch eitelen Pro⸗ conſul Cäpio zu ſich entbot, um dem Feinde mit verein⸗

ten Kräften zu begegnen, weigerte dieſer den Gehorſam

aus Aerger, weil der Andere den Oberbefehl führen ſollte. Er nahm ſeine Stellung zwiſchen den beiden Lagern, und

als die Cimbern, denen das doppelte Heer Beſorgniſſe

einflößen mochte, an Manlius eine Friedensbotſchaft ab⸗ ordneten, gerieth Cäpio über dieſe Zurückſetzung in die

Redigirt unter Berantwortlichkeit von Alphons Dürr in Leipzig. Verlag von Ilphons Dürr in Leipzig. Druck von Gieſecke& Devrient in Leipzig⸗

Uovellen-Zeitung.

größte Wuth. Nur mit Mühe entgingen die Geſandten ſeinen Zornesausbrüchen, und dem Conſul grollte er von da an noch heftiger. Unter ſolchen Umſtänden wurde die Schlacht bei Arauſio(Orange) an der Rhone geliefert Der Ausgang war noch blutiger, als alle vorhergegangenen Nie⸗ derlagen. Achtzigtauſend Römer und Bundesgenoſſen, darun⸗ ter der Conſul mit ſeinen zwei Söhnen, und vierziglauſend Kriegsknechte vom Troß ſollen die Wahlſtatt bedeckt haben. Kaum zehn, heißt es, ſeien übrig geblieben, die Schreckeus⸗ botſchaft nach Rom zu tragen. Beide Lager fielen in die Hände der Deutſchen. Seit dem galliſchen Brande war Nom nicht in ſolche Angſt gerathen, als bei der Kunde von der arauſiſchen Schlacht. Man erwartete, der furchtbare

Feind würde alsbald die Alpen überſchreiten und in Eil⸗ märſchen auf Rom losrücken. Die Phantaſie des Volkes glaubte die ſchrecklichen Geſtalten mit ihren Panzern und Thierfellen bereits vor den Mauern der Stadt zu erblicken. Mit Begierde und Entſetzen lauſchte man den Erzählungen von ihrer wilden Kriegsweiſe und ihren ſchrecklichen Ge⸗ bräuchen. Die Schlacht eröſſneten ſie mit furchtbarem Gelärm und Gebrüll und mit jubelndem Freudengeſchrei. Die Menſchen, die in ihre Gewalt geriethen, wurden an Bäumen aufgeknüpft, alte Prieſterinnen in weißen lei⸗ nenen Gewändern ſchlachteten Kriegsgefangene auf den Altären ihrer Götter und deuteten aus dem rinnenden Blute der durchſchnittenen Kehle die Zukunft. Bei Arauſio hatten ſie alles Gold und Silber in die Rhone verſenkt und alle Beute vernichtet, zum Beweis, daß ſie nicht die Habſucht der Römer theilten. Welche Schonung könne man für Gut und Leben von einem Feinde erwarten, bei dem Gold nichts vermöge und in deſſen Bruſt kein Erbar⸗ men wohne?

Solche mit Wahrhaftigkeit und Kenntniß geſchriebene Berichte von der Grauſamkeit und Rohheit unſerer Vor⸗ ahnen ſind zugleich die Berichte von ihrer Kraft und ge⸗ waltigen Männlichkeit, welche keine Nation der Weltge⸗ ſchichte in einem höheren Maße beſaß. Was in Bezug auf politiſche Weisheit in dieſem Abſchnitte dargethan iſt, ſtellt ſich in verſtärktem Grade in allen Einzelzügen der deutſchen Geſchichte während aller Epochen dar. Faſt niemals haben die Deutſchen mit Einigkeit zuſammengehal⸗ ten, faſt nirgend haben ſie ihre Siege verfolgt. Sie wür⸗ den, wenn dies geſchehen wäre, trotz ihres Mangels an militairiſcher Ausbildung, das Römerreich wiederholt über⸗ wunden und zerſtört haben, denn ſobald ſie nicht der Liſt

und ihrem eigenen Hader unterlagen, triumphirten ſie im⸗ mer im Kriege. Daß dieſes Letztere, jeder anderen Macht gegenüber, noch heute ſo ſein würde, werden Leſer von Selbſtgefühl und. Vaterlandsliebe nicht verſäumen, ſich klar zu machen; Niemand wird aber dabei die nothwendigen Bedingungen vergeſſen, auf welche es ankommt. Wir wünſchen dem Unternehmen der deutſchen geſchicht⸗ lichen Nationalbibliothek eine ſchnelle Verbreitung und werden durch den trefflichen Zweck, welchen ſie zu ver⸗ folgen verſpricht, veranlaßt werden, ihrer weiteren Ent⸗ wickelung in dieſen Blättern nach dem dargebotenen Mate⸗ rial zu folgen.

VIII. Jahrg.