Jahrgang 
01-14 (1862)
Seite
222
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[222 Uovellen-Zeitung.[VIII. Jahrg.

ein, und ich ſchickte die Fahrzeuge vorwärts, uns zu bugſi⸗ ren. Sogleich kamen alle Piroguen der Indiauer wieder zu unſerm Schiffe zurück, und jene der Königin nahte ſich der Seite, wo die Conſtabel⸗Kammer war, wo ihre Leute ſich an den Läden der Stückpforten feſthielten. Oberea ging in das Vordertheil der Pirogue, ſetzte ſich weinend hin und war nicht zu tröſten. Ich gab ihr noch verſchie⸗ dene Sachen, die ihr nützlich ſein konnten, und Einiges zu ihrem Putze; ſie nahm Alles ſtillſchweigend an, ſchien aber nicht ſehr darauf zu achten. Um zehn Uhr hatte das Schiff des Capitain Wallis ſich um das Riff gelenkt, ein guter Wind erhob ſich, und die Otaheiter, beſonders aber die Königin, da ſie ihre Freuude, die Engläuder, nun wirklich abreiſen ſahen, ſagten ihnen zum letzten Male Lebewohl, und zwar mit ſolcher Innigkeit und auf eine ſo rührende Weiſe, daß ſelbſt die Seeleute ſich der Thränen nicht ent halten konnten.

Freilich zeichnet Gefühlsinnigkeit jene Inſulauer noch heute aus, aber wohin hat ſich vor dem Geiſt der Spirituoſa und des Luxus die Einfalt der Sitten und die aufrichtige Treuherzigkeit ihres Charakters geflüchtet!

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5.

Gedicht von E. Heuſinger.

Zie deutſchen Dichter.

Doch auch wo die Menſchen bedrückt ſind von Sorgen Und Herzen erſeufzen in dauernder Pein, Da ſingen die Dichter, ahnend vom Morgen Nach ſchaurigen Nächten den goldenen Schein. 5

Sie ſchweben im Fluge zu ſchwindelnden Höhen Und tauchen hinab in die ſchäumende Fluth;

Sie ſegeln auf Wolken, auf ſtürmenden Seeen, Mit ſehnenden Herzen in ſteigender Gluth.

Sie ſchweben, gezogen von himmliſchen Blicken, Stets über der Erde dunſtigem Kreis;

Sie wölben zum Jenſeits ſich goldene Brücken Und pflegen des Glaubens duftiges Reis.

Sie rufen zum Kampfe in ſtürmiſchen Weiſen

Und ſchwingen das Schwert mit gewaltiger Hand; Und ſeht, die ſchmählichen Feſſeln zerreißen,

Und frei iſt das kräftige deutſche Land.

Drum ehret den Sänger am heimiſchen Heerde, Der treu, wie ein Barde der alten Zeit,

Die klingende Leier vermählt mit dem Schwerte Und ſo, wie der Freude, dem Kampfe ſie weiht.

Literariſche Briefe von Otto Banck.

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Der erſte Raub an Deutſchland. Hiſtoriſcher

Die Dichter, ſie ſind wohl gar luſt'ge Geſellen, Sie ſingen von Liebe und ſingen von Wein; Und wo nur die Knospen der Freude erſchwellen, Da bildet ſich ſchnell auch ein Sängerverein.

Roman von Bernd von Guſeck. Leipzig, Coſtenoble. 1862.

Mit dem patriotiſchen Athemzug, welcher jetzt als ein gewiſſe Atmoſphäre der Ehre durch die deutſche Literatur

ſtofflich intereſſanten, die theilnehmende Empfindung ſpannenden Inhalt einſchließt.

Im Ton und in der Färbung des Verſes hat ſich der geübte Autor mit Geſchick der ſchottiſchen und engliſchen Romanze ange⸗ lehnt, wo es der Gegenſtand nahe legte. Das Talent zu einem breiten farbenreichen Ausmalen der einzelnen Situationen iſt Böttger ganz beſonders eigen. n.

Miscellen.

Mannigfaltiges.

Der erſte Band des Journal de la campagne de Chine von Karl v. Mutrecy iſt ſo eben erſchienen und enthält beſonders an⸗ ziehende Einzelbeiten über die Einrichtung des chineſiſchen Heeres. Wir entnebmen demſelben Folgendes:Die Land⸗ und Seeſtreit⸗ kräfte, über welche der Kaiſer von China verfügen kann, belaufen ſich auf 1,200,000 Mann, welche über das ganze Reich verbreitet

und in drei große Diviſionen eingetheilt ſind. Die erſte Diviſion,

welche 8 Banner zählt, iſt 270,000 Mann ſtark und beſteht aus Tataren, Mandſchu's, Mongolen und Hankiun(letztere ſind Chineſen, welche ſeit der Eroberung der mandſchuriſchen Tatarei zum chineſiſchen Reich gehören); die zweite Diviſion iſt 600,000 Mann ſtark und beſteht aus denMilizen der grünen Fahne; es ſind dies, mit Ausnahme einiger höhrer Officiere, lauter Chineſen; die dritte Diviſion endlich iſt 300,000 Mann ſtark und aus den Landmilizen gebildet, welche die Verpflichtung haben, über die allgemeine Sicherheit zu wachen. Außer dieſen drei großen, wohl

von einander unterſchiedenen Diviſionen gibt es noch ein Frei⸗ willigenheer, welches in Kriegszeiten unter dem Befehl des Kai⸗ ſers die Waffen ergreifen ſoll. Es bildet eine Art Landwehr, doch iſt ſeine Zahl nicht beſtimmt, und es kann auch nur auf höchſten Befehl einberufen werden. Schade iſt es nur für die guten Chi⸗ neſen, daß man dieſe Million Truppen mit einem europäiſchen Armeecorps zerſprengen kann. 6.

In ſeiner letzten Krankheit ging es Friedrich Wilhelm I., dem Vater Friedrich des Großen, ſehr im Kopf herum, wie ihn Gott aufnehmen werde. Der König war nach ſeiner Art ein frommer Mann, aber allerlei trübe Gedanken ward er doch nicht los. Er ließ daher Geiſtliche rufen, zu denen er Vertrauen hatte, und legte ihnen die Frage vor, ob Gott einen Fürſten eben ſo ſtreng richten werde, wie einen Privatmann. Der reformirte Geiſtliche gab eine ausweichende Antwort, vergaß aber den Hofmann, als der König ihn in die Enge trieb.Vor Gott, ſagte er,ſind jeden⸗ falls alle Menſchen gleich, und wenn der liebe Gott einen Unter⸗ ſchied macht, ſo wird er die Fürſten ſtrenger richten, als andre Leute; denn ſie haben die Pflicht überkommen, im Geiſte Gottes mit Weisheit und Gerechtigkeit zu regieren, und wenn ſie dieſes nicht thun, ſo ſind ſie in ſeinen Augen ſo ſtrafbar wie Böſewich⸗ ter. Der König ward über dieſen Freimuth wüthend, ſchimpfte den Geiſtlichen einen Ignoranten und forderte ihn auf, ſich gefäl⸗ ligſt zum Kuckuk zu ſcheeren. Ein paar andre Geiſtliche trafen's beſſer, weil ſie klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben waren; ganz beruhigt wurde der Koͤnig nicht. g.