Jahrgang 
01-14 (1862)
Seite
171
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Nr. 11.] Dritte um das unglückliche, ſorgleſe Opfer mit den ſcharfen Gift⸗ zähnen zu verletzen. Zu ſpät; denn mit der Schnelligkeit des Gedankens entfloh das kleine Thier, als es die wohl⸗ bekannten, warnenden Töne hörte, aber kaum fünfund⸗ zwanzig Schritte davon lockten die gelben Blüthen von Baptisia leucophaca den Flüchtling, der kaum der Gefahr entronnen; er unterſuchte ſchon wieder mit ſeinem Schna⸗ bel die Blüthen und war ſo ſorglos und munter, als wäre nichts geſchehen*). Ein zweites herbeigeflogenes Männchen, das ſich ebenfalls der Baptiſia nährte, veranlaßte das erſtere augenblicklich einen wüthenden Angriff auf daſſelbe zu ma⸗ chen, und mit der größten Erbitterung flogen die kleinen, aber äußerſt zankſüchtigen Vögel, ſich beißend und ſchreiend ſo hoch in die Luft, daß ſie dem Auge entſchwanden.

Am Creek beim Urwald ſah ich an beiden Ufern die großen, fächerförmigen Blätter von Sabal Adamsonii bis in das Waſſer hängen und ſo daſſelbe einfaſſen. Das Waſſer des Baches war hier ſehr tief und floß ſehr lang⸗ ſam; auf der Oberfläche wiegten ſich die Blätter von Nenu- phar lutea, und die Libellen ſpielten um die gelben Blü then; das Springen der Fiſche in die Luft und das Aufſchlagen derſelben verrieth dereu Behagen an dem küh⸗ len Waſſer, welches durch die dichten Kronen der Bäume, die gemeinſchaftlich ein Gewölbe bildeten, vor den erwär⸗ menden Strahlen der Sonne geſchützt wurde. Das Ganze bildete eine halbdunkle Grotte und ein Aquarium, wie ich ſie liebe. In der Ferne, an einer etwas ſeichten Stelle, wateten zehn oder zwölf weiße Reiher; auf einem Baume lauſchte ein Schlangenhalsvogel und ſah den ſpielenden Fiſchen zu; eine weichſchalige Schildkröte ruderte dem jen⸗ ſeitigen Ufer zu, wo der Kopf eines Ochſenfroſches neu⸗ gierig hervorguckte. Der tiefſte Frieden ſchien hier zu

5* ³) Die Zauberkraft der Klapperſchlange exiſtirt nur in den Köpfen abergläubiſcher Menſchen, iſt in Wirklichkeit aber nicht vorhanden.

Folge.

Hauſe Alles Freude, Alles Luſt! Doch da ſchwamm der vier Fuß lange Körper einer ſchwarzen Giftſchlange mit Leichtigkeit auf dem Waſſer, rauſchte einige Zeit auf den Blättern der Nenuphar und verbarg ſich dann am Ufer unter den Blättern der Fächerpalme. Und ein acht oder neun Fuß langer Baumſtamm erhob ſich langſam vom Grunde, näherte ſich in ſchräger Richtung der Oberfläche, blieb einige Zeit ſtille ſtehen, wobei das eine Ende des Stammes etwas über die Oberfläche des Waſſers ragte, dann ſank der leblos ſcheinende Gegenſtand wieder langſam unter und verſchwand in der Tiefe. Das war ein Alli

gator, der geathmet!

Am Stamme einer Ceder kletterte eine ſchöne, lang⸗ geſtreckte, hellgrüne, ungefähr acht Zoll lauge Eidechſe, welche ihr kleines Köpfchen bald rechts, bald links wendete, um nach Inſecten zu ſpähen. Es war die hübſche Baum eidechſe, welche mir früher ſchon oft Freude gemacht und welcher ich auch jetzt eine nähere Betrachtung widmete. Das nette, ſmaragdgrüne Thierchen erblickte mich, blieb ruhig ſitzen, verwandelte aber das Smaragdgrün in eine häßliche braune Farbe, welche ſich von der baſtähnlichen Rinde der Ceder wenig unterſchied. Lauge ſah ich dem Thierchen zu, welches vor meinen Augen alſo offen und ehrlich die Farbe wechſelte. Ich begann zu pfeifen, und obgleich die Töne nicht gerade bezaubernd geweſen ſein mögen, ſo war mein kleiner Zuhörer doch zufrieden, denn er kam den Stamm herab und blickte mich vertraulich an, veränderte das Braun wieder in Grün und geſtattete mir, mich bedeutend zu nahen. Als ich die Haud in die Höhe brachte und dieſe dem bunten Inſectenſammler näherte, ſchien er ängſtlich zu werden, blies die weiße Kehle zu einer Blaſe oder einem Kropfe auf, welche ſich durch dieſe Form⸗ veränderung gleichzeitig purpurroth färbte. Noch näher mit der Hand gekommen, ſah ſich das Thierchen gefährdet, lief ſchnell den Stamm hinauf und verlor ſich aus meinen Augen.

