Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
415
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ſan dem der Dichtung haben mußte. n bald ein Stoff von ſo gigantiſchem Maße, daß es

Drei Jahre von Dreißigen. Ein Roman von Ludwig Rellſtab. Fünf Bände. Erſter und zwei⸗ ſer Halbband. Leipzig, F. A. Brockhaus. 1858.

Ludwig Rellſtab iſt ſchon einmal, vor nunmehr zwan⸗ ſig Jahren, mit einem mehrbändigen Romane vor das Publicum getreten; ſein patriotiſches Buch1812 hat ich bis jetzt die Theilnahme des Publicums erhalten und bereits eine vierte Auflage erlebt. In vorliegendem neuen Werke macht er Deutſchlands dreißigjährigen ver⸗

heerenden Religionskrieg zum Gegenſtande der poetiſchen

Darſtellung. Wir laſſen hier folgen, was er in der Vor⸗ tede ſelbſt über das Verhältniß des Autors zu ſeinem Ge⸗ gerſtande ſagt:

Gleich einem Entdeckungsreiſenden war der Autor nit der beſtimmten Vorſtellung erfüllt, ein Ziel, das er jemnſeit, hinter undurchforſchten Meeren, Stürmen und Hemmniſſen beſtimmt vorhanden wußte, zu erreichen. Welche Bahnen er einzuſchlagen habe, um es zu gewinnen, darauf mußte er jetzt ſein Auge mit Schärfe richten. Er wußte zuvor, daß er unabſehbare Odyſſeusfahrten machen werde; aber die Hoffnung, endlich doch die Goldküſte ſei⸗ ger Beſtrebungen zu gewinnen, erhielt dieſe friſch und überwog die Furcht völlig zu ſcheitern.

Es mußte indeſſen der erſte Meißel an den koloſſalen hellsblock des Stoffs geſetzt werden, um ihn aus der Form⸗ ofigkeit der Maſſe zur Geſtaltung abzugrenzen, wenn auch unffänglich in noch ſo rohen Umriſſen.

Ich überſchaute den Krieg zuvörderſt in dem großen hange ſeiner Entwickelungen, vom Entſtehen bis zum Amsgang, und ſuchte daraus die nothwendigen Abſchnitte für die Arbeit zu beſtimmen. Ich faßte die Hauptträger der Zeit ins Auge, um die wichtigſten Geſtalten für den

Lordergrund meines Gemäldes herauszuheben und gegen⸗

dinander zu gruppiren. Nachdem ich die größten Wende⸗ zumkte der Thatſachen, an die ſich die Erfindung knüpfen ollte, ausgewählt, füllte ich die Zwiſchenräume mit den mabweislichen Verbindungsereigniſſen und verſuchte die Frrührungspunkte feſtzuſtellen, die der geſchichtliche Gang Daraus aber ergab

umnöglich wurde ihn in den Rahmen eines Bildes zu faſſen. Wie ich auch immer neu das Ganze vor mich ſinſtellte, die Abtheilungen anders wählte, die Einſchnitte oichſeln ließ: jedes Beſtreben aus der Ueberfülle der un⸗ utrveisbaren Stoffmaſſe angemeſſene organiſche Geſtaltung

uung der geſchichtlichen Thatſachen mit den künſtleriſchen Furmen herzuſtellen. Die ungeheure Fluth der welt⸗ zeſchichtlichen Ereigniſſe ſprengte jeden Damm, jede thranke, durch die ich ſie beherrſchen und mir unter⸗ vurfen wollte. Einzelne Abſchnitte zwar boten ſich mit wirkungsvollſter Fügſamkeit dar; allein ich konnte mich nicht entſchließen noch ſo ausgiebigen Theilen das Ganze opfern. Selbſt die Anzahl derjenigen hervorragenden Coaraktere, die als die Führer der Zeit und ihrer gewal⸗ tisen Geſchichte hintreten und die durchaus nicht unbeach⸗ te bleiben durften, wuchs, trotz der ſtrengſten Auswahl,

Ar Literariſche Beſprechungen.

ken der Hoffnung in der Bruſt erſterben läßt. uerzeugen, ſcheiterte; es war unmöglich eine Verſchmel⸗

folge.

