Jahrgang 
01-14 (1862)
Seite
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Literariſche Briefe von Otto Banck.

Genrebilder aus dem deutſch⸗amerikaniſchen Leben, von Otto Ruppius. Berlin, Verlag von Franz Dunker. 1861. Der Halbindiauer. Erzählung von Balduin Möllhauſen. Leipzig, Coſtenoble.

Sie finden in beiden Werken eine amerikaniſche Sit⸗ tenſchilderung, doch von ſehr verſchiedener Art und auch im literariſchen Werthe ungleich.

Die letztgenannte Erzählung iſt von bedeutendem Um⸗ fange, der ſich über vier Bände ausdehnt. Der Verf. kann Ihnen weder fremd noch unintereſſant ſein, denn er iſt der⸗ ſelbe, welcher in ſeinen transatlantiſchen Reiſeſchilderungen eine mannigfaltige und beliebt gewordene Lectüre bot.

Er ſagt jedoch ſelbſt, daß er ſich in dieſen Länder- und Völkerbeſchreibungen nicht allſeitig genügen konnte, da er beim Zuſammenſchluß zu einem Ganzen genöthigt war, zahlreiche Einzelheiten und Localfarben bei Seite zu laſſen. Es ſtiegen ihm vielerlei Beobachtungen und Charaktere auf, er lernte viel Zeitverhältuiſſe und Localzuſtände kennen, die er gern feſtgehalten hätte, und ſo erzählte er das lebendige Gemälde eines Romanes, um die aus der Wirklichkeit ge⸗ ſchöpften Motive wiederzuſpiegeln.

Zur Hauptidee unter ihnen wählte er die traurige Er⸗ ſcheinung des Vorurtheils, daß man in Nordamerika ſich niemals entſchließen kann, einem Menſchen von dunkler, gefärbter Haut Gerechtigkeit oder gar Achtung widerfahren zu laſſen. Die Schickſale und Verfolgungen eines ſoge⸗ nannten Halbindianers(in der Nankeeſprache Halfbreed ge⸗ mannt), der von einem reichen Weißen und einer Indiane⸗ rin abſtammt und von der Frau und den Verwaudten ſeines Vaters aus dem Wege geräumt werden ſoll, bilden den Kern der vorliegenden Erzählung.

Ohne Frage ſieht man vielen Materialien, die der Autor in ſeiner Darſtellung verwandt hat, an, daß ſie mit Wahrheitstreue aus der Wirklichkeit entnommen ſind. Ebenſo tragen die Local⸗ und Naturſchilderungen das Co⸗ lorit des Lebens an ſich, und die handelnden Menſchen ſind ihrem Gattungsbegriffe nach gewiß frappant genug geſchil⸗ dert. Kurz, man ſieht überall deu literariſchen Maler, der nicht aus der Illuſion ſchafft, ſondern das Terrain kennt, das er wiederzugeben beabſichtigt. Sein Pinſel iſt auch nicht ungeübt und hat die Fähigkeit, in großen Zügen zu arbeiten.

Das ſind Alles ganz vortreffliche Eigenſchaften, die dem Werke auf alle Fälle zu Gute kommen müſſen. Sie thun es auch, denn der Geſammteindruck würde ein viel ge⸗ ringerer ſein, wenn der Autor ohne ſo kräftiges Handwerks⸗ zeug wie ſo viele andere moderne Schriftſteller mit keiner andern Hülfe, als der einer lebhaften Phantaſie ins Blaue hinein geſchrieben hätte.

Trotz all' dieſer guten Hülfe kann ein Autor doch damit im Gebiete des Romans nicht unbedingt ſiegreich ſein, wenn ihm eben das ſpecifiſche Talent für den Roman ſelbſt zu mangeln ſcheint.

Uovellen-Zeitung.

