Jahrgang 
01-14 (1862)
Seite
100
Einzelbild herunterladen

lebt. Cora hatte weder Eltern noch Verwandte unter ihren Mitſclaven, und verkehrte vur ſelten mit ihnen. Ihre Herrin liebte es, ſie beſtändig um ſich zu haben, ent⸗ weder ſitzend zu ihren Füßen, oder hinter ihrem Stuhle lehnend. Auf dieſe Weiſe hörte ſie fortwährend die Unter⸗ haltung der Familie und Freunde ihrer Herrin mit an, und gewann dadurch Anſchauungen, die über ihre Lebens⸗ ſtellung hinaus gingen; ihre Ausdrucksweiſe war gewähl⸗ ter und ihr Weſen feiner, als das der andern Sclaven; aber in jedem weſentlichem Punkte war ihre Erziehung vollſtändig vernachläſſigt; ſie hatte nie leſen gelernt; ſie hatte nie Unterricht in der Lehre von der Moral oder der Religion erhalten; man hatte ihr nur von zwei Tugenden geſprochen dem Gehorſam und der Treue gegen ihren Herrn und ihre Herrin; in der Erfüllung dieſer hätte ſie ſterben können! Sie liebte ihre Herrin, die ſie immer mit Wohlwollen behandelt hatte, aber ihr junger Herr war der Gegenſtand ihrer ergebeuſten Dankbarkeit und ihrer ſtärk⸗ ſten Liebe. Und war dies zu verwundern? Er hatte ſich ihrer hülfloſen Kindheit angenommen, zu einer Zeit, wo ſie den bangen Wechſelfällen der Sclaverei ausgeſetzt geweſen; er hatte ſie unter ihren zahlreichen Leidensgefährten auser⸗ wählt; er hatte ſie in ſein Haus genommen und der Obhut ſeiner Mutter übergeben; er hatte nie anders als mit der Stimme der Sanftmuth zu ihr geſprochen, nie anders zu ihr geblickt als mit dem Auge des Wohlwollens. Cora's Herz mußte dies doppelt empfinden, ſie hatte keine Macht, jemals zu vergelten, was ſie ihm ſchuldete. Als ihr Herr hatte er Auſpruch auf ihren Gehorſam; aber Unterwürfig⸗ keit vermochte die tiefe Schuld ihrer Dankbarkeit nicht zu verbergen, und eifrig verrichtete ſie für ihn jede ihr oblie⸗ gende ſclaviſche Dienſtleiſtung. Bedürfniſſe, noch ehe er ſie ausgeſprochen; wenn er im Be⸗ griff ſtand ſpazieren zu gehen oder auszureiten, war ſie immer in Bereitſchaft, ihm ſeinen Hut und ſeine Hand⸗ ſchuhe zu reichen; trat er zur Thür herein, ſo brachte ſie

Uovellen-Zeitung.

Sie ahnte ſeine kleinſten

(VIII. Jahrg.

ihm immer ſeinen Lieblingsſeſſel; mit ſeinen Lieblings⸗ blumen füllte ſie die Vaſen; ſie ſang am ſüßeſten die Lie der, die er vorzog; kein noch ſo unbedeutendes Wort von ihm fiel je unbeachtet in ihr Ohr.

Cora war ſchön, ſelbſt verglichen mit den weißhäutigen Töchtern Amerika's. Ihr ſchwarzes Auge ſprühte Zärt⸗ lichkeit; ihr)e Wange erglühte in den reichen Farben der Jugend und der Geſundheit; ihre rothen Lippen ließen, ſo oft ſie lächelten, zwei regelmäßige Reihen Perlen er⸗ blicken, welche durch den Contraſt mit der Hautfarbe noch weißer erſchienen; ihr langes, ſchwarzes Haar glich nicht dem ihrem Stamme eigenthümlichen; es war auf⸗ fallend lang, weich und glänzend; ſie lernte es ſorgfältig flechten und rings, in der Art, wie man die alten Statuen der Griechen dargeſtellt ſieht, um ihr Haupt befeſtigen; ein Paar flüchtende Locken beſchatteten ihre feingeſchnittene Stirn und ſchön gewölbten Brauen. Niemand kounte ihre Schönheit ohne Bewunderung ſehen. Es lag in ihrem Weſen und all' ihren Worten ein eigenthümlicher Zauber; er beſtand in dem Gegenſatze, welcher durch die Ausbildnug ihrer Gefühle und ihre völlige Unkenntniß aller Dinge, durch den natürlichen Aufſchwung ihrer Seele und die tiefe Niedrigkeit ihrer Gedanken hervorgerufen wurde. Die Empfindungen ihres Herzeus waren überreizt worden, wäh⸗ rend die Verſtaudeskräfte, die ſie hätten beherrſchen ſollen, unentwickelt in ihrem Geiſte lagen. Die Vernachläſſigung der Thatkraft ihres Charakters hatte die Macht ihrer Ge⸗ fühle verdoppelt. Die ungemeine Sanftmuth ihres We⸗ ſens milderte freilich ihr äußeres Hervortreten, aber ſie glühten in ihrem Buſen und klopften in ihrem Herzen.

