Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
674
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674 Noveſfen= Meitung.[V. Jahrg.

ALBIIM.

9en

Friedrich Bodenſtedt.

Lieder und Sprüche. gaſel.

Ich konnte mit Euch ſpielen Durch Deinen Brief, mein liebes Kind, Und ſcherzen wie im Glüch: War Alles ſtündlich abgemacht-

Die heißen Thränen fielen Doch wär' es doppelt ſo geſchwind

Mir in das Herz zurück! Und beſſer mündlich abgemacht!

Da glüht es oft und brannte Gar leicht ein Brieflein ſich verirrt, In wilder, heißer Pein, Und kommt in falſche Hände leicht Und Keiner, der mich kannte, V Alſo das Heiligſte leicht wird

Sah mir ins Herz hinein Ganz falſch und ſündlich abgemacht.

Doch Mund auf Mund und Kuß auf Kuß: Das kommt ſtets auf den rechten Fleck Geht nichts verloren, irrt kein Fuß,

Wird Alles gründlich abgemacht!

Schafft frohe Jugend Euren Kindern,

Des Lebens Heimſuchung zu lindern! Wer jung ſchon viel erfahren Gutes, 1 Trägt auch das Schlimme leichtern Muthes; Er weiß, es gibt ein Glück auf Erden, Und was einſt war, kann wieder werden: Erinnerung an Schönes nährt Die Hoffnung, die den Schmerz verklärt.

Oft ſinn' ich hin und wieder.

Oft ſinn' ich hin und wieder: Was treibt mich zu ihr hin?

Zur rechten Zeit erfaſſen, Sind's ihre ſüßen Lieder,

Zur rechten Zeit verlaſſen Oder iſts ihr froher Sinn? Der Stunde Glück und Gunſt 7

Zur rechten Zeit erfaſſen, Was hält mich ſo gefangen,

Zur rechten Zeit verlaſſen Wenn ihre Stimme ſchallt? Iſt eine ſchwere Kunſt! Iſt's unbewußt Verlangen,

Iſts ihres Augs Gewalt?

's iſt nicht der Wuchs, der ſchöne, Und nicht des Auges Strahl, Auch nicht die ſüßen Töne:

*s iſt Alles allzumal!

Mir träumte einſt ein ſchöner Craum.

Mit träumte einſt ein ſchöner Traum: Mich liebte eine blonde Maid; Gs war im grünen Waldesraum,.

Es war zur warmen Frühlingszeit: 1 4 zur warmer S g8ze O, ſich die Perlen auf der Schnur.

Die Knospe ſprang, der Waldbach ſchwoll,

Fern aus dem Dorfe ſcholl Geläut Wir waren ganzer Wonne voll, Verſunken ganz in Seligleit.

Und ſchöner noch, als einſt im Traum, Begab es ſich in Wirklichkeit,

Es war im grünen Waldesraum,

Es war zur warmen Frühlingszeit:

Der Waldbach ſchwoll, die Knospe ſprang, Geläut erſcholl vom Dorfe heu

Ich hielt Dich feſt, ich hielt Dich lang Und laſſe Dich nun nimmermehr!

O, frühlingsgrüner Waldesraum!

Du lebſt in mir durch alle Zeit

Dort ward die Wirklichkeit zum Traum, Dort ward der Traum zur Wirklichkeit!

Gedlichte von Friedrich Bodenſtedt. Zweiter Band.

O, ſieh die Perlen auf der Schnur, In lichtem funkelndem Geſtrahl⸗ Zerreiß das ſeidne Fädchen nur: Die Perlen fallen allzumal!

Du ſiehſt ſie fallen, ſuche nur Und ſammle ſie mit emſger Hand Zerriſſen iſt die ſeidne Schnur Die alle ſchön zuſammenband.

Und was in meinen Lledern klingt, Und meine ganze Herzenswelt:

Du biſt's, um die ſich Alles ſchlingt, Die Alles ſchön zuſammenhält.

O halte feſt, zerreiße nicht!

Die Perlen fallen mit der Schnur Und nur durch Dich lebt mein Gedicht, Und auch durch Dich ich ſelber nur!

Werlin, 1859. Verlag der Köntgl. Geh. Ober⸗Hofbuchdruckeret(R. Decker).

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