Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
259
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N. Juhrg. Nr. 17.

Dritte folge.

Novellen-Zeitung.

Salon und Circus.

Novelle

Sophie Verena. (Fortſetzung.)

Eine furchtbare Erſchütterung erfaßte die Seele des Mannes; er bog ſich weiter vor, er blickte auf die Jung⸗ ſtau, als hinge Tod und Leben von dem Blicke ab, er ſtu jirte gleichſam jeden einzelnen Zug, jede Linie ihres Ge⸗ ſchtes er taumelte zurück, dann riß er die Knieende em⸗ vor, und indem er ſie haſtig zu einem Bilde zog, das tief nrſchleiert an der Wand hing, warf er den Vorhang mit kkampfhaft bebender Hand zurück.

Die Aehnlichkeit war überraſchend dieſelben hellen, nichen Locken, die zu den tiefdunklen ſeelenvollen Augen inen ſo ſeltſamen Gegenſatz bildeten, derſelbe Liebreiz war iber Beide ergoſſen. War auch die Lebende weniger ſchön, naren Formen und Farben nicht ſo reich und prächtig wie li dem Bilde war ſie die Blüthenknospe der voll ent⸗ Wilteten Blume gegenüber, die Aehnlichkeit blieb dennoch runderbar. Selbſt der Zufall ſchien ſeine Hand im Spiele ſchabt zu haben, daß ſie durch gleiche Art der Kleidung uch mehr hervortrat. Die Maſſen blonden Haares dräng⸗ in ſich auch zwiſchen dem ſchwarzen Spitzenſchleier hervor, Ur in Form einer ſpaniſchen Mantille loſe um das edle Paupt des Bildes hing. Zitternd ſtand der Prinz, ſein Auge glitt bald von dem Bilde auf das erſchreckte Mäd⸗ der es war eine Aehnlichkeit wie ſie der Zufall nimmer ueiht. Mit einer haſtigen Bewegung ſtrich er ihr weiches Faer zurück da in der linken Schläfe das kleine braune Nal, das um ſo mehr die Friſche der Haut hervorhob und des er ſo oft bei ſeinem holden Weibe, bei ſeinem ſüßen Sude geküßt da wurde es zur Gewißheit, und der Ruf: Lerenza! rang ſich aus der Bruſt des Prinzen, die von dn mächtigſten, widerſtreitendſten Gefühlen durchſtürmt unde.Lorenza! wiederholte er noch einmal, und das Slück, der Schmerz eines ganzen Lebens zitterten in dem Auute; und die Weichheit und Innigkeit, mit welcher der ſume gehaucht wurde, übte eine Zauberkraft auf das ver⸗ tire Mädchen aus. Es ſchien, als beſchwöre der Name d Vergangenheit herauf es war ihr, als riſſen dichte Schleier und längſt entſchwundene Bilder träten gleich eihtblitzen aus dem dunklen Schoß der Vergeſſenheit her⸗ ſot, Sie warf einen wilden, bangen Blick umher, ſie fuhr

mit der Hand nach der Stirn, als müſſe ſie die Gedanken ſammeln, die ſich in Haſt und Unklarheit überſtürzten und dann wurde es hell, es zuckte und glühte auf dem ſchreckenbleichen Antlitz; die Erinnerung brach mit ihrem Morgenroth herein, ſonnige Strahlen theilten die Nebel, welche über ihr Gedächtniß ſich gelagert licht und klar traten die erſten Jahre ihres Lebens vor ſie hin.

Lorenza! ſo nannte man meine Mutter, ſo nannte man mich rief ſie plötzlich, und die Augen mit dem Ausdruck einer Seherin emporhebend, als öffneten ſich ihr plötzlich Gefilde, in denen ſie einſt gewandelt, ſo fuhr ſie faſt athemlos fort:Licht, Duft und Blumen waren um mich tanzend und ſpielend lief ich dahin durch die Gänge des ſchönen Gartens, um zu den Armen meiner Mutter zu⸗ rückzukehren, die mich mit Liebkoſungen überſchüttete. Ein Tag war ſo ſchön wie der andere, der Himmel ſo blau, die Sonne ſo golden, und das Waſſer rauſchte lieblich und um ſpülte die weißen Marmorſtufen, die vom Garten aus hin⸗ unterführten; plätſchernd warfen die Wellen kleine Muſcheln und bunte, glänzende Steinchen an das Ufer, die ich nie müde wurde zu ſammeln. Nicht immer, aber oft war ein Mann bei uns, hoch und ſtattlich von Geſtalt, mit dunklem Haar und klaren, ach ſo klaren Augen, auch er war gütig zu mir, und ich nannte ihn Vater.

Durch eine plötzliche Ahnung getroffen, richtete die Sprechende ihre Augen zu dem Prinzen empor, aber die wenn auch kräftige, doch nicht mehr jugendliche Geſtalt, das ſilbergebleichte Haar, vermochte ſie nicht mit dem halb⸗ zerronnenen Bilde ihrer Erinnerung zuſammenzubringen. Und wieder fuhr ſie fort:Es war ſo wunderbar ſchön um mich, die Blumen blühten wie ich nie wieder Blumen blühen ſah es war ſo prächtig rings umher, wie ich es ſpäter in den ſchönen Märchen las, wo ich dann glaubte, ich hätte das alles einmal geträumt. Plötzlich wurde es dunkel um mich und doch war es nicht Nacht, doch lag ich nicht in meinem Bett; ich wollte ſchreien, ich vermochte es nicht es war als drücke eine feſte Hand auf meine Lippen, mein Kopf brannte, alle Glieder ſchmerzten mich, ich wurde gerüttelt und geſchüttelt, daß mir jeder Stoß wehe that. Was weiter geſchah wie lange dieſer Zu⸗ ſtand und die darauf folgende Bewußtloſtgkeit dauerte, das weiß ich nicht. Die erſte Erinnerung beginnt wieder, als ich auf einem ärmlichen Lager, in einer häßlichen, fin⸗ ſteren Stube erwachte. Lautes Sprechen, wüſtes Lär⸗ men war in dem Raume, aber das Reden war mir unver⸗ ſtändlich. Ein Mann trat zu mir, und ſeine Sprache ver⸗ ſtand ich; er nannte mich ſein Kind und ſagte mir, daß ich lange, lange krank geweſen ſei. Entſetzt blickte ich um mich, wie war es ſo kalt, ſchaurig und düſter! Draußen blühte

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