Cora war ſechszehn Jahr, als ihre Herrin ſtarb; ſie pflegte ſie während ihrer Krankheit mit der eifrigſten Auf⸗ merkſamkeit; ſie wich nicht von ihrem Bette; ſie ſchien un⸗

empfindlich gegen alle Müdigkeit; ſie war die wachſamſte und ſanfteſte Wärterin; die Kranke konnte ſie keinen Augen⸗ blick aus ihren Augen laſſen; ſie konnte ihre Augen nicht

Feuilleton.

onde

Eine Novelle vom grafen 8t. germain.

Der Marquis von St. Giles, am Anfange dieſes Jahr⸗ hunderts ſpaniſcher Geſandter im Haag, hatte in ſeiner Jugend den Grafen von Moncada, einen ſpaniſchen Granden und einen der reichſten Herrn dieſes Landes, ſehr genau gekannt. Einige Monate nach ſeiner Ankunft im Haag erhielt er einen Brief des Grafen, der ihn bei ſeiner Freundſchaft beſchwor, ihm den größten aller Dienſte zu erweiſen.Ihr kennt, mein lieber Marquis, ſchrieb er ihm,meinen Kummer, daß ich den Namen der Moncada nicht foripflanzen konnte. Es hat dem Himmel gefallen, wenige Zeit, nachdem ich Euch verließ, meine Wünſche zu erhören und mir einen Sohn zu ſchenken, der ſchon früh die Neigungen blicken ließ, die ſeines Standes würdig. Aber das Unglück wollte, daß er ſich zu Toledo in die berühmteſte Schau⸗ ſpielerin jener Stadt verliebte. Ich ſchloß die Augen über dieſe Verirrung eines jungen Mannes, der bis dahin mir nur Urſache zur Zufriedenheit gegeben. Als ich jedoch erfuhr, daß ſeine Leidenſchaft ihn ſoweit getrieben, dieſes Mädchen heirathen zu wollen, und daß er ihr ein ſchriftliches Eheverſprechen gegeben habe, drang ich in den König, ihn feſtnehmen zu laſſen. Mein

Sohn, unterrichtet von meiner Abſicht, kam der Ausführung der⸗ ſelben zuvor, indem er mit dem Gegenſtande ſeiner Leidenſchaft entfloh. Seit mehr als 6 Monaten lebe ich in Ungewißheit über ſeinen Aufenthalt, habe aber einigen Grund zu glauben, daß er im Haag ſich aufhält. Der Graf beſchwor dann den Marquis im Namen der Freundſchaft, die genaueſten Nachfor⸗ ſchungen anzuſtellen, um denſelben ausfindig zu machen, und ihn zur Rückkehr zu ihm zu bewegen.Es iſt billig, ſagte der Graf,das Schickſal des Mädchens zu ſichern, wenn ſie ſich da⸗ zu verſteht, das Eheverſprechen zurückzugeben, und ich überlaſſe es Euch, ihr Intereſſe wahrzunehmen, ſo wie die Summe zu be⸗ ſtimmen, welche nöthig iſt, damit mein Sohn in einem ſchick⸗ lichen Aufzuge nach Madrid zurückkehre. Ich weiß nicht, ſagte der Graf am Schluſſe,ob Ihr Vater ſeid; wenn Ihr es ſeid, ſo könnet Ihr Euch eine Vorſtellung von meiner Unruhe machen. Der Graf fügte dieſem Briefe eine genaue Beſchreibung ſeines Sohnes und der Geliebten deſſelben bei. Der Marquis hatte nicht ſobald dieſen Brief erhalten, als er in allen Gaſthöfen

Amſterdams, Rotkerdams und des Haag umherſchickte; aber

vergebens, er konnte nichts entdecken. Er begann ſchon an dem

günſtigen Erfolg ſeiner Nachforſchungen zu verzweifeln, als er

Nr.

ſcließ trug! Ahnun gin ih und it Ende und len i ſie Die

wish

wi.

,=