——
—
828 Novellen⸗3 „Wozu dieſes Schauſpiel?“ fragte der von Eiferſucht verblendete Emil.„Führen Sie die Dame, Herr Dorner; ſie wird wohl auf Ihren Beiſtand gerechnet haben.“ „Mein Beiſtand ſcheint überflüſſig, wenn zwei ange⸗ traute Gatten vorhanden ſind.“ „Elender!“ rief der Bettler, der beſtürzt aus ſeinen Träumen erwacht war.
„Sie ſehen, Herr Bernhard Hagen, deſſen Tod die Aſſecuranz Ihnen bezahlt hat, keynt ſeine Pflicht. Schade, daß er kein beſſeres Coſtüm gewählt hat. In der Nacht des verfloſſenen Sonnabends nahm er ſich beſſer aus.“
Emil war ſeiner Sinne kaum noch mächtig; er ſtarrte mit weit aufgeviſſenen Augen den grauen Mann an, deſſen ſeltſamer Erſcheinung in den Promenaden der Stadt er ſich nun erinnerte.
Der Bettler hatte mit unbeſchreiblichen Blicken die bleiche, zitternde Frau angeſehen. Plötzlich hob er ſein Haupt empor.
„Herr Haiden,“ ſagte er feſt,„ich bin der beklagens⸗ werthe Bernhard Hagen, ich bin der Mann, deſſen Tod man bezahlt hat— meſſen Sie Ihrer Gattin, die am ſchwerſten vom Schickſale betroffen iſt, keine Schuld bei, ſie iſt Ihnen in treuer Liebe und Achtung ergeben. Wenn ſie mir eine Unterredung geſtattete, ſo leitete ſie dabei die Beſorgniß um Ihre Ruhe. Die Bosheit Dorner's hat mich zum Mittel gewählt, Ihr Glück zu zerſtören— aber ich kenne meine Pflicht. Capitain,“ wandte er ſich zu dem Führer des Schiffs, der näher getreten war,„Capitain, nehmen Sie mein Taſchenbuch. Der Inhalt deſſelben wird Ihnen ſagen, was Sie damit thun ſollen. Antonie, ich weiß, daß Du Emil mehr liebſt, als Bernhard, der zu feig war, mit Dir durch das Leben zu gehen. Halten Sie Ihre Gattin werth, Herr Haiden! Niemand, ſelbſt das Geſetz nicht, wird ſie Ihnen ſtreitig machen.“
Er trat zurück und verſchwand zwiſchen den Paſſa⸗ gieren, die auf und ab gingen.
eitung.[V. Jahrg.
Noch ſtand die Gruppe der Zurückgebliebenen beſtürzt da, als die Stimme eines Matroſen rief:
„Ein Menſch im Meere! zu Hülfe!“
Antonie brach zuſammen.
Auf dem Hintertheile des Schiffs liefen die Matroſen zuſammen. Man ſah einen grauen Körper in der Furche ſchwimmen, die der Kiel des Schiffs in der leuchtenden Fluth zog. Einmal tauchte er noch auf— dann ver⸗ ſchwand er für immer. Rettung war unmöglich.
Man brachte die ohnmächtige Antonie in die Kajüte. Der Dampfer ſetzte ſeinen Weg ruhig fort und erreichte einige Stunden ſpäter die Inſel.—
Im Anfange des September treffen wir alle uns be⸗
kannten Perſonen, mit Ausnahme Dorner's, im Hauſe des
Banquiers Roland. Ortelli und Agnes hatten die Stadt nicht verlaſſen. Man feierte ſtill die Verlobung Eduard's mit Agnes. Es war dies das Ergebniß einer Unter⸗ redung, die Ortelli mit dem Banquier gehabt, einer Unter⸗ redung, die zwiſchen den beiden Männern Geheimniß geblieben. Agnes' Mitgift beſtand aus einem Vermögen von achtzigtauſend Dollars, die der graue Mann am Abend vor ſeiner Abreiſe in guten Papieren Herrn Ortelli über⸗ liefert hatte. Die ganze Familie blieb in B. Emil Hai⸗ den, der nun volle Aufklärung erhalten, zeigte kein Miß⸗ trauen mehr, und Antonie verzieh ihm gerne die Kränkung, die er ihr aus Eiferſucht zugefügt. Beide betrauerten den unglücklichen Bernhard, dem ſie trotz ſeiner Verirrun ihre Achtung nicht verſagen konnten.
Noch jetzt ſieht man jeden Nachmittag einen alten Herrn in dem Café turc; er ſitzt allein, wie ſonſt und lieſ't Zeitungen. Es iſt Herr Ortelli, deſſe Lebenstage durch das Glück ſeiner Kinder und En 1 heitert werden.