einzigen Geſt dem Zuſchauer paralyſirt erſcheint. Mitwelt und Nachwelt werden nicht hinreichen, ſolches Wunder der Kunſt würdig zu commentiren, und wir genöthigt ſein, nach aufklä⸗ render Betrachtung und Unterſuchung immer wieder zur ein⸗ fachen reinen Bewunderung zurückzukehren.

Unwiderſtehlich wird man, ich kann es nicht übergehen, an die Schlacht Conſtantins erinnert, die nun künftighin der Siegestriumph des römiſchen Chriſtenthums heißen müßte.

Es beruhigt mich einigermaßen ein zweites Kunſtwerk zu kennen, welches den Geiſt befähigt, durch Vergleichung und

Gegenſatz ſich aus dieſem antiken Knotengewirre herauszu⸗ winden und ſich den würdigſten Betrachtungen im Stillen zu überlaſſen.

Bei dem Gebäude ſelbſt, deſſen Grundriß Sie verſorglich beigelegt, iſt gar manches zu denken, vorzüglich aber Ihre

Bemerkung über das Abweichen einer ſtrengen Symmetrie als von der gröͤßten Wichtigkeit zu betrachten. Es läßt ſich dieſes anſehen, wie die Ausweichungen in der Muſik, die man nicht Mißtöne nennen ſollte, weil ſie zu einem ſonſt unerreichbaren

Schönen hinführen und uns die anmuthigſte Befriedigung vor⸗

bereiten.

Wie ſehr es ſich auch von ſelbſt verſteht, ſo darf ich doch nicht unausgeſprochen laſſen, ja ich muß wiederholen, daß es mir ein durchdringend würdiges Gefühl in meinen hohen Jah⸗ ren gibt, jüngere Heranwirkende zu ſehen, die nicht allein, was ich bisher allenfalls geleiſtet, billigen, ſondern zugleich empfin⸗ den, daß der Weg, auf dem ich unverrückt gewandelt, auch der⸗ jenige ſei, auf welchem ſie prosperiren. Ich war ſtets aufmerk⸗ ſam auf diejenigen Punkte der Welt⸗, Kunſt⸗ und Culturge⸗

ſchichte, wo ich mich immer mehr vergewiſſern konnte, hier ſei eine hohe wahre menſchliche Bildung zu gewinnen.

Zu Ihren Ausgrabungen an verſchiedenen Stellen wünſche Glück. Was in jenen Gegenden, durch den furchtbarſten Zufall, in den Grund gelegt werden, möchte bei näherer Unter⸗ ſuchung ganz unerſchöpflich ſein. Haben wir ſo großen Vor⸗ theil von dieſen Entdeckungen gehabt, ſo müſſen wir unſern Enkeln und Urenkeln auch was gönnen. Sie, mein Theuerſter, führen ſie auf die rechte Spur, und der rechte Sinn wird bei ſucceſſiver Entdeckung echter Gegenſtände gewiß erhalten und in echten Menſchen zur gelegenen Zeit fortleben und wieder⸗ aufleben.

Zu Ihren Unternehmungen, die Sie auf dieſem Erd⸗ und

Waſſerball vorhaben, wünſch' ich das herzlichſte Wohlergehen, wenn auch nicht ganz gern, weil Sie mir gar zu ſehr ins Weite rücken. Doch da ich wohl begreife, daß Sie Ihrer Thätigkeit nicht leicht Grenzen ſetzen können, noch dürfen, ſo will ich mit Freuden erwarten, ob das Unſchätzbare, was Sie uns gewiß zurückbringen, mir auch noch zu Luſt und Gedeihen zu rechter Zeit anlangen wird. Erhalten Sie mir daher Ihr treues und woohlthätiges Andenken. Sollte Herr Walter Scott noch in Ihrer Nähe ſein, ſo verſichern Sie demſelben, daß er ſich bei uns durchaus ein⸗ heimiſch finden werde, und nicht nur als Verfaſſer ſo vieler und bedeutender Werke, ſondern zugleich als ein Wohl⸗ und Edel⸗ Denkender, der allgemeinen Ausbildung ſich widmend. Und ich für meine Perſon darf wohl ſagen, daß dieſe durchgän gige Anerkennung bei mir durch eine gewiſſe Zärtlichkeit einer vieljährigen Verwandtſchaft noch erhöht wird.