Novellen⸗Zeitung.
(IV.
keine Blume, weiß ſah die Erde aus, wie ich ſie nie ge— ſehen. Wenn ich von dem blauen Himmel, der warmen Sonne und den weißen Marmorſtufen ſprach und immer von Neuem nach meiner Mutter fragte, dann ſchüttelten die Leute, die um uns waren, wie mitleidig den Kopf und redeten auf mich ein in einer Sprache, welche ich nie ge⸗ hört, die mir hart und rauh erklang.— In einer Nacht, da ich mehr wie je nach meiner Mutter ſchrie und weinte, da ſtand der finſtere Mann vor mir, zeigte mir ein blankes Meſſer und drohte mich zu tödten, wenn ich ferner ſolche Narrheiten redete, die nie Wahrheit geweſen, die ich höch⸗ ſtens in der langen, hitzigen Krankheit geträumt hätte.— In dem Todesſchrecken, der mich da packte, verſchwamm alles vor meinen Sinnen, nach und nach zerfloß alles ins Unklare. Als ich endlich geneſen von der Krankheit, in die mich der Schreck, die Todesangſt geſtürzt, da war jede Er⸗ innerung, alles Träumen begraben,— jetzt glaubte ich
ſelbſt, daß ich immer Angela, immer ſo elend geweſen ſei
und in dem Circus hatte tanzen müſſen.— Mir wurde das Denken, das Erinnern ſchwer, es war ſtets als drücke eine ſchwere Hand auf meinen Kopf— nur das blitzende Meſ⸗ ſer, der furchtbare Blick, ſie blieben immer wach in meinem Gedächtniß. Mit der Zeit lernte ich die fremde Sprache verſtehen und reden, aber ich blieb ſtill und verſchüchtert; ich ſprach nur wenn ich antworten mußte, denn mir bangte vor den Menſchen um mich her, ich bebte vor ihnen zurück, weil ſie unſauber und roh waren.— Später wurde es beſ⸗ ſer, wir kamen in andere Umgebung, ich hungerte nicht mehr, wurde nicht mehr ſo hart behandelt, man gab mir hübſche, glänzende Kleider und Bänder, die Zuſchauer war⸗ fen mir Blumen und Süßigkeiten zu, wenn ich tanzte. Zuweilen war es mir, als müßte ich mich auf etwas be⸗ finnen, nach etwas fragen— es blitzte wie ein ſchwaches Leuchten durch meinen Kopf; wenn ich es aber faſſen wollte, da ſchwand es eben ſo ſchnell, wie es aufgeſtiegen.— Jetzt bei dem Rufe war es, als riſſe ein Vorhang, welcher die
Vergangenheit verhüllt, und wie mit einem Zauberſchlage trat alles klar in mein Gedächtniß zurück.“
Zum erſten Male richtete Anna, die bis jetzt neben dem Bilde geſtanden, ihre Augen auf daſſelbe.„Das iſt meine Mutter, ſo ſah ſie aus, nur noch ſchöner.— Mutter, liebe Mutter, wo, wo iſt meine Mutter?“ rief ſie, indem ſie verzweiflungsvoll die Hände ausſtreckte, als müſſe in dieſem Augenblick, da ſo viel der Wunder geſchehen, auch ſie her⸗ beikommen, welche die erſten Jahre ihres Lebens zu einem Paradieſe gemacht.
„Droben iſt ſie— aber Dein Vater lebt, Dich zu ſchützen und zu wahren als ſein beſtes Kleinod.“
Und feſt, feſt von ſeinen Armen umſchloſſen, ruhte die todtgeglaubte, wiedergefundene Tochter an dem hochklopfen⸗ den Vaterherzen— und ſo gewaltig iſt die Macht der Na⸗ tur, ſo groß die Sympathie, die beiden Herzen antworte⸗ ten einander, als wären ſie ſtets beiſammen geweſen, und nichts Fremdes, Scheues war zwiſchen ihnen, ſie floſſen zu⸗ ſammen in einen reinen, vollen Jubelklang.
