Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
373
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TV.

Nahr

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[Nr. 24.]

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Martin Alrich.

Eine Erzählung aus der Ober⸗Lauſitz.

Ernſt Willkomm.

(Fortſetzung.) 8 4.

Martin Ulrich hatte forwährend ein ſcharfes Auge auf Marianne, obwohl er dies ſehr geſchickt zu verbergen wußte.

(Es ſchien aber, als habe ſeine Drohung gefruchtet. Das

Mädchen hielt ſich überaus brav. Sie hing weder den

Ropf, noch begann ſie zu kränkeln. Martin wollte es viel⸗ VUnnehr ſcheinen, als trete ihm die Tochter jetzt viel freier ent⸗ gegen wie ſeit Wochen. Heimliche Zuſammenkünfte mit vem Sohne des Nachbars konnte ſie auch nicht haben, weil er ihr auf Schritt und Tritt auflauerte und ebenſo den ungen Burſchen nie aus den Augen ließ. Chriſtfried trug vie Miene eines Eingeſchüchterten zur Schau, der einer Begegnung mit dem Bäuer, wo er wußte und konnte, ge⸗ liſſentlich auswich.

Die nächſte ländliche Zuſammenkunft der Burſchen und Mädchen, der Martin nicht ganz gleichgültig entgegen ſah, mußte den Ausſchlag geben. Bei dieſer war es unmöglich ſin Geſpräch der beiden jungen Leute zu verhindern. Tra⸗ ſon und ſprachen ſich aber Chriſtfried und Marianne, ſo ſonnte die ſchon halb beſeitigte Gefahr in neuer Geſtalt fuftreten.

Zu Martins Verwunderung jedoch begehrte ſeine Toch⸗

Geer gar nicht Theil zu nehmen an dem üblichen Tanzver⸗ mügen im Kretſcham. Frau Eliſabeth wußte ſich dieſe Entſagung des muntern, lebensfrohen Mädchens nicht zu ſuten und fragte wiederholt Martin mit Blicken, die dieſer durch ſtummes Lächeln und einen Ausdruck hoher Selbſt⸗ ſenügſamkeit in ſeinen Mienen beantwortete.

Marianne blieb ruhig daheim, ſie putzte ſich nicht ein⸗ mwal wie ſonſt an Sonntags⸗Nachmittagen, Als es dun⸗ küte, holte ſie unaufgefordert das Evangelienbuch aus dem Echranke im Stübchen und fragte den Vater, ob ſie ihm duraus vorleſen ſolle.

Martin nickte ſehr gnädig. In ſeinen klugen Augen nar es zu leſen, daß er ſich fagte:Die habe ich gründlich

anirt! Ich kann ſie mir jetzt um den Finger wickeln oder derch ein Nadelöhr ziehen, nicht mucken wird ſie mehr! V gäbt eine prächtige Hausfrau, und ich denk', ich hab' auch

Dritte foſge.

Kovellen-Zeitung.

ſchon einen für ſſe ausgegattert, nach dem ſie mit allen Fingern greifen wird.

Marianne entging des Vaters triumphirende Miene nicht, aber ſie that als habe ſie kein Auge für dergleichen. Andächtig und ausdrucksvoll las ſie das Evangelium,

deckte dann geräuſchlos den Abendtiſch, war heiter und ge⸗ ſprächig ucs aunene die gleiche wohlthuende Veränderung auch an ihrem Vater. Es ſchien ihr ſogar ganz angenehm zu ſein, als Martin darauf beſtand, ſie ſolle ſich zeitig zur Ruhe begeben.

Ein rechter Bauer geht mit den Hühnern zu Bett und ſteht mit ihnen wieder auf, ſagte er ſcherzend,nur das Fabrikantenvolk und die Stadtleute machen's umgekehrt, wie ſie's denn überhaupt und von jeher mit der verkehrten Welt gehalten haben.

Mehr aus Gewohnheit als aus Argwohn pflegte Mar⸗ tin Ulrich vor Schlafengehen beide Thüren des Hauſes eigenhändig mit ſogenannten Einlegeriegeln, deren eines Ende in ein Mauerloch verſenkt wird, das andere in einer eiſernen Klammer ruht, von innen zu ſperren. Verſchloſ⸗ ſen wurden die Thüren nur ausnahmsweiſe, denn der ſehr

zehn

V

ſtarke Riegel machte ein Eindringen von außen ohne Ang

wendung großer Kraft völlig unmöglich.

Auch heute legte der vorſichtige Bauer beide Riegel ei⸗ genhändig vor die Thüre, warf dann noch einen Blick in den Pferdeſtall, wo ſämmtliche Knechte neben der Siede⸗ kammer) ſchliefen, und ſtieg befriedigt in die obere Etage hinauf, wohin Frau Eliſabeth und Marianne ihm ſchon vorausgegangen waren. Die Eltern hatten eine Kammer für ſich allein; dieſer gegenüber an der andern Seite der breiten, das ganze Haus in zwei Hälften ſcheidenden Diele, Vorbühne genannt, ſchlief die Tochter. g

Martin Ulrich erfreute ſich eines geſunden Schlafes. Heute aber ſollte er an baldigem Einſchlafen verhindert werden. Frau Eliſabeth nämlich begann ihren Gatten, was nur in ganz außerordentlichen Fällen vorkam, gewiſ ſermaßen zur Rede zu ſetzen. Es wollte ihr gar nicht ge fallen, daß die Tochter ſo duckmäuſerlich daheim geblieben war, während alle andern jungen Burſchen und Mädchen ſich im Kretſcham luſtig machten. Das tauge nicht, be hauptete die Frau, mache vor der Zeit alt und verurſache ein heuchleriſches Weſen. Junge Mädchen wollten tanzen und lachen das liege einmal ſo in der Natur, und wenn man ihnen das verwehre, ſo würden ſie tückiſch, was niemals Segen bringe und ſich am allerübelſten in der Ghe geſtalte.

Martin liebte es nicht kurz vor dem Einſchlafen noch

*) Häckſelkammer