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Literariſche Beſprechungen.
Gedichte von Adolf Schults.— Dritte vermehrte AUuflage.— Iſerlohn, Julius Bädeker. 1857.
Die Elberfelder Zeitung vom 3. April dieſes Jahres öffnet ihr Feuilleton mit einem Nekrologe:
„Am zweiten April. Elberfeld hat einen höchſt ſchwe⸗ tan Verluſt zu beklagen. Heute, in der Frühſtunde, ſtarb V
dieſes Dichters. Dieſe Einfachheit äußert ſich nicht ſowohl
i*ſt die Originalität ſeines Geſanges nicht zu finden; er be⸗
ſingt den Frühling, die Liebe, die Natur, wie tauſend und tauſend Dichter ſie beſungen haben; aber gerade die Ab⸗
weſenheit aller Sucht nach Originalität, der Mangel aller Prätenſion oder Geſpreiztheit iſt der originale Vorzug
in der melodiſchen Diction des Liedes, als vielmehr in der
12 juch langem Siechthum der Dichter Adolf Schults. Klarheit und Natürlichkeit bildlicher Vergleiche. Wenn es 1„In ihm iſt uns ein Talent entriſſen, was in ſeiner daher die Reflexion iſt, die in ſeinen Gedichten vorwiegt, 3 Unt zu den bedeutendſten gehörte, welche die deutſche Lite⸗ ſo iſt dieſe Reflexion doch von ſo richtigem Takte geleitet, t bekränzt irtur beſitzt. Wir haben keinen Dichter, der die Poeſie von ſo feinem Gefühle geſchärft, daß die Bedingungen echt ſa des Hauſes ſo tief erfaßt hätte, wie Schults, und die Freu⸗ poetiſcher Intuition kaum in den ſeltenſten Fällen ihr ab⸗ gaſſer! ſen des häuslichen Heerdes mit ſolcher Innigkeit und gehen. Die bildlich darſtellende Handlung, in die die dar⸗
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anr der Zeit aufgerieben. Man ſagt oft, das Talent wachſe
nar in Allem Muſter, ein liebender Gatte, ein ſorgſamer
ollcher Wärme des Gefühls ausgeſprochen. Viele ſeiner whin gehörigen Gedichte, namentlich in„Haus und Welt“ ind im„Harfner am Heerde“ ſtehen geradezu einzig da. „Wir ſehen, was er geworden iſt, und wir fühlen, was tr hätte werden können, wenn das Glück, das gewohnt iſt m tauſend Unwürdige ſeine Schätze mit vollen Händen zu erſchleudern, ihm nur ſo viel gewährt hätte, um ſich frei atfalten zu können. Aber die Arbeit des Tages mußte für ſu und die Seinigen das Brod erringen; ihm ſelbſt gehör⸗ in nur die wenigen Abendſtunden und die Stunden der lacht. Körperlich und geiſtig müde und abgeſpannt, den⸗ oih ſchuf er da ſeine Lieder voll Duft und Friſche, und ſine epiſchen Dichtungen, den„Luther“, den„Servet“ und den„Ludwig Capet.“— Dieſe ſtillen Stunden des Schaffens, es waren die Sonnenpunkte in ſeinem Leben; ſuſſt hat es nur ſelten ein freundlicher Strahl erhellt, wohl bber war es reich an geſcheiterten Hoffnungen, zerſtörten Plänen, an Jahren voll herben Kummers! Das hat ihn
unter dem Drucke; wo aber der Druck zu ſtark wird, da elt es zu Grunde, und Schults iſt mitten in ſeiner Ent⸗ aikelung zu Grunde gegangen. Ein Dichtergemüth, wie es im Buſen trug, mußte zuletzt unter den anſtürmen⸗ de Sorgen, wirklichen und eingebildeten, erliegen.
„Mit Schults ſtarb einer der edelſten Menſchen. Er Larer, ein aufrichtiger Freund,— überall ganz offen, wahr V und ohne Falſch! Was ſeine Familie und ſeine Freunde an in verlieren, das iſt ſo hart und ſchwer, daß es gar nicht aeſagen iſt!“
So weit das genannte Blatt. Wir, die wir zu dem
Un. eſchiedenen Dichter in keiner Beziehung geſtanden, thei⸗ Un dieſen Nachruf aus befreundeter Feder hier mit, um 2n Anzeige der oben bezeichneten Gedichte daran zu Süwfen, die zugleich mit der Nachricht von des Verfaſſers ahde uns zugekommen ſind. Abgeſehen von Einblicken in ſüin Epen, ſind uns die Poeſien dieſes Dichters bisher faſt un dem Namen nach bekannt geweſen. Wir thun hier den Aik in eine Sammlung geiſtiger und gemüthlicher Schätze, din denen wir mit aufrichtigſtem Urtheile ſagen können, ſie
zuſtellende gekleidet wird, iſt meiſt von einer ſolchen An— ſchaulichkeit und Anmuth, daß ſie nicht nur durch die Mannig⸗ faltigkeit der übereinſtimmenden Punkte, ſondern vornehm⸗ lich durch die eigene Innigkeit und Lebendigkeit entzückt. Es gilt dies faſt von ſämmtlichen Mittheilungen des Ab⸗ ſchnittes„Frühlingsfeier,“ unter denen wir namentlich den lieblichen Vergleich zwiſchen„Lenz und Erde“ hervor⸗ heben müſſen.
Die Erde hat in ſtillem Gram
Viel Monden lang' geſeſſen;
Sie meint, der Lenz, ihr Bräutigam, Hab' ihrer ganz vergeſſen.
Ein graues Winter⸗Trauerkleid Verhüllt die ſchönen Glieder;
So harrt ſie ſtumm in tiefem Leid Und ſchlägt die Augen nieder.
Der Lenz, der flüchtige Geſell, Erblickt ſie aus der Ferne,
Da hüpft er froh herbei gar ſchnell— Er überraſcht ſie gerne.
Und leiſe, daß ſie's nicht gewahr', Iſt er ihr nah getreten,„⸗ Streut Veilchen ihr ins Lockenhaar Aus ſeinen Blumenbeeten.
Auf ihren Nacken drückt er lind
Den Kuß, den duftig warmen;
Da fährt ſie auf, blickt um geſchwind Und— liegt in ſeinen Armen.
Das zweite Buch„Liebeleben“ offenbart die Abwe⸗
ſenheit aller Prätenſion, die wir als Vorzug dieſer Lieder hervorhoben, namentlich auch deshalb, weil der Dichter hier nie ein ihm eigenthümliches Schickſal, ein ganz beſonderes Sängerloos, ſondern allgemeine, echt menſchliche Erlebniſſe ſchildern und verherrlichen will. Wir haben es öffentlich ſchon als eine ſeltſame Sucht moderner Poetaſter bezeich⸗ net, mit dem erſten Verſe, den ſie ſingen, ſich ſogleich ſelbſt als Sänger zu beſingen, als den ſonderbaren närriſchen
Kerl,
der etwas ganz Anderes und viel Ausgezeichneteres wäre als gewöhnliche brave Leute. Anders Adolf Schults.
arſtenten weiter, als fie es wohl ſind, bekannt und aner—
Was er beſingt, iſt die Empfindung nicht des Sängers, aant zu werden. In den Stoffen, die Schults beſingt,
ſondern des Menſchen, der er nur eine gewähltere und in-


