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Verdauung genießen können, als eine kleinere Nahrung einer und derſelben Art, einfach deßhalb, weil die Abwech⸗ ſelung des Geſchmacks die verdauende Kraft thätig macht.
Es hängt, wie ich glaube, von demſelben Geſetz ſym⸗ pathiſcher Wirkung ab, daß das Rauchen nach der Mahlzeit die Verdauung fördert. Seit der erſten Entdeckung des Tabaks hat man ſich viel hin- und hergeſtritten in Bezug auf das Nachtheilige des Rauchens; da man jedoch die Phyſiologie nur wenig kannte und in gewiſſen Kreiſen ſelbſt jetzt noch wenig kennt, ſo iſt eine ziemliche Maſſe Unſinn über dieſe Frage zu Tage gefördert worden und wird es noch. Es iſt nun eine poſitive Thatſache, daß die Magen⸗ abſonderung zu jeder Zeit dadurch hervorgerufen werden kann, daß man einfach die Drüſen durch Tabak reizt, und wie vorher bemerkt wurde, befördert Alles, was die Mund⸗ drüſenſecretion erregt, auch die des Magenſaftes. Das Rauchen thut dies. Eine Cigarre(oder Pfeife) nach der Mahlzeit iſt daher mit Rückſicht hierauf wohlthätig, aber nicht vor dem Eſſen..
Die Wirkung des Tabaks iſt aber hierauf nicht be⸗ ſchränkt; er wirkt noch in anderer Weiſe ein, zum Theil wohlthätig, zum Theil nachtheilig. Die Größe des Scha⸗ dens hängt von der Natur des Organismus ab, und hierin muß ZJeder für ſich ſelbſt urtheilen. Eine Vorſicht halten wir jedoch für recht dem Leſer mitzutheilen. Wenn ge⸗ ſagt wird, daß Tabak nichts ſchade, ſo muß im Auge be⸗ halten bleiben, daß wir Tabak in kleinen Quantitäten meinen. Ein Uebermaß von Tabak iſt ſehr nachtheilig, ebenſo wie ein Exceß in Alkohol; ebeuſo aber würde auch ein Uebermaß von Hammelcoteletten ſchaden. Jedes Uebermaß iſt gefährlich, und beſonders ſollten alle Reiz⸗ mittel nur ſparſam augewandt werden. Und doch macht ſich der, welcher nicht daran deukt, jemals ſeinen Schoppen Wein oder ſein Maß Bier täglich zu überſchreiten, keine Gedanken, wenn er täglich ein Dutzend Cigarren raucht. Da ich ſelbſt durch eine ſchwache Verdauung und einen leicht geſtörten Organismus darauf angewieſen bin, auf meiner Hut zu ſein, ſo kann ich doch nach meiner eigenen Erfahrung auf mein Gewiſſen verſichern, daß täglich zwei Cigarren, und nur nach und niemals vor den Mahlzeiten geraucht, ſich als ganz entſchieden wohlthätig in manchen Beziehungen erwieſen haben. Es wird mir jedoch ebenſowenig einfallen, dieſe Anzahl zu vermehren, als ich daran denke, mein tägliches Quantum Kaffee oder Bier zu vergrößern. Andere Organismen werden natürlich auch größere Men⸗ gen vertragen können. Jeder muß jedoch die ihm zuſa⸗ gende Grenze für ſich ſelbſt beſtimmen und dann bei ihr bleiben.
