Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
355
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Martin Alrich.

Eine Erzählung aus der Ober⸗Lauſitz

von

Ernſt Willkomm.

Da ſchlägt's zehn, und das Mädel kommt wieder nicht heim, ſprach der Bergbauer Martin Ulrich, ver⸗ drießlich aufſtehend und den braunen Flaſerkopf ſeiner Ta⸗ bakspfeife auf dem Ofenſimſe ausklopfend.Zweimal ſchon hab' ich ſie verwarnt, ich denk' in Liebe,'s hat aber nicht verſchlagen. Wenn ſie mir nicht im Guten gehor⸗ ſamen will, kann ich auch's Rauche herauskehren und ein ſtrenges Wort mit ihr reden.

Das Mädel iſt jung, verſetzte Eliſabeth, des Bauers Frau, das Predigtbuch, in dem ſie alter Gewohnheit nach geleſen hatte, zuſchlagend und es rückwärts in einen an der Wand angebrachten Schrank ſtellend.Das Heimgehen will nicht ſchmecken, wenn die Andern noch luſtig ſind. Denk' an unſere jungen Tage, Martin! Wir haben uns auch manchen lieben Abend gedreht, bis der Wächter die elfte Stunde rief!

Wir! Das war ein ander Ding! fiel der Bauer haſtig ein.Wir waren dazumal verſprochen.

Da kommt ſie ſchon, ſagte Eliſabeth.Ich hörte das Hofthor zuklappen.

Und ich will ihr gleich guten Abend ſagen.

Martin, mach' keinen unnützen Lärm! bat die Frau, iſn am Arme faſſend.Die Marianne iſt gut, ſie hat was gelernt, und wenn ſie einmal heirathet, ſtellt ſie eine rich⸗ tige Muſterwirthin vor.

Du haſt den Narren an ihr gefreſſen, darum ver⸗ ziehſt Du ſie.

Und Du quälſt ſie mit Deinen Nergeleien und machſt ſt widerſpenſtig.

Weil ich nicht will, daß ſie in ſchlechten Ruf kommen ſoll.

's iſt unſer Kind, unſer einziges! Das verwirft ſich nicht.

Willſt Du's halten? Wie war's denn mit Auguſtin's Parliſe? Die alte Großmutter rührte der Schlag, als ſie

V di Geſchichte erfuhr, und der Vater ſchämt ſich heute noch, doft eine junge Braut am Gerichtsſtande ihm offen ins heſicht ſieht. Er war Gerichtsmann, ich bin bloß Bauer!

Dritte Folge.

Das Geſpräch wäre zwiſchen den beiden Ehegatten wohl noch eine Zeit lang fortgeführt worden, hätten ſich nicht leichte Tritte auf der hart geſchlagenen Lehmdiele hören laſſen. Gleich darauf trat die Tochter des Hauſes, ein ſchlankes Mädchen von höchſtens achtzehn Jahren, in bäuer⸗ licher Sonntagstracht, in das Stübchen der Eltern. Ma⸗ rianne ſah heiter und glücklich aus. Die von Freude und Jugendfriſche gerötheten Wangen ſtanden ihr allerliebſt. Große braune Augen lachten ſorglos in die Welt hinein, und indem ſie zutraulich dem am Ofen lehnenden Vater die ſchwielige Hand reichte, ſprach ſie herzlich:

Guten Abend, Vater! Meinen Kammerſchlüſſel!

Hm!l biſt müde? brummte Martin ſehr unfreundlich.

Ein klein Biſſel. Ich bin aber auch nicht vom Platze gekommen.

Mir wär's ſchon lieber, Du hätt'ſt ihn gar nicht mit Augen geſehen! Ihr ſeid itzund zu wild, und Euer Springen mag der Böſe Tanz nennen, mir iſt's ein Greuel!

O habt Euch nicht, Vater!'s iſt nun juſt die Mode ſo.

Schlechte Mode!

Kann ich ſie ändern?

O behüte, aber's Mitmachen iſt überflüſſig.

Thun ſie's nicht Alle? Wollt Ihr, daß ich der Groß⸗ mutter Faltenrock anziehen und eine Pelzmütze aufſetzen ſoll? Alle Leute würden mit Fingern auf mich weiſen und die Burſchen mich auslachen, daß ich mich in die Erde ver⸗ kriechen möchte.

Mit wem biſt Du heimgegangen? forſchte die Mut ter, während der Vater die Wanduhr aufzog und den Wecker auf Drei ſtellte.

Marianne nannte die Namen von vier oder fünf Ge⸗ ſpielinnen, die alle in der Nachbarſchaft wohnten. Martin kehrte ſich raſch um und ſah die Tochter ſcharf an.

Sonſt Niemand? fragte er barſch.

Ja doch, Vater, erwiderte Marianne. nur nicht ſo an! Die Burſchen waren auch dabei. haben uns das Geleit gegeben bis übers Wehr.

O, wie klug das Volk iſt! gab Nartin bitter lachend zur Antwort.Beim Rauſchen des Wehres ſteht ein Wort frei, und wenn ein dreiſter Kerl fix ein Mädel beim Kopfe kriegt und ſchmatzt es ab, und das dralle Ding unterfängt ſich zu ſchrein, ſo hören's höchſtens die Krebſe in den Reuſen und die Finken in den Erlen.

Es iſt nichts Unrechtes paſſirt unterwegs, Vater, verſetzte die innerlich von des Vaters Argwohn verletzte Tochter ſchmollend.Gebt mir den Kammerſchlüſſel, daß ich morgen bei Zeiten an die Arbeit gehen kann.

Fahrt mich Sie

A