ſo daß er ſein Mahl zu gehöriger Zeit einnehmen kann, während er mit den ihm zutommenden Formen und Ceremonieen bis an ſeinen Beſtimmungsort escortirt wird. Es ereignet ſich öfters, daß ein junger Mann von 22 bis 23 Jahren, der bei den Prü⸗ fungen einen hohen Rang erlangt hat, Männer zu prüfen hat, die bereits 40 bis 50 Jahr auf ihre Studien verwandt haben. Die CEhrerbietung, die dem bewieſen wird, der bei den Prüfungen ſich einen hohen Rang erworben hat, überſteigt allen Glauben. Nicht bloß ſeine Verwandten oder die Einwohner ſeines Geburtsorts, ſondern ganze Provinzen vereinigen ſich, um den Erfolg eines Studenten zu feiern. Es gibt in China drei Grade der wiſſen⸗ ſchaftlichen Prüfung und der Doctorgrade. Aus dem Doctor⸗ collegium, Hanlin genannt, d. h.„ein Wald von Schreibma⸗ terialien,“ werden beinah alle Gouverneure und höchſten Beamten gewählt, nur die Militärbehörden ausgenommen, die nach ihrer
Geſchicklichkeit in kriegeriſchen Uebungen und Beweiſen ihrer Stärke gewählt werden. Vor nicht langer Zeit erhielt in Ningpo ein junger Mann, der in einer geringen Straße lebte und ſich von einem ſehr beſcheidnen Geſchäft nährte, die höchſte Ehre, welche der Staat ihm übertragen konnte, er wurde nämlich zum Haupt des Dockorcollegiums in Peking ernannt. Ein ſolches Ereigniß war etwas ganz Unerhörtes und die Folge davon war, daß der ganze Adel und die ſehr reichen Leute, jede reiche und achtbare Perſon das geringe Haus des armen Mannes beſuchte; Gaben jeder Art wurden ſeinen Eltern und deren Eltern gebracht und der ganze Diſtrict war vor Freude außer ſich. Könnten die Chi⸗ neſen ſich entſchließen, ſich die europäiſchen Wiſſenſchaften, Fort⸗ Lchritte und Verbeſſerungen anzueignen, ſo würden ſie die größte
Aion ſein, wie China geographiſch nach Rußland das größte Schiffe voll von Leichnamen in Särgen ankommen,
Reich der Erde iſt. Der Widerſtand gegen jede Verbeſſerung und Neuerung iſt übrigens ſo groß, daß wenig Hoffnung dazu vor⸗ handen iſt. Sir J. Bowring fand in China bloß die Feuerſpritze, die ſie von den Europäern angenommen hatten. Was die Ge⸗ ſchütze in den meiſten Feſtungen betrifft, ſo iſt es nach Sir J. Bowring ſicherer vor der Mündung als hinter dem Geſchütz zu ſtehen. Die Muskete trägt noch jetzt ein Mann auf der Schulter, während ein anderer mit der Lunte ſie abfeuert. Vor nicht langer Zeit wünſchte der chineſiſche Kaiſer Schießgewehre der Barbaren zu ſehen, von denen er viel gehört hatte, und in Folge deſſen wurden einige Pereuſſionsgewehre mit Zündhütchen nach Peking geſchickt. Nachdem der Kaiſer ſie angeſehen hatte, ſagte er:„Ich kann nicht weiſer ſein wollen, als meine Vorfah⸗ ren“, und die Gewehre wurden ſofort bei Seite geſchafft. Schließlich zollte Sir J. Bowringeinigen andern Eigenſchaften der Chineſen großes Lob. So ſei die Arbeitsliebe derſett iel größer, als man ſie im Allgemeinen in Europa und namemen England finde. Der Chineſe arbeite täglich 16 Stunden und ze⸗ glücklich dabei, wenn er damit nur etwas zu verdienen im Stande ſei. Mit dem Wanſche, Geld zu verdienen, ſei dann zugleich eine ſtrenge Sparſamkeit und Mäßigkeit verbunden. Sir J. Bowring erinnert ſich kaum, während ſeines vieljährigen Aufent⸗ halts in China einen betrunkenen Chineſen geſehen zu haben. Zuletzt beſitzt der Chineſe eine ſehr große Vaterlandsliebe. Sicher verlaſſe kein Einziger ſein Vaterland, der nicht den feſten Vorſatz habe, wieder in daſſelbe zurückzukehren; in vielen Fällen geſchehe das freilich erſt nach dem erfolgten Tode, um wenigſtens an der Seite ſeiner Vorfahren zu ruhen. Sir J. Bowring ſah ganze ein Beweis
—