O die Seligkeit dieſer Stunde, vergalt ſie ihm den Schmerz, den er ſtill und ernſt, doch treu und heilig Jahre und Jahre mit ſich umhergetragen?— Wie ſie empor⸗ blühte, die Erinnerung, und mit ihrem Duft, ihrem Roſen⸗ ſchimmer ihn in ihr Zaubernetz zog— wie er, auf die Toch⸗ ter blickend, ſein holdſeliges Weib vor ſich erſtehen ſah, an deren Seite ſich ihm das höchſte Erdenglück erſchloſſen, das er dort in dem ſonnigen Süden, in der herrlichen Villa am Strande des Meeres, vor den lauſchenden Blicken der Späher geborgen! Und dann jener furchtbare Tag, an dem ſeine ganze irdiſche Seligkeit mit einem jähen Schlage ihm entriſſen wurde, wo die, welche er friſch und lebens⸗ voll verlaſſen, in das dunkle Grab verſanken;— als er, herbeigerufen von der tödtlichen Erkrankung ſeiner Theu⸗ ren, aus dem Vaterlande zurück nach Italien eilte und nur noch zu rechter Zeit kam, um den letzten Todesſeufzer von ſeines Weibes Lippen zu küſſen, den letzten unſäglich
Feuilleton.
—rd.
Vom preußiſchen Hofe*).
Von den fürſtlichen Perſönlichkeiten kann ich(1847) nur zwei Frauen nennen, die mir in bedeutſamer Geſtalt vorübergingen. Die erſte war die unvergleichlich„ſchöne“ Prinzeſſin von Preußen, die andere die geiſtvolle Prinzeſſin Albrecht. Die Prinzeſſin von Preußen kannte ich aus Weimar, aber ſie zeigte ſich hier in Berlin anders wie in Weimar. Hier war es die„Fürſtin“, in Weimar die liebenswürdige Privatdame. Noch nie habe ich eine Erſchei⸗ nung geſehen, die in dem Grade Alles in ſich vereinigt, was die Romantik und Würde ihrer Stellung mit ſich bringt, als dieſe Frau. Sie allein iſt's, die an dieſem Hofe weiß, was„repräſen⸗ tiren“ heißt. Es iſt unmöglich ſie zu überſehen. Ihr Erſcheinen im Saal iſt jedesmal ein„Verdunkeln“ der andern darin befind⸗ lichen Fürſtlichkeiten. Wie ſie das anfängt?— das iſt ihr Ge⸗ heimniß. Die Natur hat ihr Vorſchub geleiſtet, aber die Kunſt iſt nicht zurückgeblieben. Und ſo ſoll es auch ſein. Die äußere Er⸗ ſcheinung und Kundgebung thut bei Perſonen dieſer Stellung unendlich viel; es iſt ihnen nicht erlaubt die einfachen und natür⸗
*) Aus Erinnerungsblätter von A. v. Sternberg.— Dritter Theil.— Leipzig, F. A. Brockhaus. 1857.
lichen Formen des Privatlebens anzunehmen. Das Portrait, das
Winterhalter von ihr gemacht, zeigt ſie in ihrer ganzen Eigen⸗ thümlichkeit: ſtolz— graziös— klug. Ihre Toilette iſt immer geſchmackvoll, nie ſchimmernd, und ſie weiß ſtets die Farben zu finden, die zu dem Enſemble ihrer ganzen Erſcheinung paſſen. Die Haltung der Arme, die ſie annimmt, iſt eine ruhige, aber nicht kalte, die Wendungen ihres Kopfes bilden ſchöne Linien mit Hals und Schultern; uderhaupt iſt ihre Büſte von einer antiken Schön⸗ heit. Wem ſie freundlich ſich kundgeben will, deſſen ganzes Inter⸗ eſſe ruft ſie durch ein bezauberndes Lächeln wach, doch fehlen ihr⸗ wenn ſie will, die ſcharfen Worte und die ſcharfen Blicke nicht. Energiſch in ihrem Wollen, weiß ſie ihren Weg ſicher zu verfolgen, wenn ſie auch ſcheinbar klug ausweicht und nachgibt. Wenn die⸗ ſes ſchöne Haupt einſt eine Krone trägt, wird es ſchwer ſein, ſich vor dem Glanze dieſes Diadems zu flüchten, ſeine Strahlen wer⸗ den erwärmend ſelbſt auf die Stirn des finſterſten Fürſtenhaſſers fallen. Die zweite fürſtliche Dame iſt ganz anderer Art; ſie iſt ſeit⸗ dem von dieſem Hofe verſchwunden. Nicht groß, lebendig und beinahe— redſelig, wußte die Prinzeſſin Albrecht raſch ihren Geſprächspartner in eigenthümliche Intereſſen zu ziehen. Sie
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