Unter den vielen unbedeutenden Urſachen einer geſtör⸗ ten Verdauung iſt auch noch der ganz allgemeine Miß⸗ brauch zu erwähnen, zwiſchen den verſchiedenen Tagesmahl⸗ zeiten zu eſſen. Die kräftige Verdauung eines aufwachſenden Knaben überwindet leicht alle ſolche Unregelmäßigkeiten; aber zu ſehen, wie Erwachſene und häufig ſolche, die durch⸗ aus nicht eine ſtarke Geſundheit haben, wenige Stunden nach einem ſchweren Diner Kuchen oder geröſtetes mit
Butter beſtrichenes Brod oder einfaches Butterbrod eſſen,
Redigirt unter Verantwortlichkeit von Alphons Dürr in Leipzig.— Verlag von Alphons Dürr in Leipzig.— Druck von Gieſecke& Devrient in Leipzig. g 7) 1 zig 9 I
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iſt ein trauriger Anblick für einen Phyſiologen.(Auch fügen wir hierzu, daß es eine Angewohnheit iſt, die von ſehr ſchlechtem thieriſchen Geſchmack zeigt.) Man braucht mindeſtens eine Stunde, um Mittageſſen zu verdauen; während dieſer Zeit ſollte man dem Magen Ruhe gönnen. Ein wenig Thee oder irgend eine audere Flüſſigkeit iſt eher wohlthätig als das Gegentheil; aber feſte Nahrung iſt ein bloßes Ueberladen; es iſt eben kein Magenſaft vorhanden, der ſie zu verdauen bereit wäre; und wenn irgeud ein Leſer, der nur im Entfernteſten mit ſeiner Verdauung etwas Noth hat, darauf Acht gibt, was für Empfindungen ein⸗ treten, wenn er Kuchen oder geröſtetes Brod oder Thee genießt, ehe das Mittagseſſen zur Verdauung Zeit gehabt
hat, ſo wird es keiner langen Auseinanderſetzung bedür⸗ fey, um ihn zu überzeugen, daß die in engliſchen Familien
Diner wieder ein leichtes Mahl zu machen, ein bedeutender Fehler iſt.“
Für den erſten Augenblick mögen vielen Leſern die Auseinanderſetzungen des Engländers tief proſaiſch und deßhalb ein wenig abſtoßend erſcheinen. Man bedentke jedoch, um wie viel mehr echten geiſtigen Genuß und dauern⸗ den Vortheil ſolche wiſſenſchaftliche Schriften darbieten, als jene Unterhaltungslectüren ſeichter Romane, ja ſogar als die vielen zahlreichen Schönmalereieun und populären Redſeligkeiten über Naturkunde, die über den ſpeculativen Drang, um jeden Preis zu amüſiren, den Gehalt und die Wichtigkeit des eruſten Zwecks aus den Augen verlieren. Man kann allen Freunden der Literatur und der wahren Intelligenz nur anrathen, bloß 3
herrſchende Sitte, aus dem Thee nach einem ſubſtantiellen
an ſolche Belletriſtik ihre Zeit zu ſetzen, von deren Trefflichkeit ſie überzeugt ſind der ſehr bald beim Leſen überzeugt werden, wo es ſich etwa um neue Erſcheinungen handelt. Bei allen an⸗ dern zweifelhaften Fällen aber iſt es ein Segen, ſolche müßige Bücher möglichſt raſch aus der Hand zu legen, denn jede Stunde iſt begraben und dem Moloch geopfert, die man an werthloſe Dichtungen, namentlich in unſerer bücherfahricirenden Zeit, dahingibt. Wohl aber verlohnt es ſich, immer nach dem Beſten zu greifen, was die allge— meine wiſſenſchaftliche Literatur in verſtändlichem Ge⸗ wande darbietet.
So finden die Leſer in dieſem Werke eine Maſſe feſ⸗ ſelnder Details und thatſächlicher Beiſpiele aus dem täg⸗ lichen Leben, und wer ein ſolches Buch auch nur mit halber Aufmerkſamkeit lieſt, wird unwillkürlich viel vortheilhafte Kenntniß, die er zu ſeinem körperlichen Wohl verwerthen kann, als Ausbeute gewinnen.
Im abſchattirenden Gegenſatz zu unſeren deutſchen naturwiſſenſchaftlichen Werken, welche jetzt ſo verbreitet und viel geleſen ſind, iſt es aber doppelt von Intereſſe, auch einmal die Darſtellungsweiſe eines Ausländers, na⸗ bedächtigen Briten zu hören, der im Gan⸗
gern, ohne daß ein Bruch bleibt, das Praktiſche möglichſt
gut zu verbinden. Wir Deutſche ſiud wegen unſerer Idea⸗ liſtik nur zu ſehr einer
Theorie zugeneigt, die ein wenig grau und nicht ſo grün iſt, als des Lebeus goldener Baum.
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