Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
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ſie für ihre Pflicht hielt, und ſein flehendes Bitten, ſein Schmerz rüttelte daran, daß ſie fürchtete, ihre Kraft würde ſie verlaſſen. Der lockenden Stimme zu entgehen, dem treu zu bleiben, was ſie als recht erkannt, wollte ſie ſich zu ihrer Mutter flüchten. Indem ſie von dannen eilte, entglitt ein offener Brief den Falten ihres Gewandes.

Herrmann hob ihn aufV; die Handſchrift, die, wenn auch verſtellt, dennoch die Florita's war, ſein Name, der ihm entgegen blickte, eine Ahnung, welche ihm zuraunte, daß Anna's Weigerung eng mit dieſem Briefe verknüpft ſei alles dies ließ ihn der Verſuchung nicht widerſtehen, den⸗ ſelben zu leſen. Jetzt war es klar jetzt ſtieg die Ge⸗ liebte noch in ſeinen Augen und es ſchien ihm noch weniger möglich ſich von ihr zu trennen; nach dieſem Briefe konnte ſie dennoch nicht einwilligen die Seinige zu werden. Er enthielt eine übertriebene Schilderung der Gerüchte, welche über den Vorfall im Theater in der Stadt im Umlauf waren. Das Geſpräch neulich im Caſino, ſeine Aeuße⸗ rungen dabei waren in einer hämiſchen Weiſe entſtellt und vergrößert, aus der deutlich hervorging, daß Graf Ohlen nicht beim Regimente bleiben könne, weil Keiner der Kame⸗ raden mit ihm dienen würde, wenn er die Verbindung mit einer einſtigen Kunſtreiterin ſchlöſſe, daß er, nach ſeinen Grundſätzen gerichtet, dadurch ehrlos werden würde. Das Ganze war mit einem Scheine der Wirklichkeit umkleidet, in einer naturwahren Art dargeſtellt, daß wohl ein Ande⸗ rer als die argloſe Anna daran geglaubt hätte, daß weni⸗ ger Liebe, als die ihres großen, reinen Herzens dazu ge⸗ hörte, um den Geliebten nicht all' den Gefahren auszuſetzen, die ſeiner zu harren ſchienen.

Bleich vor kochender Wuth zerknitterte Ohlen das Papier in ſeiner Hand, als Anna, die es vermißt, erſchreckt zurückkehrte.

Novellen⸗

Es iſt eine Verleumdung, ein Gewebe von Lug und Trug! Aber ich werde die. Verbreiter dieſer Gerüchte ent⸗ decken, und ſie ſollen es mir entgelten! Mit dieſen Wor⸗

Zeitung.

ten und Blicken, die noch mehr ſagten, ſtürzte er von eſgeid Veäſche

dannen.

So war das Maß ihres Elendes noch nicht voll! So gut wie ſie zu ahnen begann, daß Clairmont ſeine Hand dabei im Spiele habe, ſo gut würde Herrmann es vermu⸗ then und entdecken. Er würde ihn fordern, ſie wurden ſich ſchlagen. Der Baron war berühmt und berüchtegt durch ſeine Geſchicklichkeit, ſein Glück im Duell! Wie konnte ſie die Gefahr abwenden wo war Hülfe in der Todes⸗ noth? Und ihr Blick richtete ſich nach oben, wo ihr gläubiger, kindlicher Sinn immer zuerſt den Vater und Helfer ſuchte, ihr ſchwergepreßtes Herz machte dem Jam⸗ mer in einem Gebete Luft, in einem Gebete ſo herzerſchüt⸗ ternd innig und inbrünſtig, wie es nur in ſolchen Momen⸗ ten der Bruſt entſteigt. Wie die Engel es aufwärts trugen, da ſandten ſie wieder einen der Brüder zu der knie⸗ enden Jungfrau, der linderte die todesbangen Schmerzen ihrer Seele und fachte von neuem Muth und Hoffnung an.

Sie will, ſie wird ihn retten!

In das Palais des Prinzen Maximilian Auguſt, des Commandanten der Hauptſtadt, des Befehlshabers aller Truppen, ſchlüpften zwei tief verſchleierte weibliche Ge⸗ ſtalten. Obgleich die Stunde vorüber, in welcher der Prinz für Jeden, auch den Aermſten, zu ſprechen war, der ihm eine Bitte perſönlich vorzutragen verlangte, ſo fanden ſie dennoch Einlaß. Ein Lakai, der mit der einen der bei⸗ den Frauen bekannt ſchien, welche durch das ehrfurchtsvolle Zurücktreten ſich als die Dienerin bekundete, geleitete ſie glücklich bis an das Vorzimmer. Der Kammerdiener, welcher dem geliebten Herrn gern die ſeltene Erholung einer Mußeſtunde gönnte, wollte die Bittende abweiſen, aber er vermochte dem flehenden Tone ihrer Stimme nicht zu widerſtehen es war zu klar erſichtlich, daß die Angſt und Eile, die ſich in ihrem ganzen Weſen ausſprach, etwas Wichtigem gelten müſſe.