(VIII. Jahrg.

nur locker zuſammenhängende oder gar auseinander fallende Tableaux zu ſchreiben. Das geſchloſſene, organiſche Wach⸗ ſen des Romans in ſeiner echten Kunſtform, die Hand⸗ lungen zeigt, welche durch individuelle Charaktere motivirt werden, und durch den Verlauf dieſer Handlungen wieder eine poetiſche Geſanmitidee verwirklicht, dieſes Reſultat wird einem derartigen Autor nicht von ſeiner Muſe ge⸗ ſchenkt werden.

In der That haben wir es auch imHalbindiauer mit einem ſolchen Fall zu thun. Es iſt eine zerfließende, im Einzelnen anſprechende Farbenſkizze, welcher die Com⸗ peſition fehlt und welche mit abeuteuerlichem Accent in die Rubrik der amerikaniſchenStofflichkeitsromane vom weißen Mann und ſeinem Feuerwaſſer materiell hinein⸗ ſchlägt. Die fruchtbaren Dichter ſollten die Frage ernſter nehmen, ob ſie ſich mehr der Leihbibliothek oder den Leſern von Geſchmack empfehlen wollen. 2

Einen ungeheuern Gegenſatz zu dieſer Geſchichte liefern dieGenrebilder aus dem deutſch⸗amerikaniſchen Leben von Ruppius.

Sie wiſſen, mit welcher Freude und Erwärmung ich über deſſelben Autors Erſtlingswerke,der Pedlar und das Vermächtniß des Pedlars, zu Ihnen reden mußte; Sie erinnern ſich aber auch der Abkühlung, welche dieſer Freude folgte, als Otto Ruppius inGeiſt und Talent undder Prairieteufel die alten Farben ohne neue Schöpfungskraft von Linien und Formen wiederholte und mit der Drohung, manierirt zu werden erſchreckte.

Durch die vorliegenden kleinen Erzählungen hat der augenehme Dichter nun alle die ſchönen Empfindungen und frohen Ueberraſchungen wieder rege gemacht, welche durch ſeine erſten beiden Romane in jedem gebildeten Leſer erwachen mußten.

Die ganze glänzende Armuth unſerer ausgedroſchenen Novellenliteratur iſt ihm Dank ſchuldig, die moderne deutſche Schriftſtellerehre einmal wieder dadurch auf eine Zeitlang gerettet zu haben, daß er die Fähigkeit bewieſen hat, in kürzeſter Form naturwahre Lebensbilder von an⸗ muthiger Auffaſſung und individueller Charakterzeichnung zu ſchaffen.

Anſpruchsloſe Leichtigkeit, ungeſuchter Humor( ein Lob, das ſchwer wiegt, denn faſt aller moderne Humor iſt beinahe ſo gequält als mancher berühmte engliſche) und reines Vollgefühl für die Berechtigungen des Menſchen⸗ herzen reichen ſich in dieſen Erzählungen die Hand.

Jeder Hintergrund von Volk, Sitte und landſchaft⸗ licher Perſpective iſt lebenswahr, und vor Allem ſind die weiblichen Geſtalten perſönlich und pſychologiſch mit jenem Reiz der Natürlichkeit und Einfachheit gezeichnet, welcher ſich beim Leſer als eine geſunde Wirklichkeit geltend macht. Er dankt dem Himmel, bei dieſem willkommenen Büchlein auf einige Stunden von den verſchrobenen Geſprächen, Sentimentalitäten und Emancipationen befreit zu ſein, welche im Salon des modernen Romanes aus dem Munde der Damen hervorgehn. Dabei iſt die Handlung friſch

Er wird dann darauf ange⸗ und intereſſant, und mau lernt amerikaniſche Zuſtände ken⸗ wieſen ſein, farbenreiche, vielleicht ſehr lebendige, aber doch nen, die beſonders für den Deutſchen wiſſenswürdig ſind.

Redigirt unter Berantwortlichkeit von Alphons Dürr in Leipzig. Verlag von Alphons Dürr in Leipzig. Druck von Gieſeckt& Hevrient in Leipzig.

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