Jahrgang 
01-14 (1862)
Seite
172
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Den nach dem Urwalde führenden Weg noch eine Zeit lang verfolgend, hörte ich plötzlich ein jämmerliches, kla⸗ gendes Geſchrei, ähnlich dem eines lautweinenden Kindes. Ich wendete mich nach der Gegend, woher dieſe Töne ka⸗ men, die, mir allerdings ſchon bekannt, mich die zu beſchrei⸗ bende Scene erwarten ließen. Dicht am Fuße eines Bau⸗ mes fand ich eine ſechs Fuß lange, auf der Dorſalfläche vor⸗ zugsweiſe ſchwärzlich gefärbte Schlange, welche im Begriff war, einen halb erwachſenen Haſen zu erdrücken. Schlange hatte ſich mit drei Windungen um das Thier geſchlungen und drückte daſſelbe mit aller Kraft zuſammen,

während ſie mit den Zähnen ein Hinterbein feſthielt und

mit dem Schwanze einen Eichenſchößling umwickelte. Je⸗ denfalls hatte, wie es ſehr oft vorkommt, der Haſe im Baume geſeſſen und war von der auf Raub ausgehenden Schlange aus der am Boden beſindlichen Oeffnung des Baumes am Beine herausgezogen worden. Das Geſchrei hörte ſehr bald auf, gewaltige Zuckungen verriethen den Todeskampf; dann machte die Schlange Gebrauch von dem Rechte, das ihr die Natur gegeben, d. h. ſie verſchlaug die lebloſe, noch warme Maſſe des getödteten Thieres, um ſich zu ſättigen.

Wir ritten weiter, aber ſchon nach einer Viertelſtunde erhielten wir ven dem vorderſten Reiter ein Zeichen zum Halten und Schweigen, dann zeigte er mit der Hand nach einer Richtung, der wir mit den Augen folgten. In der Ferne erkannte man zwiſchen den Bäumen ganz deutlich viele graſende Pferde, die wir als wilde erkannten. Wir ritten, von den Bäumen gedeckt, ſo nahe als möglich, be⸗ merkten aber ſehr bald, daß wir entdeckt waren, denn die Pferde hörten auf zu freſſen, ſahen eine Zeit lang nach der Gegend, wo wir uns befanden, und plötzlich ſetzte ſich die ganze Heerde in Galopp. Wir ritten ſchnell hinter den Bäumen hervor, um die Thiere noch ſcheuer zu machen, die auch ſogleich, von einem ſtattlichen Schimmelhengſte geführt, in Carriere überſetzten, und bald hörten wir nur

Die

Uovellen-Zeitung.

noch das Blaſen durch die Naſe und ein gedämpftes don⸗

nerähnliches Getöſe von dem Auftreten der Pferde.

Unter der Bezeichnungwilde Pferde ſind eigentlich nur verwilderte zu verſtehen; denn bekanntlich kaunte man in Amerika das Pferd nicht eher, als bis die blutdürſtigen ſpaniſchen Eroberer es nach Mexico brachten. Hier ver⸗ wilderten die entlaufenen Pferde vollſtändig, bewohnten die Prairien und, über zweihundert Jahre ſich ſelbſt überlaſ⸗ ſen, vermehrten ſich dieſe Thiere, vom Klima begünſtigt, auf eine ſo außerordentliche Weiſe, daß bald ganz Mexico,

Texas, Centralamerika und Louiſiana von wilden Pferden

bewohnt wurden. Die urſprüngliche Race ging hier durch die wilde und überhaupt veränderte Lebensweiſe, Klima u. ſ. w. nach und nach ſo vollkommen verloren, daß die verwilderten Thiere gar keine Aehnlichkeit mit denen der urſprünglichen, alſo ſpaniſchen Race behielten, ſondern ſich mehr dem wahren Typus des wilden Pferdes, wie es noch heute in den Steppen Rußlands und Aſiens gefunden wird, nähert. Man bezeichnet dieſe Pferde, zum Unter⸗