Nackens. Schwere Thränen floſſen jetzt über ſeine Wangen, die Augen des Malers beweinten das warme Schönheitsideal, das einſt für ihn lebendig geworden und nun geſtorben war, das Herz, das treue Herz des Jünglings aber verlangte laut nach der Ge⸗ liebten. Lucas Cranach ſtreckte die Arme aus und rief im Tone heißer Liebe:Barbara, kommt zu mir, ſeht, ich habe Euch Treue gehalten und werde ſie Euch halten in Ewigkeit! Ihr gehört hier⸗ her an mein Herz! Sie aber verhüllte ihr Geſicht und entfloh, die Mutter folgte ihr angſtvoll, der Vater aber näherte ſich dem jungen Manne, reichte ihm die Hand hin zum herzlichen Willkommen und ſagte traurig:Lucas Cranach, es iſt ſchwer für, Euch, aber auch für ſie. Sie hat unabläſſig Eurer gedacht, als ſie noch ſchön war! Letzten Herbſt bekam ſie die Blattern; die ſchreckliche Krankheit hat ſie unkenntlich gemacht. Jetzt will ſie Nonne werden. Macht ihr den Kampf nicht allzuſchwer!

Was für wunderſame Zaubermittel der junge Maler Lucas Cranach gebraucht, um dem Bräutchen den Nonnenſchleier zu ent⸗ reißen, iſt nimmer bekannt worden; ſo viel iſt aber gewiß, daß er im Jahre 1500 eine gar fröhliche Hochzeit hielt mit der tugend⸗ ſamen Jungfrau Barbara Brenzbier. Beim Hochzeitsmahle, allwo es gar hoch herging, denn der wackere Bürgermeiſter von Gotha war ſtolz auf ſeinen Eidane deſſen Ruhm ſchon helle Strahlen durch die deutſchen Lande ſandte beim Hochzeitsmahle alſo umfaßte der junge Eheherr ſein Weib ſo ſelig und ſchaute ſo liebe⸗ trunken in ihr reizloſes Angeſicht, als hielte er die ſchönſte Mäd⸗ chenroſe in ſeinen Armen. Mamher ſchüttelte dazu erwundert den Kopf und meinte, die Barbara Amüſſe den bildhübſchen Jüng⸗

ling verblendet haben mit einem Liebestränklein. Ja verblendet hatte ſie ihn auch, aber nicht mit einem Trank. Echte und rechte Maleraugen ſchauen tiefer als die Augen aller Erdenkinder, ihrem Blicke entſchleiern ſich die Seelen; Lucas Cranach hatte die Seele der Geliebten angeſchaut und über die hohe wundervolle unver⸗ gängliche Schönheit, die ſich ihm da enthüllt, gar ſchnell die ver⸗ welkte Blüthe des Angeſichts vergeſſen. Er zog mit ſeiner Barbara

nach der Stadt Wittenberg, wo man ihn ſo hoch ehrte, daß man

ihn endlich gar zum Bürgermeiſter erwählte. Sein Weib wurde die Roſe ſeines Lebens, aber eine dornenloſe, eine treue Mutter ſeiner Kinder, eine ſanfte engelliebe Gefährtin ſeiner Tage. Den Roſenſtock, der ihr den Geliebten erworben, hatte ſie mitge⸗ nommen in die neue Heimath und hielt ihn gar hoch in Ehren. Er ſtand nun, ein ſtattlicher Baum, im kleinen Gärtchen zu Wit⸗ tenberg und gab ſeine rothen Blumen willig her zu manchem

Chrentage, mancher frohen Braut, aber auch zu mancher Todten⸗

krone. Zum letzten Mal blühte er am Todestage der frommen Barbara im Monat Juni des Jahres 1540. Man pflanzte ihn dann auf ihr Grab, aber er hat nie wieder Roſen getragen.

Lucas Cranach hat ſein Weib nur ein einzig Mal gemalt und auch nur auf die Bitten des wackern Bürgermeiſters von Gotha und ſeiner freundlichen Ehefrau. Er malte Barbara im Hochzeitsgewande und ſich ſelbſt neben ihr ſtehend. Dieſem Bilde gab man ſpäter die Bezeichnung:Heirath eines Jünglings mit einer häßlichen Frau, und unter dieſem Namen findet man es noch heute in der Petersburger Galerie.

IV. Jahrg. N l

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