ſo an, daß der nothwendigſte Raum zu ihrer Entwia 4 bei weitem den, welchen ich künſtleriſch in Anſpruch n men durfte, überſtieg. So gerieth ich faſt auf den Punkt, meinen Plan als eine Unmöglichkeit für die Ausführung in dem Sinne, wie ich ſie verlangte, aufzugeben. Da bil⸗ dete ſich mir eine andere Ueberzeugung. Nicht mit einem Werke, ſelbſt wenn ich das äußerſte zuläſſige Maß des Um⸗ fangs annahm, aber mit einer Reihe von Arbeiten ließ es ſich erreichen, den Rieſengang der Geſchichte auf ſo langem, furchtbarem Wege zu begleiten. Was im Drama von äl⸗ teſten Zeiten her ſich aus der Uebergewalt des Stoffs als berechtigte künſtleriſche Form herausgebildet hat, die Thei⸗ lung, die Trilogie, oder wie in Shakeſpeare's kühnem Schöpfungsgeiſte die fortlaufende Kette der Dichtungen, von denen jede einzelne organiſch ſelbſtſtändig iſt, und wo doch die Geſammtheit ein Ganzes des innerſten Zuſammen⸗ hanges herſtellt, ſollte dieſe Geſtaltung nicht auch ein voll⸗ gültiges künſtleriſches Recht für den Roman haben?

Mit der Auffaſſung aus dieſem Standpunkte fiel ein leitender Lichtſtrahl in das Chaos vor mir. Es galt jetzt zuvörderſt nur das erſte Glied der Kette zu beſtimmen, das für ſich geſchloſſen beſtehen könne und doch die An⸗ knüpfung an Ferneres zulaſſe. Nach erneuter Prüfung des geſammten geſchichtlichen Stoffes, welche vorzugsweiſe die Aufſuchung der Abſchnitte ins Auge faßte, entſchied ich mich für den, welcher Gegenſtand des vorliegenden Werks geworden.

Drei Jahre von Dreißigen habe ich es genannt, weil es in der That nur die erſten drei Jahre jenes dreißigjährigen Zeitraums umfaßt, der unſer Vaterland durch ganze Provinzen hin in eine Wüſte von Blut und Brandſtätten verwandelte, die Menſchheit zu einem ent⸗ ſetzenvollen Maß der Verwilderung und Verruöchtheit führte, dennoch aber in der Furchtbarkeit ſeiner Schrecken

ſowohl als in der Gewalt der Charaktere, die er erzeugte, ein Element des Erhabenen in ſich trägt, das kaum in ir⸗ gend einem andern Abſchnitte der Weltgeſchichte auf gleicher Höhe erſcheint. Dieſe düſteren Züge ſtempeln mit tief erſchütternder Gewalt ſchon die Anfangsjahre des Kampfes, nur daß die Schrecken der für menſchliche Erduldungskraft endloſen Dauer hier noch nicht zu jener grauenvollen Erſchöpfung geführt haben, die ſpäter wle ein über die Völker hinge⸗ wälzker Bergſturz auf ihnen laſtet und jeden letzten Fun⸗ Nacht dumpfer Verzweiflung ringsum, in der ſelbſt die Wehklage kraftlos hinſtirbt! Dagegen walteten die geiſtigen Mächte, welche die Fackel des Kriegs entzündeten, die Brünſtigkeit des Glaubens in Treue und Dulden, wie die haſſende Vertilgungsgluth ſeines lodernden Eifers in dieſen Jahren des Begiyas noch mit der vollſten Kraft. Sie leihen den Kämpfen einen Schwung der Erhebung, der ſpäter mehr und mehr ſinkt, in Guſtav Adolf's Erſcheinung noch ein⸗ mah mit ſtrahlendem Glanze aufleuchtet, nach ſeinem Falle aher faſt erliſcht in dem erſtickenden Dampfe grauenhafter lammen der Verheerung, die alle Gauen des Vaterlandes unſeli⸗urchraſen.