ſchiede von ſpäter eingeführten edlen Pferden, mit dem

NamenMuſtangs. Der Muſtang iſt ein kleines, ge⸗ drungenes Pferd mit ſtarken Knochen, dicken Feſſeln, einem häßlichen, dicken Kopfe, ſehr ſtarker, grobhaariger, langer Mähne und ähnlichem Schweife; die Haare des ganzen Körpers ſind länger als bei Racepferden und beſitzen wenig Glanz, zeigen mitunter eine Neigung zum Kräuſeln und bilden über den Feſſeln lange, herabhängende Büſchel, Was die Farbe betrifft, ſo ſind die meiſten einfarbig; die rein ſchwarze und rein kaſtanienbraune Farbe iſt die ſel⸗ tenſte, die Fuchsfarbe und alle hellen Farben überwiegend. Das Gemüth des eingefangenen Muſtangs iſt boshaft und rachgierig; er ſchlägt, beißt, ſpringt mit den Vorder⸗ hufen auf die Menſchen, iſt nur durch Gewalt und Furcht zu bändigen und zum Reiten einzurichten, läßt ſich ſelten zum Zugthier abrichten, und wenn dies geſchieht, iſt er jederzeit unzuverläſſig. Die Schnelligkeit im Laufen wird

Meine gute Tochter, die Ihr freundliches Andenken zum Beſten erwidert, wünſcht, wenn es Gelegenheit gibt, der unver⸗ heiratheten Tochter des Sir Walter Scott, die, wie man ſagt, ihren Herrn Vater begleitet, beſtens empfohlen zu ſein und verſichert von ihrer Seite den lebhaften Empfang.

Alle hieſigen Freunde, die Sie kennen und nennen, grü⸗

ßen und danken mit auf's Beſte, und freuen ſich nach gelungener Reiſe auf Ihre reiche Gegenwart.

Sodann bitte ich, die Geneigtheit dortiger Gelehrter,

Kunſtfreunde, Künſtler und Kunſtgenoſſen auf das Treulichſte dankbar zu erwidern. Laſſen Sie mich hoffen, durch irgend eine Vermittelung, auch während Ihrer Abweſenheit aus die⸗ ſem Welttheile, einige Nachricht von Ihnen zu erhalten. Weimar den 10. März 1832. J. W. Goethe. 9.

Literatur.

Gerſtäcker's neueſtes Reiſewerk. Wie wir ſoeben erfahren, wird Gerſtäckers neueſtes Werk in den nächſten Mo⸗ naten bei H. Coſtenoble in Leipzig unter dem TitelAchtzehn Monate in Süd-Amerika und deſſen deutſchen Colonien, in 3 ſtarken Bänden erſcheinen.

Gerſtäcker's Reiſeziel war dies Mal Süd⸗Amerika und ganz vorzüglich deſſen deutſche Colonien.

Von Southampton aus beſuchte er, St. Thomas, Colon, Panama und Neu⸗Granada berührend, zuerſt das faſt noch un⸗ bekannte Ecuador. der erſte Deutſche mitten durch den Urwald, nach Quito

Von der Küſte des Stillen Meers reiſte er

hinauf und wandte ſich von dort durch die Hochebene der Cordil⸗ leren am Chimborazo entlang nach Guayaquil, dem Vaterland des Cacao und der Panama⸗Hüte

Von Guayaquil wendete er ſich zu Waſſer nach Lima, kreuzte von hier aus beide Cordilleren⸗Rücken nach dem Amazonenſtrome zu, die dortige deutſche Colonie Pozuzo zu beſuchen, und kehrte von hier nach Lima zurück, um ſich nach Valparaiſo einzuſchiffen.

Von Valparaiſo machte Gerſtäcker zunächſt einen Abſtecher nach Valdivia, ſuchte, die Cordilleren wieder paſſirend, durch Patagonien den Atlantiſchen Ocean zu erreichen. In den Cor⸗ dilleren wurde er daran leider durch die Regenzeit verhindert und mußte an die Küſte von Chile zurückkehren. Von hier ſchiffte er um Cap Horn herum nach Montevideo und Buenos Ayres und ging ſpäter zu Lande von Montevideo aus durch Uruguay nach Braſilien bis Porto Alegre. Dort machte er einen Ruhepunkt, um die deutſchen Colonien Rio Grande's kennen zu lernen; dann

wendete er ſich nach Santa Catharina und ſchiffte ſich nach einem längern Aufenthalte in Rio de Janeiro endlich nach Europa ein.

Erzählende Schriften von Karl von Holtei. Breslau, Trewendt. 1.

Der Verfaſſer hat als deutſcher Charakrerſchriftſteller für genrebildliche Lebensformen und innere Gemüthszuſtände, und wie wir kürzlich geſehen haben, als Dichter einer localen Lyrik das Glück, welches er verdient, denn als ein Glück, von Wenigen erreicht, muß es bezeichnet werden, wenn ein Autor die Samm⸗ lung ſeiner Werke in einer Volksausgabe erlebt und dieſe keine künſtlich forcirte iſt. Es liegt uns von derſelben vorläufig nur

[VIII. Jahrg.

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